Interview: Dürer und seine Zeit - im Aufbruch muß kein Abbruch liegen...

Interview: Dürer und seine Zeit – im Aufbruch muß kein Abbruch liegen…

Klaus-Rüdiger Mai über die Rolle der Religion in Europa, seine neue Dürer-Biographie, die gegenwärtige Umbruchsituation und die Notwendigkeit einer neuen Universalität. von Christiane Baumann Ersterschienen auf Schattenblick.de

Kri­mis, Sach­bü­cher, Bio­gra­phi­en ge­schrie­ben aus der Feder eines Au­tors, geht das? Und ob, der Schrift­stel­ler und His­to­ri­ker Klaus-Rü­di­ger Mai bringt alle diese Gen­res unter einen Hut. Unter dem Pseud­onym Se­bas­ti­an Fle­ming ver­öf­fent­licht er seine his­to­ri­schen Ro­ma­ne, als Ni­cho­las Les­sing seine Lam­ber­ti­ni-Kri­mis. Aber das ist noch nicht alles. Mai hat jah­re­lang als Thea­ter­re­gis­seur ge­ar­bei­tet, ist nach wie vor als Autor für Film und Fern­se­hen tätig, aber auch für Radio und Zei­tung spitzt er gern die Feder. Uni­ver­sa­li­tät kann durch­aus als sein An­spruch for­mu­liert wer­den. So nimmt es nicht wun­der, dass er nach sei­nem Er­folgs­buch. “Die Bachs” über die be­kann­te deut­sche Mu­si­ker­fa­mi­lie und sei­ner viel be­ach­te­ten Lu­ther-Bio­gra­phie sich mit sei­nem neu­es­ten Buch Al­brecht Dürer, dem “Uni­ver­sal­ge­nie der Deut­schen”, nä­hert. Chris­tia­ne Bau­mann sprach mit Klaus-Rü­di­ger Mai, der im bran­den­bur­gi­schen Daben­dorf als frei­er Schrift­stel­ler lebt.

Schat­ten­blick (SB): Herr Mai, Sie haben die­ser Tage für Ihren 2013 er­schie­ne­nen Essay “Lob der Re­li­gi­on” den “Hol­län­di­schen Preis für das beste re­li­giö­se Buch 2015” er­hal­ten, der von einer Jury mit dem Prä­si­den­ten der Ka­tho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­wen an der Spit­ze ver­ge­ben wird. Wel­che Be­deu­tung hat die­ser Preis für Sie?

Klaus-Rü­di­ger Mai (KRM): Den Essay zu schrei­ben, lag mir am Her­zen, weil ich in ihm poin­tiert Ana­ly­sen, Be­trach­tun­gen und Über­le­gun­gen zur Re­li­gi­on dar­le­gen kann. Aus­lö­ser für den Essay war eine Ta­xi­fahrt, wäh­rend der ein ge­schwät­zi­ger Fah­rer mir von Ri­chard Daw­kins “Got­tes­wahn” vor­schwärm­te. Die Ar­ro­ganz und das er­staun­lich nied­ri­ge Ni­veau der Ar­gu­men­ta­ti­on in die­sem Buch ver­blüff­ten mich. Daw­kins zi­tiert Dou­glas Adams: “Ge­nügt es nicht zu sehen, dass ein Gar­ten schön ist, ohne dass man auch noch glau­ben müss­te, dass Feen darin woh­nen?” Warum soll ich aber, frag­te ich mich, mei­ner Toch­ter und ihren Freun­din­nen den Glau­ben an Feen neh­men? Des­halb schrieb ich den Essay. Und so fin­den Sie in der Wid­mung des Bu­ches, wes­halb mir der Essay am Her­zen und im Ver­stand liegt: “Ge­wid­met mei­ner Toch­ter und den Kin­dern ihrer Klas­se, ihrer Schu­le, allen Kin­dern, auf dass wir nicht im ra­sen­den Ego­is­mus ihre Zu­kunft ver­nich­ten.” Alle eu­ro­päi­sche Ge­schich­te vor dem 20. Jahr­hun­dert lässt sich nur er­zäh­len, wenn man den Stel­len­wert der Re­li­gi­on wür­digt. Ohne die Kennt­nis des Chris­ten­tums blei­ben uns weite Ge­bie­te des Le­bens, der Kul­tur, be­son­ders der Li­te­ra­tur, Musik, bil­den­den und dar­stel­len­den Kunst in Eu­ro­pa ver­schlos­sen. Des­halb hat es mich sehr in­ter­es­siert, nicht als Theo­lo­ge, der ich ja auch nicht bin, son­dern als His­to­ri­ker, über die Be­deu­tung der Re­li­gi­on in der Ge­schich­te nach­zu­den­ken. In Zei­ten des Wan­dels ist eine kul­tu­rel­le Er­in­ne­rung not­wen­dig, weil sie die Not wen­den könn­te. Kul­tur ist die Art und Weise, wie wir leben. asics chaussures Dass die­ser Essay ins Nie­der­län­di­sche über­setzt wurde, war eine große Freude und Ehre für mich, der Preis ist es über­dies.

SB: Das Buch ist ein nach­drück­li­ches Plä­doy­er für den Glau­ben. Sie sind His­to­ri­ker, ken­nen Wege und Irr­we­ge der Kir­chen- und Re­li­gi­ons­ge­schich­te sehr genau. Den­noch in­sis­tie­ren Sie, dass Re­li­gi­on heute mehr denn je ge­braucht wird, warum?

KRM: Was wir unter Eu­ro­pa ver­ste­hen, fin­det sei­nen Grund im Chris­ten­tum. Als das Rö­mi­sche Reich un­ter­zu­ge­hen droh­te, weil ihm ein in­te­gra­ti­ver Wer­te­ka­non ab­han­den ge­kom­men war, wurde das Chris­ten­tum Staats­re­li­gi­on und si­cher­te dem Reich noch wei­te­re zwei Jahr­hun­der­te die Exis­tenz. Dass nach dem Un­ter­gang Roms sich in Eu­ro­pa eine neue Ge­sell­schaft her­aus­bil­de­te, lag nicht zu­letzt am Chris­ten­tum, das zum einen die Kon­ti­nui­tät bot, zum an­de­ren Eu­ro­pa ver­recht­lich­te. In den Klös­tern er­folg­te die Über­tra­gung des an­ti­ken Wis­sens. Ein an­de­rer Weg, auf dem an­ti­kes Wis­sen nach Eu­ro­pa kam, nahm in Kon­stan­ti­no­pel sei­nen Aus­gang. Durch das Uni­ons­kon­zil von Fer­ra­ra/Flo­renz (1438/39) und die Er­obe­rung Kon­stan­ti­no­pels durch die Os­ma­nen 1453 kamen grie­chi­sche Ge­lehr­te und in ihrem Ge­päck viele Texte nach Eu­ro­pa. Es ver­wun­dert daher nicht, dass aus­ge­rech­net in Ve­ne­dig die erste Dru­cke­rei ent­stand, die Edi­tio­nen grie­chi­scher Phi­lo­so­phen brach­te, denn dort exis­tier­te zu­gleich die größ­te Exil­ge­mein­de der Grie­chen. Den An­fang der Auf­klä­rung sehe ich in Lu­thers “Von der Frei­heit eines Chris­ten­men­schen”. Von hier führt der Weg zu Des­car­tes und zu Kant, zur Er­klä­rung der Men­schen- und Bür­ger­rech­te. Um es kurz zu sagen: ohne Chris­ten­tum keine Auf­klä­rung, keine De­kla­ra­ti­on der Men­schen- und Bür­ger­rech­te, keine mo­der­ne Wis­sen­schaft und Tech­nik. Was die Ver­bre­chen der Kir­che be­trifft, exis­tiert hier­über viel Un­kennt­nis. Kir­che war immer Kir­che zu ihrer Zeit, das heißt so, wie all­ge­mein in der Zeit ge­han­delt wurde, wurde auch im Namen des Glau­bens ge­han­delt. Welt­li­che Feu­dal­her­ren un­ter­schie­den sich nicht von Kir­chen­fürs­ten. chaussure Puma Glau­bens­ver­fol­gun­gen fin­den wir auch im Islam. Die zeit­ge­nös­si­schen Mus­li­me nann­ten die Kreuz­fah­rer Fran­ken, denn sie sahen sie in ers­ter Linie als Kon­kur­ren­ten im Kampf um Macht und Ter­ri­to­ri­en, und die Al­li­an­zen in den Kreuz­zü­gen lie­fen oft nicht ent­lang der Kon­fes­si­ons­gren­zen. Je­ru­sa­lem war eine jü­di­sche und dann auch eine christ­li­che Stadt, bevor sie von den Mus­li­men er­obert wurde. Die Ent­wick­lung im Islam und im Christen­tum wei­sen bis ins 15. Jahr­hun­dert viele Par­al­le­len auf. Das Mit­tel­al­ter ist uni­ver­sell. Erst in der frü­hen Neu­zeit tren­nen sich West und Ost. Man muss auf­pas­sen, dass man in der Be­ur­tei­lung der Kreuz­zü­ge nicht einem My­thos des Ori­en­ta­lis­mus auf­sitzt, der po­li­tisch in­zwi­schen gern be­nutzt wird. Eu­ro­pa hat sich nicht gegen, son­dern aus dem Chris­ten­tum ent­wi­ckelt. Ver­ach­ten wir das Chris­ten­tum, ver­ach­ten wir uns. Ein mo­der­nes Eu­ro­pa, das aus sei­ner rei­chen Tra­di­ti­on und Kul­tur lebt, wird es ohne Chris­ten­tum nicht geben. Die­je­ni­gen, die das Chris­ten­tum für über­flüs­sig hal­ten und sich auf­ge­klärt dün­kend auf die Re­li­gi­on Eu­ro­pas her­ab­schau­en, er­in­nern mich an Hans im Glück aus dem be­kann­ten Grimm­schen Mär­chen.

SB: Druck­frisch er­schie­nen ist Ihre Bio­gra­phie über Al­brecht Dürer, in der Sie un­ge­heu­er plas­tisch die Be­deu­tung des Glau­bens im All­tag der Men­schen des Mit­tel­al­ters be­schrei­ben. Was hat Sie zu Al­brecht Dürer ge­trie­ben, ein Ju­bi­lä­um war es ja of­fen­sicht­lich nicht?

KRM: Dürer fas­zi­niert mich in sei­ner Uni­ver­sa­li­tät, in sei­nem geis­ti­gen und künst­le­ri­schen Reich­tum, in sei­nem un­be­ding­ten Drang nach Wis­sen. Das Zeich­nen und das Malen wer­den ihm zu Mit­teln, die Welt zu er­ken­nen, ich nenne das im Buch “zur Wahr­heit durch­ma­len”. Gleich­zei­tig steht Al­brecht Dürer – und darin un­ter­schei­det er sich von den an­de­ren deut­schen Ma­lern – mit­ten in der hu­ma­nis­ti­schen Be­we­gung, wird er als ein­zi­ger Maler von den Hu­ma­nis­ten, die ja alles Leute der Feder, also Ge­lehr­te, Li­te­ra­ten und Dich­ter waren, als Hu­ma­nist an­er­kannt. Con­rad Cel­tis, der König der deut­schen Hu­ma­nis­ten, rühmt Dürer, dass er Phi­lo­so­phie male. Mit den Hu­ma­nis­ten steht Dürer an der Wiege einer deut­schen Kul­tur, die sich ers­tens als deut­sche Kul­tur emp­fin­det und zwei­tens di­rekt über die trans­la­tio stu­dii et ar­ti­um, also über die Re­zep­ti­on und Fort­set­zung an­ti­ker Wis­sen­schaft und Kunst, den Bogen zum Al­ter­tum, zur An­ti­ke schlägt. Zudem in­ter­es­siert mich die frühe Neu­zeit, weil ge­ra­de in die­ser Zeit un­se­re mo­der­ne Welt ent­steht, das Pa­ra­dig­ma, das nun zu Ende zu gehen scheint. Stand Dürer am An­fang die­ser gro­ßen Epo­che, schei­nen wir am Ende die­ser Epo­che zu ste­hen. Un­se­re und Dü­rers Zeit ver­bin­det der Epo­chen­wech­sel, der Pa­ra­dig­men­wech­sel. Es ist ein gro­ßer Irr­tum zu glau­ben, dass un­se­re Welt aus der Re­nais­sance ent­stan­den ist. Es scheint viel mehr so zu sein, dass der Uni­ver­sa­lis­mus der Re­nais­sance, die Panso­phie und die gro­ßen Ma­gi­er bei­sei­te ge­scho­ben wur­den durch die Re­for­ma­ti­on und durch den Ra­tio­na­lis­mus.

SB: Sie haben für Ihr Dü­rer-Buch einen be­zie­hungs­rei­chen Un­ter­ti­tel ge­wählt. “Das Uni­ver­sal­ge­nie der Deut­schen” spielt auf Leo­nar­do da Vinci an. Da Vinci war Maler, Bild­hau­er, Ar­chi­tekt, Schrift­stel­ler, Ana­tom, Me­cha­ni­ker, was man ein­drucks­voll an sei­nem letz­ten Wohn­sitz im fran­zö­si­schen Am­boi­se nach­voll­zie­hen kann. Was hat Dürer in die­ser Di­men­si­on in die Waag­scha­le zu wer­fen, wor­auf stüt­zen Sie eine sol­che Par­al­le­li­tät?

KRM: Dürer ist nicht we­ni­ger uni­ver­sell als Leo­nar­do da Vinci, den er üb­ri­gens sehr ge­schätzt hat. Ver­gleicht man Leo­nar­dos und Al­brechts Schrif­ten zur Ma­le­rei, fin­den sich er­staun­li­che Par­al­le­len. Dürer malte, zeich­ne­te, stach in Kup­fer, schnitt ins Holz, ex­pe­ri­men­tier­te mit der Kalt­na­del, er in­ter­es­sier­te sich lei­den­schaft­lich für eine wis­sen­schaft­li­che Pro­por­ti­ons- und Per­spek­tiv­leh­re. Er be­schäf­tig­te sich mit Waf­fen und mit der Fes­tungs­bau­kunst und mit der Ar­chi­tek­tur. Er besaß ein gro­ßes phi­lo­so­phi­sches In­ter­es­se. Über­all leis­te­te er Be­deu­ten­des. Nur seine Dich­tungs­ver­su­che miss­glück­ten. Der Maler, der im Bild eine Welt zu er­schaf­fen hatte, war auch ein wenig wie Gott, das heißt im Malen konn­te er Gott er­ken­nen, also die Welt und ihr in­ners­tes Prin­zip. Der große Un­ter­schied zwi­schen Leo­nar­do und Al­brecht ist der, dass mei­nes Er­ach­tens Leo­nar­do einen ana­ly­ti­schen Ge­ni­us besaß und Al­brecht ein syn­the­ti­sches Genie war.

SB: Uns tren­nen mehr als 500 Jahre von Dürer. Wie lässt sich an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass viele Do­ku­men­te ver­lo­ren­ge­gan­gen sind, ein sol­cher uni­ver­sel­ler An­satz in einer Bio­gra­fie nach­wei­sen? Oder an­ders ge­fragt: Wie viel Spe­ku­la­ti­on steckt in einer sol­chen Her­an­ge­hens­wei­se?

KRM: Spe­ku­la­ti­on keine, die durch er­zäh­le­ri­sche Er­fah­rung ge­stütz­te Suche nach dem Leben sehr viel. Es gibt so etwas wie eine Logik des Le­bens, Plau­si­bi­li­tä­ten. Selbst in der ra­tio­nals­ten Wis­sen­schaft exis­tie­ren me­ta­phy­si­sche Mo­men­te, Au­gen­bli­cke der Ent­schei­dung, die immer auch In­tui­ti­on ent­hält. Es gibt kei­nen gro­ßen Wis­sen­schaft­ler ohne In­tui­ti­on, dafür aber viele klei­ne, deren Angst vor der In­tui­ti­on schließ­lich zum Re­vi­sio­nis­mus, zum Ob­sku­ran­tis­mus führt. Im Grun­de ist es Angst vor dem Leben. Sie glei­chen dem Mann, der plötz­lich nicht mehr gehen kann, weil er sich den Vor­gang des Ge­hens nicht voll­stän­dig zu er­klä­ren weiß. Das Fas­zi­nie­ren­de an der bio­gra­phi­schen Me­tho­de ist, dass man ers­tens den Men­schen in der Ge­schich­te fin­det und man zwei­tens zu neuen Er­geb­nis­sen zu ge­lan­gen ver­mag, indem die de­tek­ti­vi­sche Re­cher­che und Ver­knüp­fung ein neues Lesen der Quel­len er­mög­licht. Es gibt bei­spiels­wei­se eine klei­ne Stel­le in Dü­rers Ta­ge­buch der Nie­der­län­di­schen Reise, die ein neues Licht auf Agnes Dürer wirft und die trotz aller Se­kun­där­li­te­ra­tur mei­nes Wis­sens bis­her in ihrer Be­deu­tung ver­kannt wurde. Bevor ich aber diese Ge­schich­te er­zäh­le, halte ich inne, denn bes­ser als im Buch kann ich diese Epi­so­de hier nicht schil­dern. Mit Schmun­zeln ge­sagt: dem Leser soll noch etwas zur Lek­tü­re blei­ben.

SB: Blickt man auf die Fülle an Se­kun­där­li­te­ra­tur, Mo­no­gra­fi­en und Ein­zeldar­stel­lun­gen, die zu Al­brecht Dürer vor­lie­gen, so drängt sich die Frage auf, was wir ei­gent­lich über die­sen Künst­ler noch nicht wis­sen. Ist dabei der Mensch Dürer bis­lang zu kurz ge­kom­men? KRM: Ganz grund­sätz­lich lässt sich na­tür­lich ant­wor­ten, dass jede neue Zeit sich wie­der und wie­der mit so be­deu­ten­den Ge­ni­en wie Dürer oder Lu­ther aus­ein­an­der­set­zen muss. Es bleibt immer etwas Un­er­schlos­se­nes, weil jede neue Zeit eine an­de­re Fra­ge­stel­lung und einen an­de­ren Blick be­sitzt. Was ich ver­sucht habe, üb­ri­gens auch bei den Bachs und bei Mar­tin Lu­ther, ist, nicht über die Zeit zu schrei­ben, nicht auf die Zeit und meine Haupt­fi­gur her­ab­zu­schau­en, son­dern die Zeit­rei­se zu wagen, mich in die Zeit zu ver­set­zen, mit mei­ner Haupt­fi­gur, mit ihren Augen in die Zeit zu schau­en. Da wird es wirk­lich span­nend. Und bei einem Maler wie Dürer be­kommt das Bild vom Sehen noch eine tie­fe­re und sehr reiz­vol­le Be­deu­tung. SB: Sie haben den An­spruch, Dü­rers Bio­gra­fie ana­log zum Bild zu ent­wi­ckeln, was ja meh­re­re Sei­ten um­fasst: die Ge­schich­te der bil­den­den Kunst, die Ge­schich­te der Dürer’schen Bil­der, aber auch das, was uns die Bil­der er­zäh­len. Für mich sind Ihre Über­le­gun­gen und Schluss­fol­ge­run­gen mit­un­ter ver­blüf­fend, aber stim­mig. Damit wagen Sie sich, nach­dem Sie mit Ihrem Bach-Buch die Mu­sik­wis­sen­schaft auf den Plan ge­ru­fen haben, auf das Ter­rain des Kunst­his­to­ri­kers. War das eine Grat­wan­de­rung für Sie?

KRM: Man muss jede Vor­stel­lung und die wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­si­on ernst neh­men, aber zu­gleich darf man sich nicht davon ein­engen las­sen. Fach­wis­sen­schaft­ler nei­gen mit­un­ter dazu, wenn sie eine Bio­gra­phie ver­fas­sen, nicht Leben zu er­zäh­len, son­dern eine Auf­satz­samm­lung zum Thema zu kom­po­nie­ren. New Balance Baskets Femme Aber das ist es, worum es in einer Bio­gra­phie geht: Leben er­zäh­len, Leben fin­den und Leben er­zäh­len. Und um Leben zu fin­den, sucht man na­tür­lich be­son­ders gründ­lich, wo Leben ge­schieht, bei einem Maler in sei­nen Bil­dern, bei einem Kom­po­nis­ten in sei­nen Kom­po­si­tio­nen. Doch Vor­sicht: Da das Hand­werk des Künst­lers in der Über­set­zung von Wirk­lich­keit in Wirk­lich­keit be­steht, darf man kei­nes­falls die künst­le­ri­schen Pro­duk­te als mo­no­k­au­sa­le Ent­spre­chun­gen des Le­bens an­se­hen, son­dern muss in der Ana­ly­se des Kunst­wer­kes das Mo­ment des Über­set­zens mit­den­ken, den kon­kre­ten Vor­gang des Über­set­zens ver­ste­hen. Im Grun­de ist es recht ein­fach: Ich tau­che in diese Welt ein, sehe, wo mich die Re­cher­che hin­führt und küm­me­re mich nicht darum, ob ich dabei in einen Wi­der­spruch zum Stand der “neue­ren For­schung” ge­ra­ten könn­te, denn die neue­re For­schung von heute ist mor­gen be­reits die von ges­tern. Al­ler­dings be­grün­de ich meine Sicht und auch den Dis­sens, wenn er auf­tritt. Der Leser soll ent­schei­den. ugg pas cher SB: Sie spie­len in Ihrer Dü­rer-Bio­gra­fie hin­ter­grün­dig mit heu­ti­gen Wort­schöp­fun­gen wie “Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund”, wenn sie für Dü­rers Vater eine “Mi­gra­ti­on ohne Hin­ter­grund” auf­rol­len und das Mit­tel­al­ter als eine Epo­che der Mo­bi­li­tät und des Aus­tauschs be­schrei­ben. Das rüt­telt an un­se­rem vor­ge­fer­tig­ten Mit­tel­al­ter-Bild. chaussures puma 2018 Wie hat denn vor über 500 Jah­ren Mi­gra­ti­on funk­tio­niert?

KRM: Über ein fer­nes Genie kann ich per­sön­lich nicht schrei­ben, ich muss mir die Mühe ma­chen, mich zu ihm hin­zu­be­ge­ben. Viele Pro­zes­se oder Phä­no­me­ne, die wir als mo­dern er­ach­ten, sind alt und be­kannt. Neh­men Sie die Glo­ba­li­sie­rung. Ins­ge­samt hat es fünf Glo­ba­li­sie­run­gen ge­ge­ben. Neh­men sie die Mi­gra­ti­on. Seit dem es Men­schen gibt, wan­dern sie. Dar­un­ter gibt es sehr große Wan­de­rungs­be­we­gun­gen. Span­nend ist, wie die Kul­tu­ren damit um­ge­hen. Das Rö­mi­sche Reich hat 500 Jahre über­lebt, weil es ein Limes schütz­te, der üb­ri­gens eine hoch­ef­fi­zi­en­te Ein­rich­tung war. Zu­sam­men­ge­bro­chen ist es, als es keine all­ge­mein ge­teil­ten Werte, keine Dy­na­mik mehr besaß und die Ach­tung vor Recht und Ge­setz, die be­rühm­te rö­mi­sche Tu­gend, nicht mehr galt, als kor­rup­te Eli­ten zwar in der Lage waren, sich an der Macht zu hal­ten, nicht aber den Staat zu re­gie­ren. Die viel­be­schwo­re­ne rö­mi­sche De­ka­denz ist eine De­ka­denz der po­li­ti­schen Elite. Üb­ri­gens habe ich dar­über, wie ein er­schlaff­ter Staat durch die Un­fä­hig­keit kor­rup­ter po­li­ti­scher Eli­ten zu­grun­de geht, als Se­bas­ti­an Fle­ming in meine Roman “By­zanz” ge­schrie­ben. Wie nun vor über 500 Jah­ren Mi­gra­ti­on funk­tio­niert hat, zeige ich an Al­brecht Dü­rers Vater, der ja ein Ein­wan­de­rer war.

SB: Sie be­schrei­ben zahl­rei­che Dü­rer-Wer­ke aus­ge­spro­chen plas­tisch. Ihr Buch ist sehr schön aus­ge­stat­tet und ent­hält auch eine Aus­wahl an Holz­schnit­ten, Kup­fer­sti­chen und Bil­dern. Was war Ihnen bei der Aus­wahl, die ja immer auch Be­schrän­kung be­deu­tet, wich­tig?

KRM: Der Fluch der guten Tat, ja na­tür­lich. Man muss Kri­te­ri­en auf­stel­len, um aus­zu­wäh­len. Ohne Kri­te­ri­en gerät man in die Kon­fu­si­on. Aber es bleibt auch mit Kri­te­ri­en noch ein har­tes Ab­wä­gen. Dem Ver­lag bin ich sehr dank­bar, dass er das Buch so schön ge­stal­tet hat – und dass wir ge­mein­sam in der Bild­aus­wahl so weit ge­gan­gen sind, wie wir konn­ten. Die Kri­te­ri­en, die bei jedem einzel­nen Buch und in der Ge­samt­heit ab­zu­wä­gen waren, be­stan­den im Fol­gen­den: ers­tens wie pro­mi­nent wird das Bild be­spro­chen und wie leicht oder schwer ist es zu­gäng­lich, zwei­tens: der Leser er­war­tet zu Recht nicht nur die un­be­kann­te­ren, son­dern auch das eine oder an­de­re sehr po­pu­lä­re Bild, schließ­lich will man Dürer nicht nur ent­de­cken, son­dern auch wie­der­er­ken­nen und drit­tens soll auch Ver­blüf­fen­des dabei sein. Und all das muss im rech­ten Maße sein.

SB: Ein Buch zu schrei­ben, ist immer ein Aben­teu­er. Was hat Sie bei Ihren Re­cher­chen und beim Schrei­ben selbst über­rascht? KRM: Dürer, der Mensch Dürer, dass der Weg zu ihm auf­find­bar ist, Agnes Dürer, von der man so wenig weiß, und den­noch, auch hier sind die Wege nicht ver­schlos­sen, wie sehr die Welt um 1500 mit­ein­an­der ver­netzt war. Wie viel man doch von­ein­an­der wuss­te. Es ist eine fas­zi­nie­ren­de Welt, eine of­fe­ne, frei­zü­gi­ge und to­le­ran­te Welt, ein Welt, in der Frau­en viel mehr Rech­te als spä­ter be­sa­ßen. Diese Welt endet mit der Re­for­ma­ti­on und der Kon­fes­sio­na­li­sie­rung, mit der Neu­zeit. In die­ser Welt lebte die Chan­ce auch zu einer an­de­ren Ent­wick­lung Eu­ro­pas. SB: In his­to­ri­schen Ro­ma­nen wie “Die Kup­pel des Him­mels” über Do­na­to Bra­man­te, unter ihrem Pseud­onym Se­bas­ti­an Fle­ming er­schie­nen, der Ro­man­bio­gra­phie über Mar­tin Lu­ther “Pro­phet der Frei­heit” und nun auch in Ihrem Dü­rer-Buch krei­sen Sie um die gro­ßen ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che am Aus­gang des Mit­tel­al­ters an der Schwel­le zur frü­hen Neu­zeit. Worin be­steht für Sie das Fas­zi­no­sum ge­ra­de die­ser Epo­che, das, wor­über es sich immer wie­der zu schrei­ben lohnt? KRM: Ers­tens in der gro­ßen Um­bruch­si­tua­ti­on, dem gro­ßen Pa­ra­dig­men­wech­sel und zwei­tens in der Al­ter­na­ti­ve. Eu­ro­pa stand am Schei­de­weg, eine an­de­re Ent­wick­lung wäre mög­lich ge­we­sen. In der Ge­schich­te exis­tiert keine Zwangs­läu­fig­keit, keine Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit. Ge­schich­te ist ei­gent­lich nur ein an­de­rer Aus­druck für die be­stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung gro­ßer und klei­ner Kräf­te, das, was man in der Re­nais­sance For­tu­na oder Ne­me­sis nann­te, je nach dem.

SB: Sie haben mit Ihrem Lu­ther-Buch eine in Deutsch­land zu Unrecht ver­nach­läs­sig­te Gat­tung, die Ro­man­bio­gra­fie, be­lebt und in die Dis­kus­si­on ge­bracht. Beim Dürer las­sen Sie die Gat­tung offen. Den­noch gehen Sie den ein­ge­schla­ge­nen Weg aus mei­ner Sicht wei­ter, ver­knüp­fen Sie Bio­gra­phie und Roman, Au­then­ti­zi­tät und Fik­ti­on, spie­le­ri­scher und wei­sen an­ders als beim Lu­ther Quel­len aus, mit denen Sie sich ar­gu­men­ta­tiv aus­ein­an­der­set­zen, kom­men­tie­ren. Ei­ner­seits also mehr er­zäh­le­ri­sche Frei­heit und an­de­rer­seits de­zi­diert aus­ge­wie­se­ne wis­sen­schaft­li­che Fun­die­rung?

KRM: Im Zen Bud­dhis­mus heißt es: Of­fe­ne Weite – nichts von hei­lig. Die er­zäh­le­ri­sche Frei­heit ist nicht die trü­ge­ri­sche Frei­heit des Ro­man­au­tors, sie ist das Er­geb­nis wis­sen­schaft­li­cher Fun­die­rung. Ich habe nichts hinzu er­fun­den. Alles ist nach­prüf­bar. Gen­re­be­zeich­nun­gen sind etwas für Mar­ke­ting­spe­zia­lis­ten, nicht aber für Schrift­stel­ler. Wis­sen­schaft rich­tig be­trie­ben, engt nicht ein, son­dern be­freit. Was wir be­nö­ti­gen, ist eine neue Uni­ver­sa­li­tät. Wir sind in­zwi­schen Opfer un­se­res Ex­per­ten­tums ge­wor­den, des­sen Ex­per­ti­se sich üb­ri­gens immer stär­ker ver­rin­gert. Unser Spe­zia­lis­ten­tum be­ginnt, uns blind zu ma­chen. Na­tür­lich wird die Welt kom­ple­xer, aber umso wich­ti­ger ist es, bei der Un­ter­su­chung der Spek­tral­far­be eines Sterns den Him­mel nicht zu ver­ges­sen. Dafür gibt es üb­ri­gens einen so sehr ein­fa­chen wie schö­nen deut­schen Aus­druck: Wir sehen den Wald vor Bäu­men nicht mehr. Ich plä­die­re lei­den­schaft­lich dafür, wie­der den Wald vor Bäu­men zu ent­de­cken. Komm, ins Of­fe­ne, sagt Höl­der­lin. SB: Da ich pas­sio­nier­te Kri­mi-Le­se­rin bin, zum Schluss noch eine Frage in ei­ge­ner Sache: Wann wird der Autor Mai als Ni­cho­las Les­sing mal wie­der einen Lam­ber­ti­ni-Kri­mi vor­le­gen? KRM: Las­sen wir uns über­ra­schen! Damit meine ich auch WIR.