Interview über meinen Roman "Byzanz"

Interview über meinen Roman „Byzanz“

Das Gespräch führte Jurema Kielmann für das Buchjournal 2013.

 

Warum ist die Zeit um 1450 so wichtig für Byzanz?

Im Jahr 1453 wird Byzanz von den Türken erobert. Damit endet die über zweitausendjährige Geschichte des Römischen Reiches, denn Byzanz sah sich als Ostrom ja auch als Rechtsnachfolger des Römischen Reiches. Es sollte Westrom, das im 5. Jahrhundert dem Ansturm der Germanen erlag, um eintausend Jahre überleben. Aber der Untergang dieser alten Hochkultur war keineswegs zwangsläufig. Selbst in den letzten Jahren vor dem Fall der Stadt, hätte es noch Rettung geben können. Wie dramatisch die Kämpfe, wie schicksalhaft die Auseinandersetzungen waren, erfährt man im Roman. Hätten sich die byzantinischen Eliten aus ihrer Lethargie, aus den Fesselungen der Korruption gelöst, hätten es die Kirchenfürsten vermocht, über ihren Schatten zu springen und hätte man in Europa begriffen, was die Stunde geschlagen hatte, wäre Byzanz nicht wie eine überreife Frucht Mehmed II. in den Schoß gefallen. Warum und wie es dazu kam, was das für die Menschen bedeutete, wie sie auch die Augen geschlossen haben vor der Wirklichkeit, in der Hoffnung, dass es doch noch gut ausgehen würde – diese faszinierende, und auf bestimmte Art sehr aktuelle Geschichte erzählt der Roman. Die Zeit um 1450 ist nicht nur für Konstantinopel, sondern auch für Europa ein Jahr der Weichenstellung. Mit Folgen bis auf den heutigen Tag.

Wie schwer ist es, Fiktion und Fakten zu einem spannenden Text zu verweben?

Mein ästhetisches Prinzip heißt ja Erfinden durch Finden. Ich bin geradezu besessen davon, der historischen Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen, denn nur dieser Weg führt zur Authentizität. Mit geht es um das Schicksal von Menschen, um ihre Hoffnungen und ihre Ängste, nicht um meine. Das allein schützt davor, Konstrukte, die man euphemistisch Figuren nennt, durch eine Handlung, die man am Reißbrett skizziert, zu jagen. Deshalb sind meine Figuren niemals nur böse oder nur gut, sondern sie sind in ihrer ganzen Vielfalt Menschen. Vor platten Figuren, die durch einen pseudohistorischen Raum watscheln, graut es mir. Menschen müssen Menschen sein, vor allem im Buch. Im übrigen haben nicht nur im Deutschen die Begriffe Geschichte und Geschichten den gleichen Wortstamm, auch im Englischen kennt man History und Story. Das kann kein Zufall sein: Geschichte muss durch Geschichten erzählt werden. Offen gestanden weiß ich es nicht, ob es schwer ist, Fakten und Fiktion zu einem spannenden Text zu verweben. Ich muss die Welt, die ich erzähle – übrigens nicht nur im historischen Roman – sehr gut kennen. Das setzt eine umfangreiche Recherche voraus. Lebendig wird diese Welt erst durch die Fiktion. Aber was ist Fiktion anderes, als das, was geschehen ist und das, was geschehen sein könnte, hautnah und authentisch zu erleben. Vielleicht gibt es leichtere Wege, aber das hilft mir nichts, ich kann es nicht anders machen, nicht die Klischees einer Welt interessieren mich, sondern die Welt selbst, nicht nach Menschen aus der Retorte suche ich, sondern nach lebendigem Leben. Und glauben Sie mir, meine Figuren überraschen mich beständig im Prozeß des Schreibens, d.h. sie haben ein eigenes Leben begonnen. Manchmal schreibe ich nur mit, was sie tun. Ich kann es mir nicht aussuchen, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte. Meine Wünsche zählen beim Schreiben nicht. Fiktion und Fakten haben sich längst zu einer Erzählung vereint, die ich protokollieren darf und muss.

Ist es schwieriger einen historischen Roman mit einer realen Handlung zu schreiben, als etwas, das ganz fiktiv ist?

Ich weiß nicht, was ganz fiktiv ist. Wenn es um eine vollkommen ausgedachte Handlung geht, stellt sich die Frage, woraus etwas gedacht wird: aus Fakten oder aus Vorurteilen und Wünschen des Autors. Es stehen sich eben nicht eine in der Vergangenheit so und nicht anders abgelaufene Handlung und eine vollkommen ausgedachte Handlung gegenüber. Die Geschichten unterscheiden sich nicht im Maß an Fiktionalität, sondern im Maß an Authentizität, an Wirklichkeit und an Wahrhaftigkeit.

Was inspirierte Sie dazu, diesen Roman zu schreiben?

Eigentlich nur zwei Dinge: eine Situation, nämlich ein Staat, der vom Untergang bedroht ist, weil seine Elite korrupt, bürokratisch, egoistisch und parasitär ist, eine Gesellschaft die jegliche Dynamik eingebüßt hat, und die Hauptfiguren: Alexios Angelos und Loukas Notaras. Aber ich verrate Ihnen etwas: tatsächlich stand am Anfang Anna Palaiologina.

Wenn Sie in die Story reinspringen könnten, wo würden Sie es tun?

Gern hätte ich mit Loukas den jüdischen Händler Jakub Alhambra in Bursa besucht oder den Prinzen Murad in Amasia. Gern wäre ich auch mit Anna und Nikolaus von Kues, den ich tatsächlich gern kennengelernt hätte, in Konstantinopel auf Bücherjagd gegangen. Aber ein wenig habe ich ihn ja kennengelernt.

Loukas und Alexis sind so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten, dennoch sind beider weder ganz gut noch ganz böse. Wen finden Sie sympathischer? Und warum?

Sie sind keine Abziehbilder, keine Comicfiguren, sondern Menschen, die wie alle Menschen die Veranlagung zum Engel und zum Teufel in sich tragen, die sich entwickeln, die ihre Erfahrungen machen: kurz die leben. Mit Figuren, die entweder nur böse oder nur gut sind, würde ich mich langweilen. Verunsichern uns in unserem Leben nicht immer wieder Menschen, weil sie etwas tun, was wir nie von ihnen erwartet haben, oder anders reagieren, als wir erwarteten? Warum sollte es im Roman anders als im Leben zugehen, warum sollten im Roman die Menschen eindimensionaler sein als im Leben? Ich kann Ihnen nicht sagen, wer mir sympathischer ist. Das Urteil steht mir als Autor nicht zu. Ich habe die Figuren zu erzählen, nicht sie zu beurteilen. Das Privileg gebührt dem Leser.

Wären die beiden auch ohne den Kampf um Eirene Feinde geworden?

Sie vertreten unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und von der Zukunft Konstantinopels, Positionen, die sich gegenseitig ausschließen. Das ist tragisch, denn ihre Zusammenarbeit hätte die Stadt retten können, da sie beide richtiges und falsches vertreten. Man kann ihnen das nicht vorwerfen, denn ihre Lebenserfahrung unterscheidet sich gravierend. Die große Geschichte erzählt sich in der kleinen Geschichte einzelner Menschen. Eirene muss sich entscheiden, welcher Lebensentwurf für sie der richtige ist. Eirene ist nach der griechischen Mythologie ja auch die Göttin des Friedens und des Wohlstandes.

Beim Lesen konnte ich das Byzanz von damals riechen und fühlen. Wie haben Sie dafür recherchiert?

Wenn die Erzählung diese Dichte erreicht, freut mich das sehr, denn ich möchte den Leser in diesen fremden Ort und diese andere Zeit entführen, und mühe mich redlich, dass der Roman wie eine Zeitmaschine funktioniert. Ob mir das gelang, darüber muss der Leser entscheiden, aber ich tue zumindest alles dafür, was in meiner Macht steht – und die Voraussetzung dafür ist die Recherche. So notwendig es ist, vor Ort zu sein, ist es erstaunlicherweise nicht das wichtigste, denn Istanbul ist nicht mit Konstantinopel identisch. Aber auch das Konstantinopel des Jahres 1450 ist nicht die Stadt des Jahres 1220. Bibliotheken, Archive und Ausstellungen sind das wichtigste Hilfsmittel. Sie müssen Texte aus dieser Zeit lesen, wenn es geht banale neben hochphilosophische, theologische neben beispielsweise Gebrauchsanweisungen wie Malerhandbücher und Medizinlehrbücher. Unterhaltungsromane, Gassenhauer aus dieser Zeit vermitteln Denken, Fühlen, Ausdrucks– und Sprechweise dieser Zeit. Sprachen spielen im Roman eine große Rolle, denn wer hat wie gesprochen, wie hat man sich verständigt, wie funktioniert Kommunikation. Wie können Menschen miteinander geredet haben und wie nicht. Tagebücher, wie beispielweise das von Georgios Sphrantzes, sind sehr wichtig. Aus dem Jahr 1434 stammt beispielsweise das Manuskript des venezianischen Seemannes Michael von Rhodos, der über Mathematik, Astronomie, Astrologie, Navigation und Schiffbau geschrieben und zudem von seinen Reisen berichtet hat. Sehr schwierig gestaltete sich das Studium der Kleidung, denn im Gegensatz zur reichen Malerei der Italiener, Niederländer, Spanier und der Deutschen, haben die Byzantiner nicht die großen Gemälde anfertigen lassen, sondern die Ikonenmalerei gefördert, die eben nicht die Mode der Zeit festhielt. Da waren doch sehr verschlungene Wege zu gehen nötig.

Ist im heutigen Istanbul noch was vom damaligen Byzanz zu erkennen?

Es gibt noch einiges, aus der Roman-Zeit in Istanbul zu sehen. Nicht zuletzt die Hagia Sophia, die Theodosianische  Landmauer, die ja im Roman eine wichtige Rolle spielt, die Seemauern, die berühmte Zisterne (heute Yerebetan-Zisterne oder auch „Versunkener Palast“), dann natürlich das Chora-Kloster, auch die sogenannte Kleine Hagia Sophia, die Irenenkirche (Hagia Eirene), die Straßenverläufe, der Verlauf des Hippodroms, der Galataturm (=Genueserturm), noch diverse andere Kirchen sowie viel Archäologisches. Außerdem der Bosporus.

Was sollte man sich bei einem Besuch dort auf jeden Fall anschauen?

Natürlich gehört der Hagia Sophia als UNESCO-Weltkulturerbe der erste Besuch. Außerdem ist sie wunderschön. Gleich nebenan ist die berühmte Sultanahmed- Moschee (Blaue Moschee), die sich in Vielem an die Hagia Sophia anlehnt. Vergleichen Sie die beiden mal. Außerdem gehört der Topkapi-Palast aufs Programm und wenn sie schon da sind, sollten Sie sich die Yerebetan-Zisterne nicht entgehen lassen. Die ist sehr romantisch. Nicht versäumen würde ich den Großen Basar oder den Gewürzbasar (vorher lernen, wie man richtig handelt). Und ganz persönlich: Bummeln Sie mal entspannt durch die zahlreichen Gassen mit den vielen Läden und Menschen zwischen der Galata-Brücke und der großartigen Süleymaniye-Moschee: Dann sind Sie im Orient. Wer länger da und neugierig ist, der wird noch so viele herrliche Dinge in Istanbul entdecken können. Istanbul ist eine der schönsten und interessantesten Städte auf dem europäischen Kontinent und zugleich eine Brücke zwischen Orient und Okzident. Scheuen Sie sich auch nicht, mit Istanbulern in Kontakt zu kommen. Viele sprechen deutsch oder englisch und sind sehr weltoffen.

Wie kam es zur Veränderung vom Drehbuchautor und Produzent zum Autor von Sachbüchern und historischen Romanen?

Irgendwann war ich es müde, Dialoge zu schreiben und mir Beschränkungen aufzuerlegen, die entweder etwas mit der Frage der Finanzierbarkeit oder des Geschmacks des Redakteurs oder Regisseurs zu tun hatten. Im Fernsehen sind sie Dienstleister in einem extrem arbeitsteiligen Prozeß, im Buch Erzähler. Beim Schreiben kann ich in einen neue Welt eintauchen und bin für sie von der ersten bis zur letzten Seite verantwortlich, ohne Kompromisse zu machen. Wenn die Leser mein Buch nicht annehmen, es sie nicht interessiert oder es ihnen nicht gefällt, dann muss ich das als Autor zur Kenntnis nehmen und mich damit auseinandersetzen, aber es bleibt mir erspart, wider besseren Wissens einem Kompromiss zuzustimmen, der dann zum erwartbaren Misserfolg führt. Ich bin für mein Buch im guten, wie im schlechten als Schriftsteller verantwortlich. Das ist es, was ich möchte: Geschichten so zu erzählen, wie sie meiner Meinung nach erzählt werden wollen und erzählt werden müssen.

Was schreiben Sie am liebsten?

Immer das aktuelle Projekt. Die Sachbücher sind in gewisser Weise auch Recherche für die Romane, da meine Sachbücher erzählte Sachbücher sind, trainiert der Roman das Erzählen auch für die Sachbücher. Das einzige, was ich nicht gerne schreibe, sind Exposés, weil ich im Exposé immer etwas behaupten muss, was ich erst im Buch erfahre. Mir tut der Wechsel zwischen Sachbuch und Roman gut und verhindert, dass ich in eine schlechte Routine komme und nach bestimmten, stets wiederkehrenden Mustern schreibe. Jedes neue Buch soll den Leser überraschen, das setzt voraus, dass es zunächst mich überrascht.

Und worauf können wir uns demnächst noch von Ihnen freuen?

Einen Roman möchte ich noch sehr gern in der Renaissance spielen lassen, bevor ich die Zeit wechsle. Wo und wann genau er spielt, das wird noch nicht verraten. Ich bin insofern abergläubig, dass ich denke, es bringt Unglück, über etwas zu sprechen, was ich noch nicht angefangen habe. Soviel darf ich aber verraten, dass es eine große Familiengeschichte wird, die mit zwei Schiffen endet, die in verschiedene Richtungen aufbrechen. Wie auch ich danach in ein anderes Zeitalter gehen werde – vielleicht an Bord eines der beiden Schiffe.

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