Gehört der Buddhismus zu Deutschland?

Gehört der Buddhismus zu Deutschland?

Die Märkische Allgemeine Zeitung führte mit mir ein Interview als Streitgespräch und räumte dem Streitgespräch im Magazin der Zeitung sehr viel Platz ein. Dafür bedanke ich mich herzlich. Da aber das ursprüngliche Gespräch erheblich länger war und zugegebenermaßen die Dimensionen einer Tageszeitung überschritt, soll es hier nun in voller Länge stehen.

 

Ein Aufruf zum Meinungsstreit

„Gehört Luther zu Deutschland“ – der Essay von Klaus-Rüdiger Mai legt sich mit jedem an.

Ein Streitgespräch mit Hartmut F. Reck

 

Der Historiker und Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai kann ein erstaunlich umfangreiches und vielseitiges Werk vorweisen. Es reicht von teilweise unter seinem Pseudonym Sebastian Fleming  erschienenen historischen Krimis und Romane wie „Die Kuppel des Himmels“ über Biographien zum Beispiel über die Musiker-Dynastie die Bachs und zuletzt über Albrecht Dürer bis hin zu Essays wie „Lob der Religion“. Für dieses Buch erhielt er 2015 den Holländischen Preis für das beste religiöse Buch des Jahres. Nach seiner 2014 erschienenen Luther-Biographie (MAZ berichtete) kommt in dieser Woche sein neuestes Buch, ein 200 Seiten starker  Essay mit dem provozierenden Titel „Gehört Luther zu Deutschland“ bei Herder heraus. Dies sei ein Aufruf zum Meinungsstreit, wie der promovierte Germanist sagt, der an dieser Stelle schon mal geführt wird.

Hartmut F. Reck: Herr Dr. Mai, bevor wir zu Ihrem neuen Buch „Gehört Luther zu Deutschland?“ kommen, in dem Sie den großen Reformator als Vorkämpfer für die Freiheit des Individuums feiern, folgende Frage: Hat das Individuum Jan Böhmermann seine Freiheitsrechte verwirkt, weil er einem ausländischen Staatsmann, der von den Freiheiten anderer nicht viel hält, verunglimpft hat?

Klaus-Rüdiger Mai: Das Ende einer Regierung ist erreicht, wenn Petitessen zu Staatsaffären werden. In der Unverhältnismäßigkeit offenbart sich der Kontrollverlust, der nur ein technischer Ausdruck für den politischen Begriff Regierungskrise ist. Bevor wir alle zu Experten in Schmähologie werden, tut es Not zu verstehen, was wirklich geschehen ist. Der türkische Präsident, der eine demokratische Bastion (Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau) nach der anderen schleift, wurde in einem Beitrag des NDR Magazins „extra 3“ mit den Mitteln der Satire kritisiert. Daraufhin wurde der deutsche Botschafter ins türkische Außenministerium einbestellt und die Löschung des Beitrages verlangt. Zu diesem ungeheuerlichen Versuch, die Pressefreiheit in Deutschland zu beschneiden, schwieg Merkel, schwieg Steinmeier, anstatt den türkischen Botschafter einzubestellen und dieses Ansinnen zurückzuweisen. Böhmermann hat den Unterschied zwischen Satire und Schmähung verdeutlicht. Der Geschmähte nahm sich einen Anwalt, um als Zivilperson dagegen vorzugehen. Warum also noch die Klage über den Paragraphen 103, der eben der Zustimmung der Bundesregierung bedarf? Dafür gibt es nur eine Erklärung: um den in Deutschland lebenden Türken zu demonstrieren, dass der türkische Präsident mächtiger als die Bundeskanzlerin ist – und die Bundeskanzlerin hat ihm den Wunsch erfüllt. Der eigentliche Skandal besteht nicht darin, dass Böhmermann seine individuellen Freiheitsrechte verwirkt hätte. Diese zu schützen, ist nun Aufgabe des Gerichtes. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass die Alternativlos-Kanzlerin die demokratischen Rechte zur politischen Disposition stellt. Politische Nützlichkeit sticht Recht, Gesetz und Werte. Im Essay habe ich gezeigt, wie Martin Luther eine Regierung einschätzt, die ihren Pflichten gegenüber ihren Bürgern nicht mehr nachkommt.

Hartmut F. Reck: Ist die evangelische Pfarrerstochter Angela Merkel schon islamisiert, weil sie unter diplomatischem Druck steht und den weiteren Flüchtlingszustrom nur mit Hilfe des re-islamisierten Staates Türkei eindämmen kann?

Klaus-Rüdiger Mai: Die Bundeskanzlerin entdeckt die Pfarrerstochter ja erst seit der Flüchtlingskrise in sich. Die Eindämmung des Flüchtlingsstroms gelingt außerhalb Deutschlands auch ohne den türkischen Präsidenten. Die Bundesregierung und die Opposition vertraten ohne Begründung die Meinung, dass Deutschland seine Grenze nicht schließen kann. Inzwischen demonstrieren die ost- und südosteuropäischen Staaten einschließlich Österreichs, dass es mit überschaubarem Aufwand möglich ist. Der EU-Türkei-Pakt ist in Wahrheit ein Türkei-Deutschland-Vertrag, nach Medienberichten ersonnen von einer George Soros nahestehenden Denkfabrik wohl in Abstimmung mit der US-Regierung. Die Autorschaft für den Vertrag reklamierte zumindest der Direktor dieses Think Tanks, der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI), der übrigens seit Monaten die Bundesregierung in Flüchtlingsfragen beraten soll, Gerald Knaus, für seine Institution. Laut dem Portal „Deutsche Wirtschafts-Nachrichten“ sieht Knaus die Achse Deutschland-Türkei als entscheidend in der geopolitischen Ausrichtung gegen Russland. Nimmt man alle Fakten zusammen, legt das den Schluss nahe, dass es der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingskrise nicht um Menschlichkeit geht, sondern um Geo- und Energiepolitik nach US-amerikanischem Gusto. Von daher gedacht, fügen sich die teils erstaunlichen und gern psychologisierend erklärten Volten der Bundeskanzlerin in ein rationales Erklärungsmuster. Um Ihre Frage bündig zu beantworten: Ich persönlich halte die Bundeskanzlerin weder für islamisiert, noch für christianisiert, wie ich auch keinen Bezug zu den Werten der Aufklärung bei ihr erkennen kann. Ich halte sie für eine Gelegenheitspolitikerin nach Maßgabe des politischen Occasionalismus.

Hartmut F. Reck: Soll das etwa heißen, dass Angela Merkel nicht mehr zu Deutschland beziehungsweise in die deutsche Bundesregierung gehört?

Klaus-Rüdiger Mai: In diese Bundesregierung gehört sie schon – und auch an ihre Spitze. Die Frage lautet, ob diese Bundesregierung in der Lage ist, dieses Land fit für die Zukunft zu machen. Jedenfalls schaffen wir das nicht, wenn sich ein Finanzminister über Mehreinnahmen freut, die entstanden sind, weil viel zu wenig in Infrastruktur und Bildung investiert wurde und gleichzeitig der Hartz IV-Satz bei Alleinerziehenden gekürzt werden soll.

Hartmut F. Reck: Schon Ihr Buchtitel ist eine Provokation. Er impliziert, dass Deutschland und damit wohl auch das ganze Abendland islamisiert wird, das Christentum also gegen den Islam ausgetauscht und Luther nach 500 Jahren entsorgt wird. Leisten Sie damit nicht Bewegungen und Parteien wie Pegida und AfD argumentative Schützenhilfe?

Klaus-Rüdiger Mai: Das ist lustig. Ich spreche von Luther und Ihnen fällt sofort der Islam ein. Aber im Ernst: In der DDR hörten wir sehr oft bei kritischen Äußerungen den Satz: Das ist zwar richtig, aber das darf man nicht sagen, weil man damit dem Klassenfeind nützt. Die Wahrheit ist jedoch ein Wert an sich, man darf sie nicht taktischen Interessen unterordnen. Der Spiegel, der jahrzehntelang zu Recht den alljährlichen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes nutzte, um auf soziale Ungerechtigkeit und Armut in Deutschland hinzuweisen, unterstellt nun dem Wohlfahrtsverband, mit seinem aktuellen Armutsbericht der AfD „argumentative Schützenhilfe“ zu leisten. Wenn wir aber über die Wirklichkeit nicht mehr sprechen dürfen, dann sind wir bereits in der Irrealität angekommen. Karl Marx paraphrasierend heißt das: Sich Illusionen über einen Zustand zu machen, bedeutet, einen Zustand zu erhalten, der der Illusionen bedarf. Das Thema des Essays lautet nicht Islam oder Christentum. Ich halte auch die Gegenüberstellung für oberflächlich und falsch. Mein Buchtitel ist hingegen im Sinne des vornehmsten Freiheitsrechts des Römischen Reiches: eine provocatio ad popolo, ein Aufruf an die Bürger, darüber in den Meinungsstreit zu kommen, wohin sich die Republik entwickelt, inwieweit uns die Werte der Aufklärung, die Menschenrechte, die zu einem nicht geringen Teil aus Luthers Reformation hervorgegangen sind, noch etwas für die Zukunft bedeuten, oder ob wir sie über Bord werfen wollen. Es geht nicht an, dass die Bundesregierung die Weichen für eine fundamentale Veränderung der Gesellschaft stellt, ohne breite Debatte, ohne den Souverän zu befragen. Da vertrau ich der Demokratie; die besseren Argumente werden gewinnen. Im Grunde können das Argument von der geistigen Schützenhilfe allen Ernstes nur Verschwörungstheoretiker hervorbringen.

Hartmut F. Reck: Nun klingt das Zustandekommen Ihrer Deutschland-Türkei-Achse auch etwas nach Verschwörungstheorie, oder ist es etwa tatsächliche Verschwörungspraxis?

Klaus-Rüdiger Mai: Ich zitiere doch nur den Direktor der European Stability Initiative (ESI), Gerald Knaus, der über das Zustandekommen der Deutschland-Türkei-Achse genau das zu Protokoll gab. Ich möchte es auch nicht glauben, dass die deutsche Regierung auf diesem Niveau agiert.

Hartmut F. Reck: Dass Sie nicht in jede Schublade passen, zeigt, dass Ihre politische Argumentation auf den ersten Blick rechts wirkt, Sie aber wirtschaftlich verdammt linke Forderungen stellen, indem Sie „kooperative Eigentumsformen“ empfehlen. Irrlichtern Sie etwa – durchaus auf intellektuell hohem Niveau – zwischen den politischen Polen?

Klaus-Rüdiger Mai: Wer Schubladen braucht, fürchtet sich vorm Denken. Bei Lichte besehen: Gibt es diese politischen Pole denn noch? Ist die Unterscheidung zwischen rechts und links, die aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert stammt, überhaupt noch sinnvoll? Wird sie nicht benutzt, um so hervorragend schlechte Dienste zu leisten? Werden nicht Schaukämpfe unter diesen Labels zelebriert, um die notwendigen Diskussionen zu vermeiden? Ich denke über die Wirklichkeit nach, nicht über Einordnungen. Sie ist mein Maßstab, nicht die Bedürfnisse von Apparatschiks und Ideologen. Konkret: Was ist an dem Votum für Meinungsfreiheit im Sinne des Voltaire zugeschrieben Zitats: „Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, ich werde aber alles tun, damit Sie Ihre Meinung frei äußern dürfen“, denn „rechts“? Was ist an meiner Forderung, eines freien Marktes, der aber wirtschaftlich freie Marktteilnehmer voraussetzt, denn links? Ich denke – das habe ich von Martin Luther gelernt – konsequent vom Menschen, von der Freiheit eines Christenmenschen aus. Ideologien und Gefolgschaften sind mir fremd.

Hartmut F. Reck: Sie werfen der evangelischen Kirchenführung vor, die Kirche zum Instrument politischer Auseinandersetzungen zu machen. Hat Luther nicht selbst Politik betrieben? Schließlich beschreiben Sie in Ihrem Buch, dass vor einem halben Jahrtausend Kirche und Politik nicht voneinander zu trennen waren und Luther mit seinen Denkschriften in die Politik eingegriffen hat.

Klaus-Rüdiger Mai: Aber da treffen Sie genau den archimedischen Punkt: Martin Luthers „politisches“ Eingreifen führte in der Konsequenz zur Trennung von Staat und Kirche. Er wollte die Trennung des „weltlichen“ vom „geistlichen“ Bereich. Wenn der Linksprotestantismus die Kirche politisiert, geht er im Grunde in die Zeit vor Martin Luther zurück. Er entdeckt den Priester, den Papst Innozenz III. definierte: „als nicht ganz so viel wie Gott, aber mehr als der Mensch“, neu als Professor der protestantischen Theologie.

Hartmut F. Reck: Nun wird der Islam als bewußt politische Religion bezeichnet, die quasi nach dem Staat greift, ihn also für sich institutionalisiert. Schwächen Sie nicht mit Ihrer Forderung nach einer entpolitisierten Kirche das „heimische“ Christentum gegen den „fremden“ Islam?

Klaus-Rüdiger Mai: Darum geht es doch überhaupt nicht. Es geht einzig und allein darum, den Laizismus, also die Trennung von Kirche und Staat, durchzusetzen. Das regelt dann doch viele strittige Sachen von sich aus. Also keine Kruzifixe in staatlichen Schulen und auch keine Kopftücher.

Hartmut F. Reck: Sie werfen den obersten Lutheranern des Landes eine Verleumdung Luthers vor. Betreiben Sie etwa eine neue Luther-Orthodoxie, die eine Beurteilung des Reformators aus heutiger Sicht als eine Art Blasphemie ablehnt?

Klaus-Rüdiger Mai: Es geht weder um Verleumdungen, noch um Blasphemien. Es geht um den Glauben, um den sich die Kirchenoberen zu kümmern haben. Manchmal drängt sich schon der Vergleich zum 16./17. Jahrhundert auf. Nach Luthers Tod hatte sich eine lutherische Orthodoxie gebildet, die selbst in Abkehr von Luthers Intention Obrigkeit sein und in alles hineinregieren wollte. Damals wurden Stimmen laut, die eine neue Reformation forderten. Diese hat der Dreißigjährige Krieg in Blut ersäuft, aber es hat sich als neue Hinwendung zum Glauben und in Opposition zur lutherischen Orthodoxie der Pietismus gebildet.

Hartmut F. Reck: Nun ist aber die Kirche nicht „nicht von dieser Welt“. Ist es nicht geradezu ihre Mission, aus ihren Glaubensgrundsätzen heraus Stellung zu politischen Entwicklungen zu nehmen, anstatt sich zu einer Gemeinschaft reiner Betschwestern und Betbrüder zu entwickeln?

Klaus-Rüdiger Mai: Martin Luther hat die große Kraft des Gebetes sehr geschätzt. Ich wüsste nicht, was an einer Gemeinschaft von Betschwestern und Betbrüdern schlecht sein soll. Stellen wir doch mal Ihre Frage vom Kopf auf die Füße. Erstens: Die Kirche ist die Gemeinschaft der Christen, in der Jesus Christus anwesend ist, der klar sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Jeder Christ ist aber zugleich Bürger – und als Bürger kann und soll er sich politisch engagieren. Er selbst – nicht eine Kirchenführung für ihn. Für das politische Engagement existieren in der Demokratie nicht Kirchen, sondern Parteien und Vereine, in denen jeder mitarbeiten kann. Nicht als Christ wird man zur Wahl aufgerufen, sondern als Bürger. Der Staat interessiert sich nicht für die Konfession. Das nennt man Laizismus. Zweitens: Unter Christen bestehen unterschiedliche politische Anschauungen. Die politischen Vorstellungen von Frau Käsmann, von Ihnen und von mir unterscheiden sich, wer soll da jetzt für wen sprechen? Wer sein Amt in der Kirche missbraucht, um eine bestimmte politische Richtung zu unterstützen, spaltet die Kirche und profanisiert den Gottesdienst zur Parteiversammlung. Es heißt übrigens auch Gottesdienst und nicht Weltdienst.

Hartmut F. Reck: Sie erkennen einen sich gegenwärtig vollziehenden Epochenwandel von der von Luther geprägten Neuzeit zur – was weiß ich – Postmoderne. Wozu braucht man denn in der neuen Epoche noch den alten Luther?

Klaus-Rüdiger Mai: Die Geschichte besteht aus großen Paradigmenwechseln, so zum Beispiel von der Spätantike zum Mittelalter, so vom Spätmittelalter zur Neuzeit. Auch mit Martin Luther setzte die Neuzeit ein, die heute sich ihrem Ende zuneigt. Martin Luther hat, indem er das Ich im Glauben entdeckte, sowohl das Individuum etabliert, als auch mit der Freiheit eines Christenmenschen den modernsten Freiheitsbegriff geschaffen, der in dem engen Zusammenhang von Freiheit, Verantwortung und Gewissen besteht. Damit hat er die Grundlage für die Aufklärung, für unsere den universellen Menschenrechten verpflichtete Gesellschaft und für den hohen wissenschaftlich-technischen Standard begründet. Das von Luther entdeckte Ich droht in der Digitalisierung verloren zu gehen, der Mensch zum Konsumsklaven und zur Humanschnittstelle zu verkommen. Seien wir mutig, seien wir freie Menschen, gestalten wir in Demut vor der Schöpfung unsere Welt – dahin wies Luther den Weg.

Hartmut F. Reck: Das heißt also, Luther gehört nach wie vor zu Deutschland?

Mai: Ich werde Ihnen doch jetzt nicht die Pointe des Buches verraten.

Hartmut F. Reck: Und der Islam?

Klaus-Rüdiger Mai: Gegenfrage: Gehört der Buddhismus zu Deutschland?

 

Zum Interview in der MAZ:

Seien wir freie Menschen