Interview anlässlich der italienischen Übersetzung der "Kuppel des Himmels"

Interview anlässlich der italienischen Übersetzung der „Kuppel des Himmels“

Das Interview führte Herr Maragnon vom italienischen Onlinemagazin Infinitestory 2012.

  1. When did you first become interested in the Italian Renaissance?

Seit ich denken kann, faszinierte mich Geschichte und deshalb Italien als Wiege der europäischen Kultur besonders. Meine erste Begegnung hatte ich mit zwölf Jahren, als ich in der Dresdener Gemäldegalerie plötzlich vor Raffaels Sixtinischer Madonna stand. Das Gemälde schlug mich sofort in seinen Bann, das Göttliche, das Menschliche, das Burleske. Mit 13 Jahren las sich zum ersten Mal das Decameron, mit 16 Jahren die Göttliche Komödie. Goethes Italienische Reise beflügelte meine zunächst unerfüllbare Sehnsucht. Ich bin in der DDR aufgewachsen, und da musste erst einmal eine Regierung gestürzt und ein Staat aufgelöst werden, bevor ich mir all die Städte, Kirchen, Paläste und Kunstwerke anschauen konnte, von denen ich gelesen oder von denen ich Bilder gesehen hatte.

  1. The history of that period is full of extraordinary personalities. Which is your favorite figure and why?

Schreiben ist ein schizophrenes Geschäft. Selbst für Menschen, die ich als Privatmann verabscheue, bringe ich eine starke Empathie auf, weil ich in jeder Figur die Seele entdecken will, und sei es nur als Schlüssel für ihre Verbrechen. Ich missbillige das, was Giacomo il Catalano unternimmt, doch er beeindruckt mich in seiner Konsequenz und ich empfinde tiefes Mitleid für einen Mann, der so durch die Hölle gehen musste wie er. Bramanate und Michelangelo sind hochkomplexe Charaktere. Über Michelangelos Sexualität habe ich lange nachgedacht. Während heterosexuelle Autoren gern einen Bogen um diese Frage schlagen und sehr allgemein bleiben, feiern homosexuelle Autoren Michelangelos vermeintliche Homosexualität, das es zuweilen peinlich wird, weil man das Gefühl nicht losbekommt, der Autor spricht stärker über sich als über Michelangelo. Als Schriftsteller bin ich verpflichtet, der Wahrheit so nahe zu kommen, wie ich irgend vermag, und kann es mir nicht leisten, vor etwas die Augen zu verschließen oder Wunschbilder auszuleben. Wie der Naturwissenschaftler experimentiert, ist Schreiben meine Art, die Wahrheit zu erforschen. Deshalb empfinde ich für drei Figuren, denen ich gern mehr Platz eingeräumt hätte, eine besondere Liebe. Allen voran der wunderbare Graf Giovanni Pico della Mirandola, über den ich gern einmal ein ganzes Buch schreiben würde. Er ist einer der letzten Renaissancemagier, ein Denker, aber auch ein Mensch, der sich in der Liebe verlieren kann und bei allem, was er anfängt, höchst eigensinnig bleibt. In puncto Eigenliebe steht ihm Contessina de Medici, Michelangelos erste Liebe, in nichts nach. Dann ist natürlich noch einer der klügsten Frauen zu nennen, die Dichterin Vittoria Colonna. Sie ist in aller Kürze ein Gegenbild zu der gleichfalls sehr klugen Imperia, der Kaiserin der Kurtisanen. Aber wenn ich jetzt weitermache, dann habe ich alle Figuren genannt und am liebsten würde ich alles zurücknehmen, was ich gesagt habe, weil ich den ungenannten Figuren nicht Unrecht tun möchte. Im Prozess des Schreibens ist jedenfalls die Figur mein Favorit, die ich gerade auf dem Monitor vor mir habe.

  1. Donato Bramante, one of the leading character, has a great dream. His career reaches a crucial step when he is initiated into the fraternity of the Fedeli d’Amore. What is it? What was the role of Pico della Miandola in it?

Die Fedeli d`amore gehen auf die großen Florentiner Dichter Guido Cavalcanti und Dante Aligheri zurück. Eine Entdeckung, die ich gemacht und in einem Sachbuch erzählt habe, besteht in der großen universellen Religion, die es im Mittelalter gegeben hat und der Juden, Muslime und Christen folgten. Es war die Religion der Mystiker, die Religion der Liebe. Deren „Gefährten“ interessierten sich nicht mehr für konfessionelle Unterschiede, Synagoge, Moschee und Kirche sahen sie als äußerlich und zufällig an, sie glaubten an ein und denselben Gott und begaben sich auf den Weg zu ihm. Sie wussten voneinander. Dante wurde zur Göttlichen Komödie u. a. von der Jenseitsreise in Al-Ma`arris Sendschreiben über die Vergebung angeregt. Die Gedanken, die wir bei den Sufis finden, entdecken wir auch bei den Troubadouren, von denen wiederum Cavalcanti und Dante angeregt wurden, die dann die Fedeli d`amore gründeten. Im Buch gehe ich davon aus, dass dieser Bund weiterexistiert und für eine Synthese der Religionen kämpft, wie es Pico ja auch tatsächlich mit seinen 999 Thesen versuchte. Im Buch ist Pico …aber lesen Sie selbst.

  1. They will have an indomitable opponent. Who is their enemy?

Sie haben einen äußeren und einen inneren Feind. Natürlich stellen sich die Kräfte, die in all dem einen Niedergang der Kirche sehen, gegen sie. Bedenkt man, dass der Bau des Petersdomes einen erheblichen Beitrag zum Verdruss leistete, der zur Reformation führte, hatten sie nicht ganz Unrecht. Diese Kräfte gruppieren sich um den faszinierenden Giacomo il Catalano und gründen die Inquisition. Der innere Feind ist ihre Eitelkeit, ihre Unbedingtheit, ihre wunderbare Maßlosigkeit, die sie vorwärts treibt, befähigt, aber auch scheitern lässt. Sie sind alles – nur keine Politiker, denn die grundlegende Definition des erfolgreichen Politikers lautet: Mittelmäßigkeit, sonst könnte er auch nicht vermitteln. Macchiavelli hat es für alle Zeiten gültig beschrieben.

  1. Your novel celebrates the importance of symbols. Men can fight, kill and die for a symbol. To build a church in a specific way means broadcasting an idea of a world. Do you see any difference between past and present in this particular field?

Ich sehe einen Unterschied in den Formen, nicht aber in der Sache. Entscheidend ist, inwieweit die Symbole grundsätzlich mit dem Leben der Menschen verbunden sind. In Europa ist das Leben weit säkularer als vor 500 Jahren, Diesseits und Jenseits haben für viele Menschen geradezu die Bedeutung getauscht. Der Mensch des Mittelalters sah das Leben als kurzen Durchgang zur Ewigkeit, die Dimension der Ewigkeit kennen heutzutage viele nicht mehr, deshalb wird das Diesseits zum alleinigen Zweck. Denken Sie zum Beispiel an den Islam. Wenn sie versuchen, die Kaba zu betreten, werden Sie sehr unangenehme Erfahrungen machen, weil sie als Ungläubiger den heiligen Ort nicht betreten dürfen. In Deutschland streiten Menschen auch darüber, ob eine Moschee neben einer Kirche gebaut werden darf, deren Minarett höher als der Turm der Kirche ist. Wenn ich bei einem Fußballspiel im Fanblock die Flagge der gegnerischen Mannschaft hisse oder die Symbole ihrer Mannschaft zerstöre, dann werde ich auch dort keine sanfte Behandlung erfahren. Das einfachste Symbol ist der eigene Name, den wir nicht verspottet wissen möchten. Es gibt insofern keinen Unterschied darin, das für Symbole gekämpft – und auch getötet wird, nur darin, dass es vielleicht andere Symbole sind.

  1. Vatican has a long history of controversies and intrigue. Christian fiction novels are very very popular. Readers can make a choice among lots of books concerning Vatican’s shadows. In what ways is your novel different? What is the distinctive feauture of Die Kuppel des Himmels?

Ein Großteil dieser Bücher verbreiten die immer gleichen Klischees. Soapfiguren werden in eine Welt ohne Auto und Dusche versetzt, viel Schmutz muss eine Rolle spielen, Derbheit und Primitivität, unschuldige Mädchen und perverse alte Priester, möglichst Inquisitoren, und das Mittelalter oder die Renaissance ist fertig. Das langweilt mich. Mein Arbeitsprinzip lautet: Erfinden durch finden. Geschichte und Geschichten stehen im engen Zusammenhang. Geschichten bilden die Geschichte. Da ich die Themen während der Recherche an den Sachbüchern entdecke, können Sie von einem hohen Maß an Authentizität ausgehen. Ich möchte wissen, was ist wirklich passiert, was haben Menschen getan und warum haben sie es getan? Wer waren sie? Mein Credo lautet: nichts ist spannender als Wahrheit. Sollte das Rom im Roman nicht mit dem Rom, das Sie kennen, übereinstimmen, liegt das nur daran, dass sie im Roman tatsächlich ins Rom des beginnenden 16. Jahrhunderts gelangen, und da sah die Stadt etwas anders aus.

  1. Obviously you are interested in religious topics. I know that you have published two works about the Vatican. One last curiosity. What’s your feeling about Catholic religion?

Man kann weder die europäische Geschichte, noch das heutige Europa denken ohne die christliche und ab dem Tridentinum die katholische Religion. Auf einer etwas impressionistischen Ebene erzählt das Buch fast nebenbei ein wenig darüber, wie die katholische Religion katholisch wird. Dafür steht der Neubau des Petersdomes eben auch. Beim Schreiben spielen persönliche Antipathien oder Sympathien keine Rolle, da will ich wissen, fühlen, erleben. Als Privatmann empfinde ich eine große Achtung vor der katholischen Religion, die ich nicht praktizieren kann, weil ich dafür zu anarchistisch bin. Luthers Von der Freiheit eines Christenmenschen kommt meinem Widerspruchsgeist entgegen. Dennoch würde ich als Protestant den Katholizismus immer verteidigen. Denn viele Wege führen nach Rom.

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