Geheimbünde der Frühen Neuzeit und des Zeitalters der Aufklärung

Geheimbünde der Frühen Neuzeit und des Zeitalters der Aufklärung

Erschienen in „Europa in der Frühen Neuzeit“ – Festschrift für Günter Mühlpfordt, Erich Donner (Hg.), Band 7, Köln, Weimar, Wien 2008

 

von Klaus-Rüdiger Mai

 

Woyzeck: Es geht hinter mit, unter mir. (stampft auf den Boden)
Hohl, hörst, du? Alles hohl da unten! Die Freimaurer.
Georg Büchner, Woyzeck

PHÄNOMENOLOGISCHE GRUNDZÜGE

Ein Wort, das in aller Munde ist, verliert, um so populärer es wird, seine begriffliche Eindeu-tigkeit: Es wird zu einer Chiffre oder zu einer Metapher. Diese Binsenweisheit gilt für das landläufige Wort Geheimbund besonders, bleibt es doch trotz oder besser wegen seiner Be-liebtheit für die Allgemeinheit ein Schemen, weil das Denotat aus mehr oder weniger assozia-tiven Konnotationen konstituiert wird. Es scheint sogar, dass vom Wort selbst eine Wirkung ausgeht, die den Wissenschaftler wegen der raunenden Aufladung in die Reserve drängt, und dass sich das Phänomen den Bemühungen, auf den Begriff gebracht zu werden, facettenreich entzieht.
Selbst in wissenschaftlichen Wörterbüchern steht es um die begriffliche Schärfe dieses Wortes kaum besser. Wahrigs Wörterbuch der deutschen Sprache kennt das Wort nicht, weiß nur vom „Geheimen Rat“, von der „Geheimen Staatspolizei“ und von der „geheimen Wahl“ zu berichten, im neuen Duden wird es aufgeführt, nicht aber erläutert, und das zweibändige Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache aus dem Ostberliner Akademieverlag in der Ausgabe von 1984 führt den Geheimbund nur als „geheime, verbotene Vereinigung von Personen mit meist reaktionärer Zielstellung“ auf. Genauer lässt sich die grundsätzliche und hassgetränkte Abneigung gegen geheime Verbindungen des totalitären Staates, der keinerlei unbeobachtete Privatheit und demzufolge auch keinerlei geheime Verbindungen zulassen kann, nicht definieren.
So ist es beleibe kein Zufall, dass das erste totale Staatswesen der Neuzeit, das staatsabso-lutistische Regime des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Jagd auf die gerade entstandene Freimau-rerei machte. Im Reich des Monarchen, der alles und alle zu kontrollieren gedachte, konnte und durfte es keine Konventikel geben, die sich seiner Kontrolle entzogen. Der Sonnenkönig verstand sich als Institution, als gesellschaftliches und soziales Gravitationszentrum.
„Kröners Wörterbuch der deutschen Volkskunde“ spricht im Grunde über den Geheim-kult, wenn es vom Geheimbund berichtet, in dem der Geheimkult das innere Wesen des Ge-heimbundes ausmache. Darin liegt ein Körnchen Wahrheit, wenn auch nur ein Körnchen. Schließlich sieht Grimms „Deutsches Wörterbuch“ den Zweck des Geheimbundes in „Caba-le“ und im „Complot“ und verweist auf den „Jesuiten Geheimbund für Finsternis“, indem es sich auf Schlossers „Weltgeschichte“ stützt.
Diese beliebig verlängerbare Stichprobe verdeutlicht, wie notwendig es ist, das Phänomen der geheimen Vereinigungen zunächst auf den Begriff zu bringen, um zu wissen, worüber wir eigentlich sprechen, wenn wir von den Geheimbünden reden. Deshalb empfiehlt es sich, eine Betrachtung der Geheimbünde mit einer Definition zu beginnen, die mittels der Phänomeno-logie im Hartmannschen Sinne zu destillieren wäre und die den Begriff wieder denkbar und für die Reflexion handhabbar macht. Im Unterschied zu anderen Bemühungen setzt das defi-nitorische Bemühen hierbei notwendig bei der Fama des Phänomens an.

Fama. Es mag paradox klingen, doch die legitime Gefährtin der Geheimbünde ist niemand anders als die Fama selbst – sie, die Kunde bringt und das Gerücht verbreitet, die sich die Römer als flügelbewehrt vorstellten und die frühen Deutschen noch Frau Melde( „vrou mel-de“) nannten. Diejenige also, die ruft und anklagt, denn nur aufgrund der Fama beflügeln die geheimen Vereinigungen seit mehr als 2000 Jahren die Phantasie der Menschen, ängstigen die einen, entfachen die Neugier und manchmal auch das Verlangen, dazu zu gehören, der ande-ren. Das zutiefst Geheime wird, weil es geheim ist, zum Objekt der öffentlichen Rede und zuweilen der Verdächtigung. Das Geheimnis muss seine Existenz mitteilen, um Wirkung zu entfalten. Das bedeutet nicht, dass sich das Geheimnis selbst, seinen Inhalt, seine Struktur veröffentlicht – dann wäre es ja kein Geheimnis mehr –, sondern es wirkt, in dem es seine pure Existenz bekannt gibt.
Die Hauptwirkung der Bünde bestand in ihrer Fama, in der Kunde, die sich über ihr Wir-ken und ihre Existenz verbreitete. Freilich reduzierte der spätere Sprachgebrauch das Wort auf die Bedeutung Gerücht und ließt das in der frühen Neuzeit wichtigere Semem „Kunde“ dem Vergessen anheim fallen. Im Übrigen genau in dieser Reihenfolge, denn es gehört zum Wesen des Geheimnisses, dass seine Existenz durch seine Wirkung angezeigt, eben „gemeldet“ wird. Die dunkle Verschwörung wirkte oftmals nur als ihr Gegenteil, als die helle Verhinderung derselben. Zuweilen ist schwer auszumachen, wo die zum Gerücht gewordene Fama von der Verschwörung eines geheimen Bundes nur als Vorwand diente, um eine Hysterie zu entfa-chen, die fragwürdige „Gegenmaßnahmen“ legitimierte, oder wo die Hysterie wie von selbst entstand. Bei ersteren reden wir über eine Verschwörungstheorie. Weil man etwas bewirken möchte, stehen Geheimnis und Wirkungswille in einer Spannung, die sich in der Fama veröf-fentlicht.

Tradition. Darüber hinaus muss man sich darüber im Klaren sein, dass der geheime Bund eine der frühesten Institutionen der menschlichen Gesellschaft darstellt, nicht also erst mit der Frühen Neuzeit entsteht, sondern zu Beginn dieser Epoche bereits eine ehrwürdige Geschichte hinter sich hat. Geheime Bünde und Vereinigungen entstanden mit der ersten sozialen Diffe-renzierung in den neolithischen Gesellschaften. Bereits zu Beginn der Bronzezeit vor 4000 Jahren lassen sich schließlich erste Geheimbünde, die Geheimbünde der Schmiede, die als Magier wirkten , nachweisen.
Von den Griechen sind beispielsweise die Bünde der Daktylen, der Kabiren und der Kure-ten überliefert, Bünde der Schmiede, die zugleich als Mysterienbünde wirkten. Wie eng und konkret Geheimnis, Magie und Herrschaft, die Grundkoordinaten vieler Geheimbünde, bis in die Moderne hinein, zusammenwirken, zeigt sich historisch in schöner Evidenz im altgriechi-schen Wort Basileos, das wir mit König übersetzen, ursprünglich aber den bezeichnete, der das Metall verteilt.

Geheimnis und Initiation. Der also das Metall verteilte, war der Chef. Politik und Magie spielen hier noch geradezu synkretistisch zusammen, Herrschaft wird legitimiert durch das Geheimnis, das sich in der Magie für einen kurzen Moment freilich in anderer Form zeigt. Die Erscheinungs-Form, die das Geheimnis wählt, dient dem Schutz des Laien, des Profanen, des Nicht-Eingeweihten, den das Geheimnis in reiner Form, in sozusagen wahrer oder konzen-trierter Realität, schädigen oder gar töten würde. Mehr noch das Geheimnis – das hat man bisher übersehen –, soll nicht nur verbergen, es soll auch schützen, und zwar denjenigen, der den Inhalt des Geheimnisses aufgrund seiner Profanität nicht ertragen könnte. Bruchstück-haftes wissen wir über die magischen Riten dieser frühen geheimen Vereinigungen, deren wichtigster Ritus der Initiationsritus war. Bis auf den heutigen Tag lässt sich der Eintritt in einen Geheimbund nicht ohne Initiation denken. Nicht zufällig erhielt sich das magische oder religiöse Gepräge, das im deutschen Wort für Initiation: Weihe, Einweihung zum Ausdruck kommt. Und auch hier treffen wir wieder auf das Geheimnis, denn die Initiation ist in der kor-rekten deutschen Übersetzung: die Einweihung ins Geheimnis. Man wird aufgenommen, in dem man in das Geheimnis eingeweiht wird. Das Geheimnis aber ist die Legitimation von Macht. Die Soziologen nennen das in ihrer funktionalistischen Betrachtungsweise Herr-schaftswissen.
Als gesellschaftliches Phänomen verändern sich die geheimen Bünde, so wie sich auch die sozialen Verhältnisse der Menschen verwandeln, hat jede Gesellschaft den Geheimbund, den sie verdient. Dennoch besitzen diese Bünde ein erstaunliches Beharrungsvermögen, unter-scheiden sie sich in bestimmten, definitiven Kategorien eben nicht voneinander, entwickeln sich nicht, passen sich nicht an, eben in all jenen Bereichen, die in Verbindung zum unwan-delbaren Geheimnis stehen. Mögen die Ziele und Strukturen der Bünde auch differieren und in direkter Abhängigkeit zu den kommunikativen Verhältnissen der unterschiedlichen Gesell-schaften stehen, so wird der Eintritt des Neophyten zu einer geheimen Verbindung immer von einer starken Sehnsucht motiviert, in vielen Fällen sogar diktiert. Mehr noch, bei keinem an-deren gesellschaftlichen Phänomen stehen Sehnsucht, Wollen und Konsequenz der Entschei-dung in einem so direkten und sich bedingenden Verhältnis.
Geheimnisvolles Wirken im Verborgenen hat nicht zu Unrecht die Öffentlichkeit seit jeher stark beunruhigt. Aus dem Unbehagen sprossen die Verschwörungstheorien und die Gerüchte. Da bei einem so in der gesellschaftlichen Wahrnehmung schimmernden Phänomen, die Ge-fahr immens ist, entweder über nichts oder über alles zu reden, soll am Anfang der Betrach-tung die idealtypische Beschreibung des Phänomens als Definition stehen, die von den er-wähnten zeitunabhängigen Konstanten ausgeht:
– Geheimbünde sind Vereinigungen von Menschen innerhalb einer Gesellschaft, die dia-chron eine erstaunliche Konstanz über die Veränderung der Gesellschaftsformen hinweg auf-weisen können. Als Beispiele seien hier nur die Freimaurer, die Rosenkreuzer oder die über 2000 Jahre alten chinesischen Geheimbünde genannt.
– Dabei ist es nicht erforderlich, dass die Existenz des Bundes oder die Mitgliedschaft ge-heim bleiben. Das grundlegende Kriterium besteht darin: Im Zentrum des Bundes gibt es ein Geheimnis, das den Bund im Innersten zusammenhält und das keinesfalls an Au-ßenstehende verraten werden darf. Dieses Geheimnis im Inneren der Vereinigung bedeutet Anfang und Ende derselben. In der Regel gehören auch die Initiationsriten als niedere Formen des Arkanums zum Bundesgeheimnis. Die Initiationsriten führen durch Einweihung den Ne-ophyten zum großen Arkanum hin. Das Geheimnis ist nicht für den Bund da, sondern der Bund existiert für den Schutz des Geheimnisses. Man wird Mitglied des Bundes, um durch die Teilhabe am Geheimnis erhöht zu werden.
– Die Entscheidung, einer geheimen Vereinigung beizutreten, wird für das ganze Leben ge-troffen. Der Austritt eines Mitgliedes ist nicht gewünscht und ruft Restriktionen hervor, die von gesellschaftlicher Isolierung über sozialer Ächtung bis zum Mord reichen können. Da es zu den wesentlichen Funktionen des Bundes gehört, das Geheimnis zu kontrollieren, würde bei einem Austritt die wirksame Kontrolle über das geheime Wissen des Abtrünnigen enden. Die Freimaurer haben im 18. Jahrhundert durch die Flut der Veröffentlichungen von Abtrün-nigen, den sogenannten Verräterschriften , leidvolle Erfahrung damit gemacht.
– Das Geheimnis wird dem Neophyten nach der Initiation nicht vollständig mitgeteilt. Im Gegenteil, ihm wird nur der kleinste und fast ungeheime Teil des Geheimnisses enthüllt. In der Regel beginnt mit der Initiation die Reise ins Innere des Bundes, zum Ort des Mysteriums oder Arkanums. Das geheime Wissen wird hierarchisiert und auf Grade verteilt. Der Neophyt stellt sich dem Bund zur Verfügung im vollkommenen Sinn, den das Wort in der Anwendung auf unser Leben hat: Er muss sich bewähren und als Belohnung und Anerkennung wird er in immer höhere Grade, in immer tiefere Geheimnisse eingeweiht. Das Erreichen eines weiteren Grades kann Jahre dauern und stellt besondere Anforderungen an das Geheimbundmitglied.
– Nicht der Eintrittswillige bestimmt über seinen Eintritt, sondern der Bund muss den Ne-ophyten für würdig befinden, am Geheimnis teilhaben zu dürfen.
– Der Geheimbund verlangt eine totale Loyalität und nimmt einen wichtigen, wenn nicht in gewissen Fällen beherrschenden Teil im Leben des Mitgliedes ein.

Die Menschen im Bund. Im Wesentlichen existieren drei Gründe dafür, eine so weitreichen-de Entscheidung zu treffen:
1. Man lehnt die Welt, so wie sie ist, aus ganzem Herzen ab und sieht keine andere Mög-lichkeit, sie zu verändern als dadurch, Mitglied in dem konsequenten Bund der Gleichgesinn-ten zu werden. Damit steht oft ein Wunsch nach Macht in Verbindung. Macht legitimiert sich aus der Kenntnis des Geheimnisses. Interessanterweise spiegelt sich die Teilhabe an der Macht im Inneren des Bundes wieder in dem Grad, an dem der Adept ins Geheimnis einge-wiesen worden ist. Wissen, Grad und Macht sind identisch in der hierarchischen Struktur des Bundes.
2. Man will der Anonymität, der auslöschenden Pluralität entkommen, endlich als Person wahrgenommen werden, auf deren Wirken es ankommt, zu einer kleinen entschlossenen und effektiven Elite gehören, endlich das eigene Leben fühlen und als wichtig bestätigt bekom-men, statt nur Zahl und Masse zu sein. Es gab und gibt kaum einen Geheimbund, in dem die Mitglieder sich nicht für etwas Besonderes hielten oder halten.
3. Man hofft durch die Mitgliedschaft, das Geheimnis zu erfahren, das einen in den Besitz von Macht oder von Reichtum oder des Ewigen Lebens bringt.

Der Bund stellt eine Parallelwelt zur Wirklichkeit dar, in der man zu leben beginnt, ein besse-res Pendant zur Schlechtigkeit der Realität. Dieser „Realitätswechsel“ kann zur Paranoia füh-ren.
Das Geheimnis und die Initiation in dieses Geheimnis stellen nicht Sein sondern Werden, nicht Worte sondern Taten, nicht Wissen sondern Handeln dar. Es ist ein wenig, wie in der Bibel: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ (Joh. 1,13)
Im wohlbehüteten Zentrum des Bundes steht das Arkanum: das Geheimwissen, das kann magisch, spirituell, naturwissenschaftlich oder auch Herrschaftswissen sein. Der Geheimbund heißt nicht in erster Linie Geheimbund, weil seine Existenz geheim wäre, sondern weil im Bund das große Arkanum, das große Geheimnis oder Geheimwissen bewahrt wird oder ein großes Ziel im Verborgenen verfolgt wird, ein Ziel, das für die Mitglieder wichtiger als ihr Leben ist. Man gehört in jedem Fall einer Elite, einem Kreis von Auserwählten an, die sich über die gemeine Menschheit erheben. Das perfekte Bild hierfür und häufig benutztes direktes oder indirektes Vorbild finden wir im Abendmahl der Jünger im Garten Gethsemane im Krei-se seiner Jünger.
Nicht der Bund ist interessant, sondern das konkrete Wirken von Menschen im Bund, nur von dort aus kann er betrachtet werden, nur von diesem Punkt aus lassen sich Urteile, Wer-tungen und Aussagen treffen. Deshalb muss ein strukturanalytischer Ansatz für die Betrach-tung des Geheimbund-Phänomens von vorneherein methodisch ausgeschlossen werden, und dafür die biographische Recherche mit der ideengeschichtlichen Analyse kombiniert wer-den. Die Strukturen ergeben sich aus der bewussten Strukturierung des Geheimnisses durch die Gründerpersönlichkeiten.

Systeme und Grade. Im 18. Jahrhundert entstanden in Frankreich und in Deutschland in der Freimaurerei verschiedene Hochgradsysteme, die über die traditionelle englische der drei so-genannten Johannisgrade (Lehrling, Geselle, Meister) hinausgingen. Dazu gehörte beispiels-weise das System der Strikten Observanz, das die Templeridee in die Freimaurerei einführte. Die Freimaurer wurden zu Tempelrittern und arbeiteten sich von Grad zu Grad in das gehei-me Wissen ein, das die Templer angeblich aus dem Morgenland mitgebracht hatten. Ein nachvollziehbarer Zusammenhang entstand aus dem historischen Faktum, dass die Templer ihr Hauptquartier in Jerusalem auf den Fundamenten des Salomonischen Tempels errichtet hatten. Und der Tempel Salomons gilt allen Freimaurern bis auf den heutigen Tag als perfek-tes Bauwerk.
Wenig später traten konkurrierende Systeme auf, wie das sogenannte Klerikat des Predi-gers Starck, der behauptete, dass es innerhalb des Templerordens noch einen erlauchten Kreis – den inneren Zirkel – gab, der die Geheimnisse des Ordens bewahrt hatte. Das wären nicht die Mönchsritter gewesen, sondern die im Inneren des Templerordens wirkenden Chorherren. Damit bezog sich der protestantische Theologe und Erforscher orientalischer Sprachen auf die Legende von den Chorherren, die auf Zypern das Ende des Templerordens überlebten, jener Chorherren, die auch Christan Rosenkreuz getroffen haben könnte.
Zur selben Zeit entstand der „Schwedische Ritus“, der sehr stark von esoterischen und my-stischen Gedanken geprägt war, die sich zum Teil von Emanuel Swedenborg herleiteten. Die ersten drei Grade im Schwedischen Ritus entsprechen den drei traditionellen Johannisgraden. Darauf folgte die Klasse der Andreasgrade („Auserwählte Brüder“ oder „Schottische Sankt Andreas Lehrlinge“, „Schottische Sankt Andreas Gesellen“ und „Schottische Sankt Andreas Meister“) und schließlich mit den Kapitelgraden die letzte Klasse. Diese gliederten sich in die „Stuartbrüder“ oder „Ritter des Ostens und Prinzen von Jerusalem“, die „Vertrauten Salomo-nis oder Ritter des Westens“, die „Vertrauten Brüder des Sankt Andreas“„.
An der Spitze stand der „Ritter-Kommandeur mit dem roten Kreuz“. Die schwedische Landesloge wurde eine Zeit lang sogar von einem Mitglied des schwedischen Königshauses geleitet, von Karl, Herzog vom Södermannsland, der später vorübergehend schwedischer Kö-nig wurde. Der Generalarzt der preußischen Armee, Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf, übernahm den Schwedischen Ritus für Deutschland und machte damit der „Strikten Obser-vanz“, aber auch dem Klerikat heftig Konkurrenz.

Deshalb müssen die Geschichten, die unter den Bedingungen, die der Bund schafft und die den Bund erschaffen, sich ereignen und zur Geschichte gerinnen, vordringlich Beachtung fin-den. Ausschlaggebend sind die konkreten Auswirkungen, die Taten und Meinungen, Sehn-süchte und Hoffnungen der Menschen in den Bünden, die ihr Leben ohne Einschränkung ei-ner Idee unterstellten und dafür in Paradoxien, in geheimnisvolle Riten und in mysteriöse geistige Zusammenhänge gerieten, und zuweilen dafür mit dem Seelenheil, dem Glück oder dem Leben bezahlen mussten. Sie haben nicht selten versucht, das Über-Natürliche zu schau-en und sind darüber wahnsinnig geworden, sie haben, statt der Erhabenheit ins Auge zu blik-ken, nur die Niedertracht entdeckt, zuweilen blieb nur die Enttäuschung, dass letztlich doch alles Menschenwerk ist.
Deshalb stehen im Zentrum einer Betrachtung des Phänomens nicht Strukturen sondern suchende Menschen, die in ihrem Wollen ernst genommen werden müssen, Mystagogen und Mystiker, Charismatiker und Betrüger, Idealisten und Verbrecher, Aufklärer und Fanatiker, Helden der Moral und Artisten des Frevels, Anwälte der Menschlichkeit und ruchlose Nihili-sten, vor allem aber Menschen, die sich auf die Suche nach einer wirklichen Heimat begeben hatten, die sie hofften in den Geheimbünden zu finden, weil sie ihnen an allen anderen Orten der Welt verwehrt worden war.
Im Übrigen schließt sich hier ein geistiger Zusammenhang, der sich in der Etymologie des Wortes Geheimnis niederschlug. Denn nach dem Etymologischen Wörterbuch ist die Her-kunft des Wortes „entsprechend zuerst zum Haus, zum Heim gehörig“ . Über die Heimlich-keit findet die Vorstellung der Heimat zum Geheimnis. Und im Bund will der Mensch die längst verlorene Heimat finden, die abseits der Öffentlichkeit existiert, eben in der Heimlich-keit, im Geheimen. Die Heimat wird als Pendant zur Öffentlichkeit begriffen. Wo Öffentlich-keit ist, ist keine Heimat und wo Heimat ist, ist keine Öffentlichkeit. Nur in der Nicht-Öffentlichkeit entsteht Heimat, und diese Heimat verwirklicht sich als Geheimnis im Bund, das durch die Heimlichkeit, eben die Abgeschlossenheit und Verborgenheit des Heims ge-schützt wird.
Jesus formulierte laut Matthäus den bemerkenswerten Satz: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matth. 18,20) . Dieses Jesus-Wort stellt eigentlich das Grundgesetz aller Geheimbünde der Welt dar. Denn dort, wo sich zwei oder drei Initiierte treffen, ist immer der ganze Bund anwesend, der seinen Grund im gemeinsamen Geheimnis oder Mysterium hat, im Zusammenkommen der Adepten im Ge-heimnis oder der Jünger im Mysterium.

Definitionen. Charles William Heckethorn , der exzellente Kenner der geheimen Vereini-gungen aus dem vorletzten Jahrhundert, definiert in seinem Werk über die Geheimbünde sie-ben verschiedene Typen , die er dann aber, weil es kaum einen reinen Geheimbund im Sinne der Definition gibt, sondern sie zumeist zwei oder drei Aspekte der Klassifikation vereinen, auf zwei Grundtypen zurückführt, auf die politischen und die religiösen Geheimbünde. Aber auch diese Unterscheidung bleibt schwierig, denn ein religiös motivierter Geheimbund kann durchaus politische Absichten hegen. Deshalb gehen wir von den Wirkungen aus. Im Grunde gibt es unter diesem Aspekt betrachtet vier Arten von Geheimbünden:
1. Geheimbünde, die politisch Einfluss erlangen wollen, um weltanschaulich-politische Ziele durchzusetzen,
2. Geheimbünde, die von Regierungsstellen, wie beispielsweise von Geheimdiensten, ge-gründet werden und für die Regierung bestimmte Aktionen durchführen sollen, mit denen man weder die Regierung noch ein Organ der Regierung noch eine Partei in Verbindung ge-bracht sehen möchte, sondern Taten, die aussehen sollen wie der blinde oder gerechte Volks-zorn,
3. Geheimbünde, die nicht die Welt verändern wollen, sondern sich in ihren Mauern eine aparte Gegenwelt schaffen und
4. die esoterischen Geheimbünde.
Darf man die ersten Bünde nicht mit politische Parteien oder rein terroristischen Vereini-gungen verwechseln, so kann man die Vereinigungen des zweiten Typs nicht einfach als eine Art Geheimdienstdependance abtun, denn sie entwickeln durchaus ein unkontrollierbares Ei-genleben, während die dritte Form der Bünde nicht mit ausschließlich religiösen Sekten ver-wechselt werden sollten.
Esoterik wird durch eine boomende Branche, die sich dieses Begriffes bedient, oftmals missverstanden als eine Art Wohlfühlreligion, ein Seelenwellness. Das verflacht den Begriff bis zur Verfälschung. Esoterik stellt nämlich im ursprünglichen Sinn des Wortes eine konse-quente Form des Lebens und Denkens dar, dass das Martyrium durchaus mit einschließt. Die meisten Ketzer waren Esoteriker . Seit es in den Glaubensbewegungen zu Kirchenbildungen kam, entstand eine Spannung zwischen exoterischer und esoterischer Kirche, mithin auch in der Überlieferung ein Konglomerat von exoterischem und esoterischem Wissen, letzteres galt und gilt oft als Geheimwissen, als das Geheimnis, als das große Arkanum, das das Gravitati-onszentrum von Geheimbünden bis auf den heutigen Tag bildet.
Die modernen, abendländischen Geheimbünde entstanden in zwei Entwicklungsschüben, die erstens in der Frühen Neuzeit und zweitens in der Epoche der Aufklärung freigesetzt wur-den. Im Grunde handelt es sich um einen großen Impuls, der vom mittelalterlichen Denken ausging und durch eine Zeitenwende unterbrochen wurde. Diese Zeitenwende aber stellte keinen Verkehrsunfall dar, sondern bestand wiederum in dem wohl kaum vermeidbaren Re-sultat einer gewaltigen gesellschaftlichen Implosion.

DIE THEORIE DER ZEITENWENDE

Johan Huizinga hat in seinem schönen gleichnamigen Buch vom Herbst des Mittelalters ge-sprochen. So beeindruckend und für seine Betrachtung hilfreich das Bild auch ist –für den Historiker der Frühen Neuzeit wird es problematisch, denn er kann weder mit einem Winter des Mittelalters aufwarten, noch den Frühling der Neuzeit bejubeln. In dem Bestreben zu ver-bessern, Wissen zu erwerben, die Sitten zu verfeinern, den Menschen in den Stand zu verset-zen, sich als Gottes Geschöpf zu erfahren, das in Christus geboren wird und im Heiligen Geist den Weg findet zum Ewigen Leben, verzweigen sich die großen Ströme antiken, arabischen und jüdischen Wissens, die im Abendland aufgenommen und bearbeitet worden waren und dadurch eine neue Gestalt annahmen.
Nicht genug damit, dass spätestens seit dem 12. Jahrhundert geheime Vereinigungen von Mystikern, von Magiern, von Alchemisten und schließlich Astrologen existierten und das Wissen vom Adepten zum Neophyten weitergegeben wurde. In der Frühen Neuzeit versuchte man, das immer facettenreicher werdende Wissen in große Systeme – wie beispielsweise die Pansophie – zusammenzufassen und es als einzige Emanation Gottes zu lesen, wie die Welt nur als eine Aussage Gottes verstanden werden konnte.
Mit Gott zu reden war das große Thema dieser Zeit. Das drückte sich beispielhaft in der Suche nach der adamitischen Sprache aus. Indem man versuchte, mit wissenschaftlichen Mit-teln das Idiom des ersten Menschen zu rekonstruieren, hoffte man, auf die Sprache zu treffen, in der dieser erste Mensch, der noch keinen Gesprächspartner besaß außer Gott, mit dem Al-lerhöchsten gesprochen haben musste.

Christenheit und Weltbild. Die geographischen Entdeckungen vergrößerten die Welt und gleichzeitig und geradezu paradox dazu zerfiel diese größer werdende Welt, die alles umfas-sende Catholica durch Luthers Thesenanschlag in Wittenberg und Calvins Durchsetzung der Kirchenzucht in Genf. Der Zerfall der Christenheit in viele Christentümer setzte eine große Orientierungslosigkeit in Gang. Calvinisten, Lutheraner und Katholiken reklamierten militant für sich, den einzig wahren Weg zu Gott zu besitzen, aber nur einer konnte Recht haben, nur eine Konfession vermochte nach zeitgenössischem Verständnis wirklich den Schlüssel zu Gottes Reich in den Händen zu halten. Und die starken magischen und esoterischen Strömun-gen – die der Alchemie, der Kabbalistik, der Mystik, der Astrologie, der Medizin, die gnosti-schen und arianischen Spekulationen –, die noch in der großen Einheit der katholischen Theo-logie Platz fanden, ein offenes oder verstecktes, ein gefördertes oder geduldetes oder gar verfolgtes Dasein führten, fühlten die wachsende Freiheit, verspürten aber auch plötzlich und für sie unerwartet eine kalte Unbehaustheit. Selbst zu schwach oder unwillig, eine eigene gro-ße Lehre zu gründen und als allgemeinverbindlich durchzusetzen, vermissten sie das Keller-gewölbe ihrer Existenz. Das alles verbindende und zusammenhaltende System der mittelalter-lichen Theologie bedeutete nicht Unfreiheit sondern im denkerischen Raum gerade das, was die moderne Physik in der einheitlichen Feldtheorie sucht. Doch diese einheitliche Feldtheorie des Denkens und Glaubens war unwiederbringlich verloren.
Es wurde bisher zuwenig berücksichtigt, welch große Schockwellen der Zerfall der Chri-stenheit auslöste. Die Ur-Katastrophe des abendländischen Europa aus einem modernen säku-larisierten Zeitalter heraus betrachtet, in dem christliche Denker inzwischen tolerieren, dass es mehrere Wege zu Gott gibt, macht es beinah unmöglich, die alles beherrschende Dimension dieses Weltzerwürfnisses, dieser existentiellen Zerrissenheit, dieser Haltlosigkeit angemessen zu würdigen. Für den Menschen der anbrechenden Neuzeit hatte sich die Hölle aufgetan, und er blickte schaudernd in den Abgrund, der sich unter der wankenden Ordnung auftat. Es war ja keineswegs so, dass Luther die Trennung von der katholischen Kirche mit Freuden betrieb, sondern in dem grimmigen „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen.“ klingt ja das resignierte Eingeständnis, dass er keine andere Möglichkeit sah, als sich von der katholischen Kirche zu trennen, hörbar durch. Gewollt war das nicht, konnte das auch nicht sein.
Das erste Mal in der Geschichte fanden die Auseinandersetzungen tatsächlich in der Öf-fentlichkeit statt, mehr noch, es entstand eine Öffentlichkeit in dieser Zeit. Ohne diese wach-sende Öffentlichkeit lässt sich das moderne Geheimbundwesen nicht verstehen, das als Pen-dant eben die Öffentlichkeit benötigt. Denn etwas kann nur geheim gehalten werden vor etwas, nämlich im gesellschaftlichen Raum vor dem Publikum. Was ehedem noch als schola-stische Disputation in Fachkreisen stattfand, wurde nun durch die Erfindung des Buchdruckes vorzugsweise als Flugschrift zum Allgemeingut einer bürgerlichen und adeligen Sozietät.
Doch damit nicht genug. Dem religiösen Schock folgte der astronomische, nachdem sich die Welt nicht mehr um den Papst drehte, rotierte sie alsbald auch nicht mehr um die Erde. Der blaue Planet wurde nach der neuen kopernikanischen Auffassung aus dem Mittelpunkt des Weltalls getrieben und musste sich nun schnöde einreihen in die Umlaufbahnen der ande-ren Planeten. Das sehr seriöse theologische Problem, das sich auftat, lautete: Wenn die Erde sich nicht mehr im Mittelpunkt der Welt befindet, sondern ein Planet unter vielen darstellt, wo ist dann Gott? Novalis, der sich später aus Verzweiflung über sein Jahrhundert ein ideales Mittelalter eindrucksvoll erdichtet hatte, erkannte das Problem sehr scharfsinnig: „So wehrte er (gemeint ist der Papst; der Verf.) den kühnen Denkern öffentlich zu behaupten, dass die Erde ein unbedeutender Wandelstern sey, denn er wußte wohl, dass die Menschen mit der Achtung für ihren Wohnsitz und ihr irdisches Vaterland, auch die Achtung vor der himmli-schen Heimath und ihrem Geschlecht verlieren, und das eingeschränkte Wissen dem unendli-chen Glauben vorzuziehen und sich gewöhnen würden alles Große und Wunderwürdige zu verachten, und als todte Gesetzwirkung zu betrachten.“

Wir können hier nicht alle Momente des Übergangs darstellen, doch diese kraftvolle Zusam-menballung bedurfte einer nicht minder gründlichen Lösung. Vorschläge, Wanderprediger und Heilsbringer, Geheimbündler und Reformatoren bevölkerten mehr und mehr den ratlosen Kontinent. Und da es keine Kraft gab, die eine alle befriedigende Lösung vorschlagen und durchsetzen konnte, stieg diese gewaltige Spannung nur noch weiter an. Nichts charakterisiert diesen ungeheuren Druck in der Gesellschaft besser als die Tatsache, dass eine unbedeutende Prager Lokalposse zum Auslöser eines der schlimmsten Kriege der Menschheitsgeschichte wurde. Die gewaltige Implosion nahm die Gestalt des Krieges an.
So furchtbar es ist, aber dieser grauenvolle Krieg stand am Beginn der europäischen Mo-derne: Er brachte die Aufklärung hervor. In der Gestalt des Denkers René Descartes wird das deutlich: Nach Deutschland geschickt, um die Rosenkreuzer zu suchen, nahm er als Lands-knecht am Dreißigjährigen Krieg teil und wurde zum Begründer des modernen europäischen, des aufgeklärten Denken, zu demjenigen, der die kopernikanische Wende in der Philosophie vollzog.
Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die moderne Geschichte der Geheimbünde mit der kopernikanischen Wende im Denken beginnt. Es gibt ein Vorher und ein Nachher, die Zäsur dafür ist der Dreißigjährige Krieg, der nutzlose, der gründliche, der Krieg als gesellschaftliche Lebensrealität. Die frühe Blüte der geheimen Vereinigungen als Laboratorien einer neuen Gesellschaft, in denen sich die Suche nach dem Stein der Weisen und die „Allgemeine und General REFORMATION der gantzen weiten Welt“ nur als die extremen Amplituden in den Zielsetzungen darstellen, konnte sich bedingt durch den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr entfalten, des Ereignisses, das zur Zeitenwende wurde und einen neuen Anfang regelrecht erzwang.

VOR DER ZEITENWENDE: DIE ROSENKREUZER

Am Beginn der Geschichte des großen abendländischen Geheimbundes der Neuzeit, der sich konsequent ins Esoterische entwickeln sollte, steht das Rosenkreuzer-Paradoxon. So gut in-zwischen die literarische Seite des Phänomens dank der bahnbrechenden Arbeiten von Carlos Gilly und Roland Edighoffer erforscht ist, so wenig weiß man hingegen über die Anfänge der Organisationsgeschichte des Bundes. Das hängt vor allem damit zusammen, dass es noch keine Aufarbeitung der Esoterik der frühen Neuzeit gibt. Deshalb lässt sich eher ahnen, wie alchemistische Gruppen sich zu Rosenkreuzern wandelten.
Die seriöse Forschung hat sich deshalb so wenig mit Alchemie, Pansophie und Magie be-schäftigt , weil zu oft diese legitimen wissenschaftlichen Bemühungen, die von einer sich durchsetzenden Denkweise des Rationalismus und einer auf Analyse beruhenden Wissen-schaft im Gegensatz zu einer pansophischen Wissenschaft in der frühen Neuzeit, die noch sehr starke synthetisierend angelegt war, marginalisiert wurden. Hier gab der nach der Zei-tenwende siegreiche Rationalismus als Magna Charta europäischer Wissenschaft den Interpre-tationsrahmen vor, und der war weitgehend von Unverständnis und Ablehnung geprägt. Im Nachhinein wurde getrennt, was eigentlich zusammengehörte, wurde in der Geistesgeschichte auf der Grundlage eines fragwürdigen Konzepts des Fortschritts alles aussortiert, was nicht zu den herrlich aufgeklärten Zeiten führte. Das verwundert nicht, entstand dieser Rationalismus doch in der Auseinandersetzung mit der katholischen Theologie und der Pansophie. Die Pan-sophie als Weltganzheitslehre, wie wir sie nennen wollen, wurde zunehmend von den rationa-listischen, analytischen Wissenschaften, den Weltzerteilungslehren verdrängt, in die Geheim-bünde abgedrängt. Gegen diese Geschichts-Teleologie des Fortschritts steht mahnend Rankes Wort von der Gottunmittelbarkeit jeder Epoche.

Ursprung der Rosenkreuzer. Gesichert ist indes, dass sich im ersten Jahrzehnt des 17. Jahr-hunderts in Tübingen ein Freundeskreis außerordentlicher Männer gebildet hatte. Mittelpunkt war der Pansoph, Arzt und Alchemist Tobias Hess. Der in Nürnberg geborene Wissenschaft-ler beschäftigte sich zunächst mit der Theologie, dann mit der Rechtskunde, schließlich mit der Medizin und Alchemie. Um sich herum versammelte er die hellsten protestantischen Köp-fe der Universität. Dazu gehörten der Theologe und Philosoph Christoph Besold und der jun-ge Student der Theologie Johann Valentin Andreae. Letzterer hat durch sein reiches und be-deutendes Schaffen über ein langes und wirkungsvolles Leben hinweg ein wenig die einzigartige Figur von Tobias Hess verdunkelt. Ungewollt, denn schließlich war es wiederum Johann Valentin Andreae, der uns auf diesen einzigartigen Mann erst hinwies, wenn er im Rückblick festhielt: „Wir glaubten an den paradoxen Geist von Tobias Hess und an ich weiß nicht was für ein goldenes Zeitalter und an was für eine neugierige Berechnung des Jüngsten Gerichts.“
Diese Bemerkung des alten Andreae ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Als der junge Andreae Hess kennen lernte, wahrscheinlich sogar im Elternhaus, war Hess bereits ein gestandener Mann Ende vierzig. Mit Andreaes Vater führte er gemeinsam alchemistische Ex-perimente durch. Denn den größten Teil seines Lebens hatte er nach den Mitteln gesucht, mit denen diese elende und verstockte Welt zu verbessern wäre. Man muss sich Tobias Hess ein wenig wie Goethes Doktor Faust vorstellen:

„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh´ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor.
(…)
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab´ ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält…“
Man kann einwenden, dass die Figur des suchenden Fausts ursprünglich von der Gestalt des Abts von Trittenheim inspiriert war, doch bei näherem Hinsehen hätte auch Agrippa von Nettesheim Modell gestanden haben können oder eben Tobias Hess. Gleichviel, Goethe ver-mochte im Faust einen Typ des frühneuzeitlichen Universalgenies gültig zu gestalten, hatte er doch in seiner Jugend einschlägige Erfahrungen mit dem esoterischen Denken gemacht, die ihn zeitlebens nicht losließen, wie der Faust, aber auch das Fragment „Die Geheimnisse“ ein-drucksvoll verdeutlichen.

Die Sehnsucht nach einer neuen Reformation. Hess jedenfalls gründete kleine Freunde- und Musenbünde, um dem Niedergang des Protestantismus entgegenzuwirken. Hatte Luther in „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ noch gut mystisch postuliert, dass es auf das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott ankäme, und damit die Mittlerschaft der Priester in Frage gestellt, der Institution der Kirche die Allmacht genommen, so verfestigte sich nach Luthers Tod, wie es durchaus dem Wesen der Bürokratie entspricht, die institutionellen Kräfte im Luthertum, die eine neue, eine protestantische Kirche, oder wie es die Zeitgenossen nann-ten, die Mauerkirche begründeten, die man später als lutherische Orthodoxie bezeichnete. So entstand eine neue kirchliche Organisation, die über den Glauben entschied. Das führte zur Verflachung und zur Verkrustung und legte den Motor der lutherischen Reformation lahm.
Unter den lutherischen Theologen und Philosophen, aber auch unter einer großen Zahl von Gläubigen aus den gebildeten Ständen wuchs und wucherte die Sehnsucht nach einer neuen Reformation. Der versandete Impuls musste erneuert werden. Zunehmend konzentrierte sich das Denken im Freundeskreis auf diese Aufgabe. Hinzu kam das deutliche Gefühl einer na-henden Endzeit, einer Zeitenwende. Neben den magischen und mystischen Lehren wirkte die Idee der Dreireichelehre des Abtes von Fiore sehr stark auch auf den Tübinger Kreis. Man wähnte sich unmittelbar am Beginn des Dritten Reiches, des Reiches des Heiligen Geistes, das nach dem Reich des Vaters und das des Sohnes nun endlich anbrechen musste, deuteten doch alle Berechnungen darauf hin, auch die des Tobias Hess, auf die Andreae in seinen Erin-nerungen anspielte.
Dieses neue Zeitalter wurde astronomisch angekündigt. Zeitgleich berichtete Johannes Kepler, den wir zwar heute als großen Mathematiker und Astronomen schätzen, der aber ein nicht weniger erfolgreicher und begeisterter Astrologe war, in seinem De Stella nova in pede von der Supernova von 1604, die im Feurigen Dreieck („Serpentarii et de Trigono idneo“ ) erschien. Diese Vorboten wurden von den Zeitgenossen sehr ernst genommen und als Zeichen einer großen Veränderung gelesen.

Geistige Strömungen und Geheimwissen. Weil das grundlegende Kriterium des Geheim-bundes in dem in seinem Innern sich befindenden und von ihm geschützten Geheimnis be-steht, ist es notwendig das Geheimnis, das sich im Geheimwissen präsentiert, zu recherchie-ren. Es können hier nur kurz und eher kursorisch die wichtigsten geistigen Strömungen benannt werden, die zu den Rosenkreuzer-Manifesten, die in diesem Freundeskreis etwa zwi-schen 1606 und 1610 entstanden, führten und die teilweise zum „klassischen“ Geheimwissen zählen:

1. Der mystische Weg zu Gott als Rettung des Menschen vor Hölle und Vergänglichkeit und Ankunft im Ewigen Leben, der – von Meister Eckhart beschrieben, über viele Vermittlun-gen von Martin Luther aufgenommen und schließlich über Kaspar von Schwenckfeldts „Con-fession und Erclerung vom Erkandtnus Christi und seiner göttlichen Herrlichkeit“ , über Va-lentin Weigels „Dialogus de Christianismo“ , in dem Weigel erklärte, dass die Prediger der Amtskirche und ihre starren Lehren fern von Gott in der Finsterns enden werden, während der Laie, der die persönliche Vereinigung mit Gott durch Christus suche, ins Licht der göttlichen Herrlichkeit gelange –, direkt zu den rosenkreuzerischen Gedanken einer neuen Reformation führte. Weigels Ideen gaben den entscheidenden geistigen Anstoß zur Entstehung des Pietis-mus, der im Gegensatz zur lutherischen Orthodoxie die Freiheit des Glaubenden, die er in einem tiefen, persönlichen Verhältnis zu Gott begründete, verteidigte. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang noch Arndts „Vier Büchlein des Wahren Christentums“ .

2. Die eschatologischen Vorstellungen, die im überlieferten Werk des Origenes bis Joachim di Fiore in der „Expostio in Apocalypsim“ reichen und in der Dreireichelehre gipfeln, gaben das Gesellschaftsmodell vor. Für den Freundeskreis stellte sich das Weltenende als Restitutio ad integrum dar. Als Voraussetzung für diese Restitutio ad integrum allerdings sahen sie den Fortgang der Reformation oder besser eine neue Reformation, die sie zu entwerfen gedachten.

3. Die hermetischen Schriften, denen für die Diskussion der Renaissance und des beginnen-den Barock eine kaum zu überschätzende Bedeutung zukam, besonders die Asclepios-Manuskripte, der Corpus hermeticum und die Tabula Smaragdina. Während Letzteres das grundlegende Werk der Alchemie darstellt und im Mittelalter aus dem Arabischen ins Latei-nische übersetzt wurde, sorgte die Corpus-Übersetzung des Marsilius Ficinus aus den Acht-zigerjahren des 15. Jahrhunderts als starker Impulsgeber der magischen und pansophischen Diskussion der beiden folgenden Säkula.
Der zentrale Lehrsatz der hermetischen Schriften lautete: So wie oben, so auch unten. Der Makrokosmos entspricht dem Mikrokosmos und wurde mithin der Grundsatz der Pansophie, die über Paracelsus zu Tobias Hess kam, und besonders in der Medizin, der sogenannten paracelsischen Medizin wirkte. Das Interesse an der Medizin resultierte aus der ganzheitli-chen Vorstellung von Heil und Heilung. Die Heilung des Menschen schloss die Herstellung des Seelen-Heils ein, bzw. war ohne dies unmöglich. Diese pansophische Medizin fand muta-tis mutandis über die Homöopathie in die moderne ganzheitliche Medizin Eingang.
Ein großer historischer Bogen einer rationalisierten Wissenschaft (Medizin), die den Mensch zunächst als Maschine verstand, musste durchschritten werden, bis diese abgebro-chenen Entwicklungen wieder aufgenommen werden konnten. Die Rezeption dieser Schriften transportierte auch die Vorstellung des Geheimen als Geheimwissen mit sich und inspirierte die Adepten aus verschiedenen Gründen zur Geheimbündelei.
Zunächst wurde mit den hermetischen Schriften die Vorstellung transportiert , dass die altägyptischen Priester, die das geheime Wissen im Heiligtum von Hermopolis von Gott Thot-Hermes selbst empfangen haben sollten, dieses Wissen nun ihrerseits geheim gehalten haben und diese Heimlichkeit göttlich sanktioniert war, das heißt, dem Verräter drohten Qual, Tod und ewige Verdammnis. Bis ins Zeitalter der Frühaufklärung wusste man noch sehr deutlich Bescheid über den Zusammenhang von Heiligkeit und Geheimnis, wie sie in den Mysterien zum Ausdruck kamen. Auch den protestantischen Theologen war das Mysterium des Chri-stentums, wie sie sich in den Sakramenten verwirklichten, noch gegenwärtig, mehr noch, sie besaßen noch eine Erinnerung daran, dass die frühen Christen die Sakramente im Geheimen spendeten, ja das die Konsekration nur gelingen konnte, wenn man sich im Geheimen traf und über das, was im Mysterium geschah, Schweigen bewahrte.
Die Kirche in der geheimen Zusammenkunft der Gemeinde als Realisation des mystischen Leibs Christi wurde von den frühen Christen noch ganz wörtlich verstanden . Davon aber wussten die frühen Rosenkreuzer. Deshalb war es notwendig, einen Geheimbund zu gründen, damit das diskrete Wissen auch geheim bliebe. Hinzu kam, dass alchemistisches oder gnosti-sches Denken, teilweise auch mystische Vorstellungen als häretisches Denken von kirchlicher Seite behandelt wurde und sich für deren Exponenten wie Raimundus Lullus oder Arnaldus Villanovanus beispielsweise eine bestimmte Diskretion ganz einfach aus Sicherheitsgründen ergab. Die Geheimhaltung erwuchs aus der Tradition, aus dem Zusammenhang mit dem Hei-ligen zum einen und aus konkreten gesellschaftlichen Gründen der Verfolgung und Restrikti-on zum anderen.
Schließlich entstand in der Renaissance ein staatsrechtliches Denken als utopisches Ent-werfen von Gesellschaftsmodellen mit ausgesprochen regulativer und normativer Ausrich-tung. Die Werke des christlichen Fundamentalisten Girolamo Savonarola „De simplicitate Christianae vita“ , das Christoph Besold 1616 herausgeben sollte, und „Oraculo della renova-tione della chiesa“ wurden im Kreis um Tobias Hess diskutiert. Thomas Morus’ „Utopia“ erschien bereits 1516, Campanellas „Città del Sole“ schließlich kam 1602 heraus und löste ein heftige Diskussion aus. Brocardos „Mystica et prophetica libri Genesos interpraetatio“ spielte eine große Rolle in der Diskussion.

Die Rosenkreuzer-Manifeste. Das erste Rosenkreuzer-Manifest, die „Fama fraternitatis“, die nichts Geringeres anstrebte als „eine Allgemeine und General REFORMATION der gantzen weiten Welt. Beneben der FAMA FRATERNITATIS Deß Löblichen Ordens des Rosenkreut-zes/an alle Gelehrte und Häupter Europae geschrieben“, erschien als zweiter Teil, wenn man so will als eine Art Anhang zu einer Übersetzung der Staatssatire „Ragguagli di Parnasso“ des italienischen Satiriker Trajano Boccalini.
Die drei Rosenkreuzer-Schriften – die „Fama fraternitatis“, die „Confessio Fraternitatis Oder Bekanntnuß der löblichen Bruderschaft deß hochgeehrten Rosen Creutzes an die Gelehr-ten Europae geschrieben“ und schließlich die „Chymische Hochzeit“ entstanden im Kreis um Tobias Hess in der Zusammenarbeit von Hess, Besold und Andreae. Bevor sie 1614, 1615 und 1616 gedruckt erschienen, machten die Manifeste als Handschriften bereits die Runde und elektrisierten die Öffentlichkeit. Ein Geheimbund, der angetreten war, die Welt zu refor-mieren und die edelsten Ziele propagierte, erschien den einen als Retter und den anderen als Teufel. Von Anfang an wurden die Rosenkreuzer heftig bekämpft, mit einem Wort, sie saßen zwischen allen Stühlen. Die lutherische Orthodoxie denunzierte sie als verkappte Calvinisten, die die lutherische Kirche unterwandern wollten. Die Calvinisten wiederum sahen in den Ro-senkreuzern Jesuiten und die Katholiken schließlich die Fünfte Kolonne der Protestanten. In der Folgezeit erschienen über 200 Schriften, die den Rosenkreuzern applaudierten, sie angrif-fen oder verteidigten – und sie schlicht und ergreifend suchten.
Denn nun geschah das Merkwürdige, das ganz und gar Paradoxe: Auch nach Erscheinen der gedruckten Manifeste fand man keinen Anhaltspunkt, wo dieser Bund anzutreffen war. Die Bekennerschreiben waren greifbar, aber es fehlten die Bekenner – ein seltsames Kurio-sum, das in der Geschichte seinesgleichen sucht. Immer hektischer fragte sich die Öffentlich-keit, wer denn nun die Rosenkreuzer waren. Wo befanden sie sich? Welche Persönlichkeiten standen dahinter? Doch der Geheimbund blieb geheim. Er hatte zwar zur Mitarbeit aufgeru-fen, aber die vielen, die gerne mittun wollten, wussten nicht, wo sie sich melden sollten. Schon tauchten überall, vornehmlich auf der Buchmesse zu Frankfurt, Betrüger auf, die be-haupteten, Rosenkreuzer zu sein. Fürst August von Anhalt interessierte sich lebhaft für den neuen Geheimbund und bezahlte Spitzel und Mittelsmänner, die herausfinden sollten, wo die-se rätselhaften Brüder vom Rosenkreuz anzutreffen wären.
Der 1575 geborene Fürst August gehörte zu den klügsten und gebildetsten Adeligen seiner Zeit. Er hatte schon früh zugunsten seiner Brüder auf die Herrschaft verzichtet und sich auf sein Landgut Plötzkau zurückgezogen, um sich der Alchemie, Magie und Theologie zu wid-men. Die Suche des calvinistischen Fürsten nach den Rosenkreuzern gestaltete sich ergebnis-los. Waren sie am Ende nur ein Phantom?
Im frühen 17. Jahrhundert bestand kein Mangel an geheimen Zirkeln, Bünden und Gesell-schaften, die sich vornehmlich mit Pansophie und mit Alchemie beschäftigten. Überhaupt kann das 17. Jahrhundert als das Zeitalter der Alchemie bezeichnet werden, das noch weit ins 18. Jahrhundert hineinstrahlte. Nicht nur August von Anhalt interessierte sich für diese ge-heimnisvolle Wissenschaft, auch Kurfürst Joachim von Brandenburg, der Kasseler Landesherr Philip von Hessen-Butzbach, der sich im Hintergrund hielt und seinen Leibarzt Daniel Mög-ling in seinem Auftrag agieren ließ. Unter Philipps Ägide erschien auch die „Fama“ der Ro-senkreuzer, in Kassel bei seinem Hofdrucker.
Ein Mittelpunkt der Künste und Wissenschaften, besonders aber der Astrologie, Alchemie und der Geheimlehren war damals die Stadt Prag. Einer der berühmtesten Alchemisten der Zeit, Michael Sendivogius, verkehrte am Hof Rudolphs II.. Eigens aus England reiste Sir John Dee an, der berühmte Mathematiker, Astrologe, Alchemist und Okkultist, der aus einer einzi-gen Hieroglyphe, der sogenannten Monas-Hieroglyphe, die komplexe Welt erklärte. Seine Königin, Elizabeth I., vertraute ihm so sehr, dass sie nach seinen Berechnungen der Sternkon-stellationen den Tag der Krönung festlegen ließ.

Der Orden des Christian Rosenkreuz. Trotz all dieses geheimnisvollen Wirkens war die Nachricht von der Existenz des neuen Ordens der Rosenkreuzer im Jahrzehnt vor dem Drei-ßigjährigen Krieg eine Sensation. Daran wird deutlich, wie groß die allgemeine Ratlosigkeit war, wie sehr man auf eine geheime Gesellschaft der trefflichsten Männer gewartet hatte, die jene aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung bringen würde. Dass bei diesem Ge-heimbund auch die Magie eine Rolle spielte, minderte die Begeisterung keineswegs. Die Mit-tel und Methoden der Magie galten in dieser Zeit zwar als real, blieben aber für die meisten Menschen nicht verfügbar . Und die Tatsache schließlich, dass man den Orden der „Brüder vom Rosen Kreuz“ intensiv suchte und einfach nicht fand, stimmte niemanden skeptisch, sondern erhöhte nur seinen Reiz und seine Attraktivität.
Als das erste Interesse nachließ, kam 1616 die „Chymische Hochzeit: Christiani Rosen-creutz: Anno 1459“ heraus. Nun endlich hatte der Orden eine Legende, und vor allem einen idealtypischen, legendären Gründer, nämlich Christian Rosenkreutz, nach dem die Bruder-schaft hieß. Für die Zeitgenossen bestand kein Zweifel an der Existenz dieser geheimnisvollen Persönlichkeit – zu viel passte einfach zu gut zusammen: Sein Grabmal war angeblich 1604 entdeckt und geöffnet worden, ein Jahr, das sich aus astrologischen Gründen hervorhob, näm-lich durch eine besondere Sternenkonstellation: Jupiter und Saturn standen im neunten Haus. Und im „Trigenum igneum“, dem feurigen Dreieck der drei Tierkreiszeichen Widder, Löwe und Schütze entdeckte Johannes Kepler einen neuen Stern, der als Zeichen für den Beginn einer neuen Reformation verstanden wurde. Außerdem galt die Vorstellung, dass 120 Jahre der Buße und des Gerichts, bestimmt wurden, denn in der Bibel steht: „daher soll seine Le-benszeit hundertzwanzig Jahre betragen.“ (Genesis 6,3) . Setzt man nun, wie die Zeitgenos-sen es taten, als Beginn der Zeit der Buße und des Gerichts Luthers Geburtsjahr an, so passte das Jahr 1604 perfekt. Es muss so gewirkt haben, als hätte Luther den Stafettenstab zur Vollendung der Reformation an die Rosenkreuzer weitergegeben. Nach der 1614 erschiene-nen „Fama Fraternitatis“ wurde Christian Rosenkreutz 1483 begraben. An der Tür zu seinem Grabmal stand: „Post CXX Annos Patebo“, nach 120 Jahren zu öffnen – also befand man sich wiederum im Jahr 1604.
Die Gründer des Ordens allerdings waren zu diesem Zeitpunkt entweder verstorben wie Tobias Hess, oder sie wollten nicht mehr an ihre Jugendsünden erinnert werden wie Christoph Besold, der in der Folgezeit zum Katholizismus konvertieren sollte, und Johann Valentin An-dreae, der zeitlebens seine Verfasserschaft abstritt. Deshalb reagierte Andreae auch zornig auf die von Daniel Mögling betriebenen Drucke in Kassel.
Doch die Idee einer Rosenkreuzerbruderschaft hatte sich bereits verselbständigt. Zur idea-len Projektionsfläche für den neuen Bund wurde der legendäre Gründer, Christian Rosen-kreuz, hinter dem die Öffentlichkeit, aber auch die Forschung eine reale historische Persön-lichkeit vermutete. Die einen verwiesen auf Martin Luther, der nicht nur mit Andreaes Großvater bekannt gewesen war, sondern auch das Kreuz aus Rosen als Wappen führte. An-dere wollten in dem Ordensgründer Johann Valentin Andreae selbst sehen, denn der Christian Rosenkreuz der „Chymischen Hochzeit“ wird von Andreae als hinkend beschrieben, so wie er selbst mit einer Gehbehinderung zu kämpfen hatte. Zudem führte auch die Familie Andreae in ihrem Wappen Rose und Kreuz.
Textanalysen der „Fama“ und der „Chymischen Hochzeit“, verbunden mit der Befragung der Ergebnisse der historischen Forschung, legen die Annahme nahe, dass die drei „Erfinder“ der Rosenkreuzerbruderschaft Christian Rosenkreuz als Figur kreierten. Wenn man von einem Vorbild für die Figur sprechen möchte, so bieten sich Martin Luther oder aber Paracelsus an. Für uns allerdings schaut hinter dieser Figur auch Meister Eckhart sehr deutlich hervor.

Descartes und die Rosenkreuzer. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, der 1618 aus-brach, riss die Entwicklung der Rosenkreuzer in Deutschland vorübergehend ab. Im Jahr 1620 begleitete René Descartes den katholischen Feldherrn Tilly auf seinem Kriegszug durch Deutschland. Der französische Philosoph hatte einen klar umrissen Auftrag: Er sollte den Or-den der Rosenkreuzer finden, der sich in Frankreich großer Berühmtheit erfreute. Sei es, dass er an der falschen Stelle suchte, sei es, dass es die Rosenkreuzer nicht gab oder der Krieg sie zerstreut hatte, oder sei es, dass er sie tatsächlich gefunden hatte und sie nicht zu verraten ge-dachte, weil er selbst zu ihnen gehörte – Descartes meldete seinem Auftraggeber, die Suche sei erfolglos verlaufen.
Doch zumindest neue Kunde von der mysteriösen Bruderschaft brachte der Philosoph mit nach Paris. Bald nach seiner Rückkehr floh er nach Utrecht und begann mit der Arbeit an sei-nem Hauptwerk, einer wissenschaftlichen Gesamtdarstellung der Welt, die ganz dem Stil und Ideal der Universalgelehrten wie Paracelsus entsprach. Philosophische Betrachtungen und naturwissenschaftliche Studien – über die Herkunft der Metalle, den Aufbau der Körper durch kleinere Körper oder botanische Untersuchungen – waren darin allumfassend dargelegt. Wie ein Baumeister beschrieb Descartes die komplexe Architektur der Welt.
Es standen nur noch letzte Korrekturen an, als ihn 1633 ein Schicksalsschlag traf: Des-cartes erfuhr, dass Galileo Galilei in Rom vom Inquisitionsgericht verurteilt worden war und seine Lehre, die auf den Theorien von Nikolaus Kopernikus von der Bewegung der Planeten auf Kreisbahnen um die Sonne beruhte, widerrufen hatte. Zwar hatte Descartes das koperni-kanische Weltbild nur als Hypothese behandelt, aber selbst das konnte ihm nun übel ausgelegt werden.
Zudem durfte er sich im calvinistischen Utrecht ohnehin keineswegs sicher fühlen, und der örtliche Prediger hetzte bereits gegen den Philosophen des Teufels. Descartes verzichtete also auf die Veröffentlichung und versteckte sein Werk so gut, dass es bis heute nicht gefunden wurde. Er floh nach Schweden, wo er bald darauf sich in dem herben Klima eine Lungenent-zündung zuzog und starb. Dass Descartes´ Hauptwerk verschollen ist, bedeutet in mehr als einer Hinsicht einen Verlust: Für uns fände sich darin sicherlich ein Hinweis darauf, ob Des-cartes die Rosenkreuzer in Deutschland fand und würde mithin eine wichtige Quelle darstel-len für die noch sehr im Dunkeln liegende Organisationsgeschichte des Bundes.
Auf vielen Wegen verbreiteten sich die Vorstellungen der Rosenkreuzer in ganz Europa. In den Niederlanden hatte Descartes seinen Teil dazu beigetragen. Ein zweiter berühmter Mann sollte eine noch größere Rolle spielen: der tschechische Theologe und Pädagoge Johann Amos Comenius, der enge Kontakte zu Johann Valentin Andrae unterhielt. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Haus des Gelehrten und Oberhauptes der Böhmischen Brüder von Katholiken verwüstet und seine wertvolle Bibliothek vernichtet. Comenius konnte sich mit knapper Not retten, emigrierte nach Polen und ließ sich schließlich in Amsterdam nieder, wo er im Kreis von Freunden pansophische Ideen vertiefte. Obwohl die Rosenkreuzer auch in den Niederlanden verfolgt wurden, entwickelte sich hier eine starke Gemeinde, die sich über Jahrhunderte hielt.
So ist es kein Zufall, dass es heute in Amsterdam eine Bibliothek gibt, die sich den Rosen-kreuzern verbunden fühlt, die „Bibliotheka Philosophica Hermetica“ (Bibliothek des hermeti-schen Wissens) von Joseph R. Ritman. Und das Lectorium Rosicrucianum, die 1934 durch den niederländische Mystiker Jan van Rijckenborgh gegründete „Internationale Schule des Goldenen Rosenkreuzes“, blickt auf eine lange und ununterbrochene Tradition zurück, die in den Tagen des wissenschaftlich-freundschaftlichen Briefwechsels zwischen Johann Amos Comenius und Johann Valentin Andreae begann.

Die seltsame Verbindung von Alchemie und Weltverbesserung, von Medizin und Religion, die dem Geheimbund der Rosenkreuzer seine bis heute zwar vibrierende, aber stabile innere Spannung gibt, macht es unmöglich festzustellen, wann die ersten geheimen Zirkel dieser Vereinigung ihre Arbeit aufnahmen. Geheim waren die Rosenkreuzer immer, denn zu allen Zeiten sahen sie sich verfolgt. Seit dem 13. Jahrhundert hat es alchemistische Zirkel und her-metische Gruppen gegeben, bei denen man nie sicher sein kann, ob man es vielleicht mit Ro-senkreuzern zu tun hat. Der große spanische Mystiker und Hermetiker Raimundus Lullus ver-öffentlichte um 1270 den „Doctor Illuminatus“, Roger Bacon den „Doctor admirabilis“, und um 1250 hatte bereits Arnaldus Villanovanus mit seinem „Rosarium“ für Aufsehen gesorgt. Man könnte die Reihe über Basilius Valentinus, Albertus Magnus, Johannes Trithemius und Paracelsus bis zum „Parlamentum hermeticum“ in Frankreich beliebig ausführlich fortsetzen – es lässt sich kaum entscheiden, ob es lediglich Alchemisten oder vielleicht schon Rosen-kreuzer waren, die sich um die Meister versammelten.
Am Anfang des 17. Jahrhunderts verbreitete sich auch in Frankreich das Gedankengut der Rosenkreuzer in geheimen Zirkeln von Pansophen, Alchemisten und Mystikern, die ein Jahrhundert später wieder an die Öffentlichkeit traten, und zwar in Gestalt geheimnisvoller Freimaurergrade. Ohne die Rosenkreuzer zu kennen, versteht man unmöglich die Geschichte der Freimaurer.
Zur gleichen Zeit interessierte sich der englische Arzt, Alchemist, Paracelsist und Natur-philosoph Sir Robert Fludd nicht nur außerordentlich für die Rosenkreuzer, sondern verfasste 1616/17 auch Schriften zu ihrer Verteidigung. Seit Jahrzehnten hatten die pansophischen und paracelsischen Ideen vom Kontinent aus auf der Insel in einer kleinen, sehr elitären und tonangebenden intellektuellen Schicht Fuß gefasst. So fielen die Vorstellungen des Geheim-bundes hier auf gut vorbereiteten Boden und gediehen prächtig. Im Jahr 1646 gründete Elias Ashmole mit dem Astrologen William Lilly, dem Arzt Thomas Warton und anderen das Haus Salomonis, das deutlich von den Rosenkreuzern inspiriert war und deren Gedanken weiter-entwickelte.
Der Alchemist Thomas Vaughan übersetzte 1652 die „Fama“ und die „Confessio“ unter dem Pseudonym Philalethes ins Englische. Das Besondere und vor allem Folgenreiche dieser Gründung bestand darin, dass Ashmoles geheime Gesellschaft sich bei den Freimaurern in der Mason’s Hall einmietete. Um 1730 veröffentlichte dann ein Autor die freimaurerische Schrift „Long livers“ unter dem Pseudonym Eugen Philalethes, durch die Wahl des Pseudonyms deutlich bezugnehmend auf Vaughan und die rosenkreuzerische Tradition. Dadurch kam es in England bereits zu Beginn der nicht berufsbezogenen Freimaurerei zu einer engen Beziehung zu den Rosenkreuzern. Einige der neuen englischen Rosenkreuzer waren gleichzeitig Frei-maurer. Durch diese angeregt und vermittelt, bildete sich von Anfang an ein esoterisches und mystisches Moment heraus, das große Möglichkeiten zur Entfaltung barg. Als nun die Freimaurerei in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 18. Jahrhunderts auf den Kontinent übersetzte, hatte sie das Erbe der Rosenkreuzer im Gepäck.
Die Freimaurer als moderne oder „accepted Freemasons“, also als Nicht-Werkmaurer las-sen sich vor dem Dreißigjährigen Krieg nicht feststellen, wenngleich ihre Wurzeln bis zu den mittelalterlichen Dombauhütten und den Rosenkreuzern zurückreichen.

NACH DER ZEITENWENDE: DIE BÜNDE DER AUFKLÄRUNG

Die Freimaurer. Der offizielle Teil der Geschichte der Freimaurerei beginnt mit dem Treffen der Honorable Society and Fraternity of Freemasons (Ehrenwerte Gesellschaft und Bruder-schaft der Freimaurer) am 24. Juni 1717 – dem Johannistag – im „Goose and Gridiron Ale-house“ (Bierhaus zur Gans und zum Bratrost) in St. Paul´s Churchyard in London. Vorausge-gangen war eine Versammlung von angenommenen Freimaurern („accepted freemasons“ oder „gentleman-masons“) am 27. Dezember 1716, bei der die ehrenwerten Herren beschlossen hatten, die vier alten Freimaurerlogen Londons zu vereinigen und sie unter das Patronat einer einzigen Großloge zu stellen, der alle Beamten („Meister vom Stuhl“, „Stellvertretener Mei-ster vom Stuhl“, „Aufseher“) der einzelnen Logen angehören sollten.
Anlass für diesen Beschluss war die Tatsache, dass die Zahl der Vereinigungen von ange-nommenen, als nicht berufsmäßigen Freimaurern rasant stieg. Damit aber bestand die Gefahr, dass die ehrwürdige Bruderschaft durch unkontrollierte Neugründungen mit erfundenen Riten ins Chaos getrieben und der Lächerlichkeit preisgegeben würde, wie es dann einige Jahre spä-ter in den deutschen Landen auch tatsächlich geschah . Da sie also dringend einer zentralen Organisation und festgelegter Regeln bedurfte, hatten die Gentlemen an jenem Winterabend 1716 in der „Apple Tree Tavern“ (Schenke zum Apfelbaum) in der Charles Street beschlos-sen, am nächsten Johannistag zur Gründung der Londoner Großloge im „Goose and Gridiron Ale-house“ zusammenzukommen.
Die Wurzeln der Freimaurerei reichen bis ins Mittelalter zurück. Mit der Christianisierung Mitteleuropas und des wachsenden Bedarfs an aus Stein gefertigten Sakralbauten wie Klöster und Kirchen entstanden Maurer-Bruderschaften, die von Baustelle zu Baustelle zogen.
Bereits in vorchristlicher Zeit schlossen sich die Baumeister in Rom zu Vereinigungen zu-sammen, in denen die Berufsgeheimnisse aufs Strengste gehütet wurden. An der Spitze stand ein „aedilis“, ein Meister, der über wissenschaftliche und künstlerische Bildung verfügte, da-zu seine Tugend und Rechtschaffenheit nachgewiesen und unter Beweis gestellt hatte. Über diese Baumeistervereinigungen berichtet der römischer Architekt, Ingenieur und Schriftsteller Vitruvius in seinen „Zehn Büchern über Architektur“. Das zwischen 33 und 22 v. Chr. ent-standene umfassende Lehrbuch der Baukunst wurde im 15. Jahrhundert wiederentdeckt und hatte großen Einfluss auf die Architektur der Renaissance.
In der Frühzeit des entstehenden Abendlandes galt das Talent eines Baumeisters im Zwei-felsfall mehr als sein Glaubensbekenntnis. Papst Gregor III., der den Stuhl Petri im Jahrzehnt zwischen 731 und 741 innehatte, erließ die Anweisung, die Baumeister gut zu verpflegen und sie nicht zur Annahme des christlichen Glaubens zu drängen. Beides barg nämlich die Gefahr, dass die raren Bauleute der Arbeit fernblieben und anderswo ihr Glück versuchten.
Bei der Arbeit unterstützten die römischen Bauleute Laienbrüder und Leute aus der Umge-bung, die zunächst Hilfskräfte blieben. Bald traten Männer mit herausragenden theologischen, wissenschaftlichem und magischen Kenntnissen hervor – der Mönch Einhart, Freund, Berater und Biograph Kaiser Karls, und bedeutende frühmittelalterlichen Gelehrte wie der Fuldaer Mönch Alkuin oder Paulus Diaconus –, die zu Baumeistern wurden.
Im Laufe der Zeit ging das Wissen der Baumeister auf die Laienbrüder und Handlanger über, die sich zu Bruderschaften zusammenschlossen und von Bauplatz zu Bauplatz zogen, um Klöster und Kirchen zu errichten. Ihr erworbenes Wissen – wie man etwa ein Gewölbe konstruiert und den Schlussstein so setzt, dass es nicht zusammenstürzt – hielten sie geheim.
Es muss ein malerisches Bild gewesen sein, wenn sich eine solche Baubruderschaft mit ih-rem Tross auf den Weg zum nächsten Auftrag machte: Wohl 30 bis 50 Personen zogen dann mit Pferd und Wagen über die unsicheren Straßen. In der Mitte Frauen, Kinder und das wert-volle Werkzeug, das aus Zirkel, Winkelmaß, Hammer und Steinäxten bestand, vielleicht noch ein Lot, außen die herben Gesellen.
So kam es also im Lauf des Mittelalters zur Bildung von Bauvereinigungen, die ihr fachli-ches Wissen aus so vielen Quellen bezogen, dass es selbst aus ihrer Sicht nicht mehr zurück-verfolgbar war. Dieses Wissen bildete eine vielschichtige Einheit, dem man durch den Ver-such, es in religiöse, mystische und mathematische Bestandteile aufzugliedern, nicht gerecht wird.

Die Gotik und die freien Maurer. Der Übergang zum gotischen Baustil stellte höhere An-forderungen an die handwerklichen Fähigkeiten. Zugleich gestand man diesen Fachleuten erhebliche Privilegien zu. Sie durften sich beispielsweise frei bewegen und waren nicht in feudale Abhängigkeiten gebunden. Deshalb nannte man sie auch freie Maurer oder Freimau-rer. Die praktische Arbeit wurde in den Dombauhütten von den Dombaumeistern organisiert und geleitet. Um den Schutz der Werkgeheimnisse und der handwerklichen Kenntnisse zu garantieren und um sicher zustellen, dass sich handwerksfremde Personen nicht als Maurer ausgeben konnten, um in den Genuss der Privilegien zu kommen oder Gesellen sich andern-orts als Meister ausgaben – es existierten keinerlei Legitimationssysteme –, führte man ge-heime Zeichen ein, an denen sich Gesellen und Meister erkennen konnten. Diese geheimen Zeichen bildeten das erste Legitimationssystem der privilegierten freien Maurer. Diese Sy-steme und die relative Autonomie dieser Berufsbünde, wozu eine eigene Gerichtsbarkeit ge-hörte, hielten sich bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein. Dadurch aber, dass diese Fachleute frei waren, konnten sie sich ungehindert durch Europa bewegen, sozusagen von Baustelle zu Bau-stelle. In diesem Zusammenhang ist es wichtig anzumerken, dass das europäische Mittelalter abendländisch war, das heißt, die Vorstellungen von einer Nation und ein nationales Bewusst-sein entstanden erst viel später.
In ganz Europa bildete sich die Organisation der Bauhütten heraus, so auch in England. Al-lerdings erlebte das dortige Bauwesen durch die geographischen Entdeckungen, die mit dem Entstehen des Empire, der Piraterie und der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals zu-sammenhingen, einen ungeheuren Aufschwung, weil ein wirtschaftlich erstarkendes Bürger-tum und ein wirtschaftlich verbürgerlichter Adel den erworbenen Reichtum in großen steiner-nen Profanbauten wie Schlössern ausdrücken wollte. Da es für diese Profanbauten keinen normativen Stil gab, mischten sich die weltlichen Bauherren stärker in die Gestaltung und Ausführung ihrer Bauten ein, und allmählich entstand auf diese Weise der Beruf des Archi-tekten. Die selbstbewussten Bürger ihrerseits fanden Gefallen an der Geselligkeit der berufs-mäßigen Maurer, wie sie in den Logen gelebt wurde, nahmen an Logensitzungen als ange-nommene („accepted“) Maurer teil und wurden in die Logen der berufsmäßigen Maurer aufgenommen. Unterstützt wurde diese Entwicklung dadurch, dass die Maurermeister selbst reich und zu angesehenen Bürgern wurden. Ihnen war daran gelegen, mit dem etablierten Bürgertum zu verkehren, und dazu eignete sich der Rahmen der Logen bestens. Die Anzahl der angenommenen Maurer stieg beträchtlich, so dass sich bald eigene Logen von angenom-menen Freimaurern bildeten.
Diese Logen der angenommenen und freien Maurer, die das geheime Brauchtum der Werkmaurer, ihre Begriffe und teilweise auch Symbole übernahmen – beispielsweise Loge, Logenarbeit, Meister, Geselle –, wurden zu Versammlungsstätten engagierter Bürger, die, dem aufgeklärten Zeitgeist geschuldet, Ideen der Tugend und Sittlichkeit in das Zentrum der neuen Vereinigungen stellten. Geheime Bräuche der Werkmaurer hatten sie übernommen, nun drängte die Entwicklung zum einen zur Vereinheitlichung, so dass in London die Große Mutterloge von England gegründet wurde, und zum anderen zur Legitimation des neuen Bun-des.
Um das Ansehen der Loge zu erhöhen, versuchten die Freimaurer, Angehörige des engli-schen Hochadels für den Posten des Großmeisters zu gewinnen und ihren Bund damit ins Zentrum der guten Gesellschaft zu rücken. Von diesen adeligen Großmeistern erwartete man keine besonderen Leistungen – die praktische Arbeit übernahmen die Großaufseher und die eigens bestellten Sekretäre der Loge. Man spekulierte kühl darauf, dass sie die Loge hof- und gesellschaftsfähig machen würden, ihr Adel sollte sozusagen die Loge adeln.
Der Plan ging auf: Im Jahr 1721 konnte John, zweiter Herzog von Montague und einer der reichsten Männer Englands, als Großmeister gewonnen werden. Auf ihn folgten weitere Mit-glieder des englischen Hochadels, wie 1722 Philipp, Herzog von Wharton, und schließlich Charles, zweiter Herzog von Richmond, der das Amt bis 1725 innehatte. Damit war die Frei-maurerei im Herzen des britischen Establishments angekommen.
Unter Großmeister John, dem zweiten Herzog von Montague, wurde 1722 Reverend James Anderson damit beauftragt, das Konstitutionsbuch der Freimaurer zu verfassen. Zu diesem Zweck sollte er die alten „gothischen Ordnungen“ durchsehen. Darunter verstand man die Manuskripte der mittelalterlichen Werkmaurer, in denen die legendäre Herkunft dieses Handwerks, sein philosophisches Selbstverständnis sowie praktische und ethische Regeln niedergelegt waren, wie beispielsweise die Verschwiegenheit in Bezug auf die Werkgeheim-nisse, die gegenseitige Unterstützung der Freimaurer oder die Ehrbarkeit, worunter auch das Verbot des Ehebruchs fiel. Die „gothischen Ordnungen“, von denen manche – wie das „Re-gius-Manuskript“ aus der Mitte des 14. Jahrhunderts – in Versform abgefasst sind, stellen eine unauflösbare Ganzheit aus legendären, ethischem, praktisch-handwerklichen und mystisch-wissenschaftlichen Elementen dar, sie sind dunkel und klar zugleich. Parallel zu diesem Vor-haben leitete die Großloge die „Arbeit“ der Freimaurer mit größerer Konsequenz. So fanden die vierteljährlichen Versammlungen, die 1717 zwar beschlossen, nicht aber durchgeführt worden waren, nun regelmäßig statt. Am 17. Januar 1722 legte Reverend James Anderson das Konstitutionsbuch vor: „The Constitutions of the Free-Masons, containing the history, charges, regulations etc. of that most ancient and right worshipful fraternity”, kurz „Alte Pflichten” genannt.
Im Jahr 1723 von der Großloge gebilligt, gilt es seitdem als Gesetzbuch der Freimaurerei. Es enthält die Geschichte der Freimaurer, ihre Pflichten, die Anordnungen, nach denen sie sich zu richten haben, und das Meisterlied. In England, Schottland und Irland wuchs die Zahl der Logen beträchtlich. Wer etwas auf sich hielt, wurde Freimaurer.
Die drei Grundmaximen der Gesellschaft bestanden im Eintreten für die christlichen Wer-te, der Loyalität gegenüber der Regierung und der Verpflichtung zur absoluten Geheimhal-tung. Ausdrücklich verboten waren zum Beispiel politische Diskussionen beim Zusammen-sein nach der „Arbeit“, wie man die Logensitzung nannte. Eröffnet wurde sie stilecht durch den Hammerschlag des Meisters vom Stuhl. Den Freimaurern ging es darum, abseits der per-sönlichen politischen Überzeugungen zu einem Bruderbund zu werden, der sich der Tugend und Wohlfahrt verschrieben hatte. So leisteten die Logen finanzielle Unterstützung für Schu-len, Krankenhäuser und Kinderheime. Sie wollten in der Welt Gerechtigkeit und Tugend verbreiten und den angestrebten Idealzustand abseits der Welt im Kleinen und im Geheimen bereits in ihrem Bruderbund leben.
In scharfem Widerspruch zu diesen ehrbaren – und öffentlich umgesetzten – Zielen stand die Pflicht zur Geheimhaltung. Ein Verrat der Geheimnisse hätte für einen Freimaurer laut einem Schwur furchtbare Folgen: Man würde dem Verräter die Zunge abschneiden und ihn unauffindbar im Fundament vergraben.
Die Freimaurerei wäre nichts weiter als eine der versnobten britischen Einrichtungen ge-blieben, die auf dem Festland teils belächelt, teils beneidet wurden, wenn sie sich nicht schon 1725 bis nach Frankreich, 1729 bis nach Spanien und 1735 bis nach Deutschland ausgebreitet und in diesen Ländern ein ganz eigenes Leben entwickelt hätte. In Frankreich grassierte in diesen Jahren die englische Mode. Eine wichtige Rolle spielten dabei die in Paris lebenden englischen und vor allem schottischen Emigranten. Diese waren der festen Überzeugung – und davon konnten sie weder Verfolgung noch die Aussicht aufs Schafott abbringen –, dass die katholischen Stuarts die legitimen Herrscher Großbritanniens waren.
Die erste Loge auf dem Festland bildete sich 1725 in Paris unter britischen Emigranten, die zweite 1729. Ihr gehörten neben Engländern und Schotten auch Franzosen an. Ihr erster Großmeister war der kühne Charles Radclyffe, Lord of Derwentwater. Im Zusammenhang mit dem missglückten Aufstand des schottischen Thronanwärters Charles Edward Stuart wurde Charles Radclyffe in England gefasst und 1745 in London enthauptet.
So hatten schon die Anfänge der französischen Freimaurerei etwas Verschwörerisches. Hinzu kam, dass der Sonnenkönig in seinem Reich keine geheimen Zusammenkünfte duldete. Zuerst wurde dem Hochadel, dann auch dem Amtsadel verboten, in eine Loge einzutreten. Schließlich bestrafte man auch die Gastwirte, in deren Etablissements Logensitzungen statt-fanden. Genutzt hat das alles indessen wenig.
Der Schriftsteller und Philosoph Montesquieu, der durch seine Theorie der Gewaltentei-lung ein geistiger Wegbereiter der Revolution und des bürgerlichen Staates werden sollte, war in London bei den Freimaurern aufgenommen worden und gehörte zu deren ersten fran-zösischen Vertretern. Spätestens mit der Gründung der Loge Les Neufs Sœurs, der Diderot und der Mathematiker Lalande angehörten, hatte sich die Aufklärung ihren Salon, mehr noch ihren Generalstab geschaffen. Zum verschwörerischen kam nun das aufklärerische Element hinzu, das ebenfalls zunächst geheim eingesetzt werden mußte. Der mächtige Klerus hatte die „Encyclopédie“ Denis Diderots als „Bibel des Teufels“ der gerichtlichen Verfolgung anemp-fohlen.
In Deutschland lagen die Dinge völlig anders. Durch die stabilen Handelsbeziehungen, die man in der Freien und Hansestadt Hamburg mit England unterhielt, schwappte die Freimaure-rei fast automatisch über den Kanal. Jedenfalls gestattete die Großloge von England, wie sie inzwischen hieß, den Hamburgern die Gründung einer Freimaurerloge. Am 6. September 1737 versammelten sich zum Zweck der Gründung der Société des acceptés maçons libres de la Ville de Hamburg (Gesellschaft der angenommenen Freimaurer der Stadt Hamburg), wie diese Loge hieß, die später in Absalom umbenannt wurde, einige ebenso namhafte wie eh-renwerte Bürger der Hansestadt. Unter ihnen war auch der niedersächsische Baron Oberg, der zum „Meister vom Stuhl“ gewählt wurde.
Kaum hatte die Loge ihre Arbeit aufgenommen, geschah etwas ganz und gar Geheimnis-volles: Im Juli 1739 bekam Oberg eine rätselhafte Mitteilung eines Generalmajors, die besag-te, der Graf von Lippe, der bereits vor Jahren in London in den Geheimbund aufgenommen worden war, bitte die Hamburger Freimaurer, eine kleine Abordnung nach Braunschweig zu schicken, um einen „illustre inconnue“ aufzunehmen . Unter teils kuriosen Umständen gaben sie im Braunschweiger Hotel „Zur Krone“ am 14. August 1739 Friedrich, dem Kronprinzen von Preußen, das Licht und nahmen damit den wichtigsten deutschen Fürsten in die Freimau-rerei auf. Als der Kronprinz 1740 zum preußischen König gekrönt wurde, bekannte er öffent-lich seine Mitgliedschaft bei den Freimaurern, was dem Bund einen immensen Zulauf an Dichtern, Musikern, Naturwissenschaftlern, Philosophen, Beamten, Professoren, Lehrern, Theologen, Pastoren und auch von Fürsten, regierenden wie nicht regierenden, einbrachte. Friedrich galt in deutschen Landen als die personifizierte Hoffnung der Aufklärer.
Auch in Wien versammelten sich die tonangebenden Aufklärer in der Loge Zu den drei Kanonen. Obwohl Maria Theresia diese Männerbündelei überhaupt nicht schätzte, konnte sie doch schwerlich so konsequent dagegen vorgehen, wie sie es wohl gern getan hätte: Ausge-rechnet ihr eigener Mann, Kaiser Franz I., war 1731 als erster kontinentaler Fürst in Den Haag den Freimaurern beigetreten.
Es würde eine eigene Arbeit erfordern und bei weitem mehr Platz, wollte man die Ent-wicklung der Freimaurerei in Österreich, in den deutschen Landen, in Schweden, in Russland, in Portugal und in Frankreich verfolgen, die vielen Spielarten und Systeme, die von der drei-gradigen Johannesfreimaurerei bis zum Kapitel von Clermont , in dem Freimaurerei und Templerlegende sich vermischten, zum deutschen System der Strikten Observanz , dem Kle-rikat und dem Schwedischen Ritus , um nur die wichtigsten zu nennen, in ihrer Entwick-lung und Bedeutung darzustellen. Etwas vereinfacht gesagt, warben alle diese Systeme damit, dass man Grad für Grad erringen konnte und bei jedem neuen Grad tiefer in das geheime Wissen des Ordens eindrang, bis endlich der Punkt erreicht war, an dem man in das Geheime Wissen, das Gott selbst dem Baumeister des Salomonischen Tempels, Hiram Abif, oder No-ah, je nach System, offenbart hatte, eingeweiht wurde. Die ungeheure Faszination, die der mystische Weg des Geheimnisses und die ungeheure Sakralität der Riten und Statuten, der Zeremonien und Gewandungen mitten im Jahrhundert der Rationalität in den Stammlanden des Protestantismus ausübten, kam nicht zuletzt aus einer protestantischen Sehnsucht nach einer fesselnden Theatralik im Gottesdienst. Erst aus diesem verdrängten Wunsch heraus, der sich in den Hochgraden manifestierte, wird die große Begeisterung für die Geheimbünde mit komplexen inneren Strukturen weiter Kreise des protestantischen Bürgertums verständlich. Zeitgenossen, die dieser Begeisterung kritisch gegenüberstanden, war dieser Zusammenhang wohl bewußt, wenn sie hier zwar fälschlicherweise die Verschwörung des Kryptokatholizis-mus´ vermuteten.
Die Konkurrenz unter den verschiedenen Systemen der Freimaurerei nahm zu, und es schlug die Stunde der Scharlatane. Besondere Berühmtheit erlangte Giuseppe Balsamo, der unter dem Namen Cagliostro auftrat. In Deutschland posierten Abenteurer und Betrüger wie Samuel Rosa alias Dietrich Schumacher, Georg Friedrich von Johnssen, auch als Johnson-Fünen bekannt, oder der ehemalige preußische Husar und spätere Gastwirt Johann Georg Schrepfer. Diese Betrüger verstanden es hervorragend, den Geltungsdrang und die Sucht nach geheimen Verbindungen und Geheimwissen in klingende Münze umzusetzen. Der Freiherr Adolph Knigge notierte in seinen Erinnerungen später über diese Zeit: „Von Jugend auf durch einen unruhigen, spät in mäßige, nützliche Grenzen zu ordnenden Thätigkeits-Trieb ange-spornt, wurde auch ich früh von der Krankheit unseres Zeitalters, von der Begierde nach ge-heimen Verbindungen und Orden hingerissen. Schon als Kind hörte ich in meines Vaters Hause täglich mit Enthusiasmus von Freymaurerey und geheimen Wissenschaften reden.“
Die Freimaurerei geriet mehr und mehr in eine Krise, zum einen, weil die Konkurrenz der Systeme und die Entlarvung der Betrüger erhebliche Fragen beim Publikum aufwarfen. Zum anderen aber, weil die jungen und konsequenteren Geister der Freimaurerei nicht mehr allzu viel zutrauten, nachdem sie immer mehr zur Plattform örtlicher Honoratioren wurde, die in den Logen Phantasienamen annahmen und sich als Ritter verkleideten. Wie konnte auch eine Vereinigung von Apothekern und von Kaufleuten, von Bürgermeistern und von Schulmei-stern, die sich in den Hinterzimmern der Logen Rittergewänder überstreiften und sich klin-gende Ritternamen verliehen, eine Attraktivität für junge Männer besitzen, die sich in der Li-teratur des Sturm und Drang repräsentiert sahen? Die Sehnsucht nach einem wirklichen, einem konsequenten und gefährlichen Geheimbund wuchs.

Die Illuminaten. Die einen orientierten sich stärker in eine mystisch-esoterische Richtung und versammelten sich im Orden der Gold- und Rosenkreuzer, der in Deutschland im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts langsam wieder aus alchemistischen Kreisen auferstand. Da-bei standen allerdings die politischen und gesellschaftlich-religiösen Ziele, wie sie Besold, Andreae und Hess vertreten hatten, nicht mehr im Mittelpunkt, sondern der Bund beschäftigte sich stärker mit alchemistischen, magischen und religiösen Fragen. Gleichzeitig bildete sich in Bayern der Geheimbund der radikalen Aufklärung, im Grunde die Vorform der modernen Kaderpartei, der als Methode der Machtübernahme die Strategie des langen Marschs durch die Institutionen erfand – nämlich die Illuminaten.
Im mitteldeutschen Raum hatte der Radikalaufklärer Karl Friedrich Bahrdt noch die Deut-sche Union als philanthropinisch verfassten Geheimbund gegründet, der letztlich über ein Diskussionsforum von philanthropisch gesinnten Akademikern nicht herauskam. Zur Deut-schen Union und zu Bahrdt, dem Verfasser des Lustspiels „Das Religionsedikt“ , in dem der wichtigste deutsche Rosenkreuzer, Johann Christoph Wöllner, in vergnügt grober Weise lä-cherlich gemacht wurde und das eher in das Fach der derberen Satiren gehört, hat Günter Mühlpfordt in zahlreichen Studien tiefschürfende und verdienstvolle Forschungsarbeit ge-leistet, auf die hier nachdrücklich hingewiesen werden soll, zumal die Bedeutung des Radi-kalaufklärers immer noch unterschätzt wird. So weit wir sehen, mangelt es immer noch an einer vertiefenden Studie zu Bahrdts staatspolitischen Roman „Geschichte des Prinzen Yha-kanpol“ , in dem der Philanthrop utopischen Entwurf und europäische Bestandsaufnahme gekonnt miteinander verband. Darüber hinaus würde eine vergleichende Studie, die Bahrdt und den Gründer des Illuminatenordens, Adam Weishaupt, betrachtet, wertvolle Aufschlüsse darüber zu Tage fördern, ob Weishaupts Ansatz nicht bereits die Grenzen der radikalen Auf-klärung, wie sie im philanthropischen Geheimbund der Deutschen Union ausgeschritten wor-den waren, passiert hatte.
Mit anderen Worten, eine solche Studie erbrächte nicht nur neue Aufschlüsse über das We-sen der Weishauptschen Schöpfung. Denn noch immer mangelt es an einem Verständnis der Geheimbündelei, die das 18. Jahrhundert fest im Griff hatte und paradoxerweise zur eigentli-chen Öffentlichkeit dieses Jahrhunderts wurde. Die Germanistik hat sich dieses Phänomens sehr spät angenommen. Selbst in so gewichtigen Publikationen wie Nicholas Boyle’s Goethe-Biographie wird dieses konstitutive Phänomen nur als Randerscheinung behandelt. Heraus kommt ein Goethe als viktorianischer Gentleman.
In den Bünden der Aufklärungszeit jedoch entfalteten sich die Diskussion und die Rezepti-on der aktuellen naturwissenschaftlichen, philosophischen und politischen Ideen im Rahmen einer festen und kontrollierten Öffentlichkeit, die im großen Maß Gesellschafts- und Wissen-schaftspolitik beeinflusste. So verdankte der Wieland-Schwiegersohn und Kantianer Carl Le-onhard Reinhold seine Berufung an die Universität Jena zum Professor für Philosophie der Protektion seiner illuminatischen Brüder.
Sowohl die Illuminaten als auch die Gold- und Rosenkreuzer nutzten die Freimaurer als Vorfeldorganisation und hassten sich gegenseitig erbittert. Das von einer rationalistisch ge-prägten Forschung bemühte Klischee von den Freimaurern als hellen Aufklärern und den Il-luminaten als obskuranten Reaktionären entbehrt jedoch jeder Grundlage. Weiterhin muß eine faire Einschätzung von Wöllner und Johann Rudolf von Bischofswerder seitens der Aufklä-rungsforschung als Desiderat betrachtet werden. Auch wurde der Einfluss, den beide Politiker auf Preußens König Friedrich Wilhelm II. ausübten, weit übertrieben. Preußen wurde nicht zum Land der Rosenkreuzer, und von denen, die bis heute Wöllners Religionsedikt verdam-men, haben es doch die wenigstens gelesen.
Im Übrigen stellt es einer der schönen Volten der Geschichte dar, dass Aldolph Knigge eben jenen Friedrich Wilhelm im Rahmen der putschistischen Strategie für die Illuminaten werben wollte, worüber es allerdings zum Zerwürfnis mit Adam Weishaupt kam. Den Zu-sammenhang zwischen Freimaurern und Rosenkreuzern hat Gerhard Steiner in einer kenntnis-reichen Studie am Beispiel des Lebensweges des späteren Jakobiners Georg Forster darge-stellt.
Wenn man das konkrete Leben anschaut, lösen sich die ideologischen Wertungen der Bün-de auf: Mehr gute Aufklärer und Zeitgenossen, als man es heute vermuten würde, glaubten an Geisterseherei, Geisterbeschwörungen und Chrysopoeia. Das Zeitalter der Aufklärung er-schöpfte sich keineswegs im Rationalismus, sondern hegte eine feurige Liebe für den Irratio-nalismus.
Der Wilhelmsbader Konvent, den die Protektoren der Freimaurerei, Carl von Hessen und Ferdinand von Braunschweig, einberufen hatten, geriet eigentlich zum Triumph der Illumina-ten. Carl von Hessen trat sogar in aller gebotenen Heimlichkeit dem Illuminatenorden bei. Die Illuminaten erstarkten in der Folgezeit, weil die Krise der Freimaurerei sich verschärfte.
Doch am Ende scheiterten die Illuminaten an ihren Erfolgen. Zwar unterwanderten sie er-folgreich die Freimaurerlogen, doch wozu? Das Programm konnte nicht vollendet werden, innere Zwistigkeiten banden wertvolle Kräfte, und schließlich läuteten Verbot und Haus-durchsuchungen in Bayern das Ende des Bundes ein. Weishaupt floh zunächst nach Regens-burg und ging später nach Gotha. Die radikalen Schriften der Illuminaten, die den Häschern in die Hände gefallen und wortgetreu von der bayerischen Regierung veröffentlicht worden wa-ren, schockierten jedoch die Öffentlichkeit. Im Schatten der Guillotine lasen sich viele Passa-gen aus den veröffentlichten Dokumenten der Illuminaten, die vorher noch recht harmlos klangen, plötzlich schaurig. Wenn „der Orden einmal an einem Ort die gehörige Stärke er-langt“, hieß es da, „sind die obersten Stellen durch ihn besetzt, kann er in einem Orte, wenn er will, denen, die nicht folgen fürchterlich werden, sie empfinden lassen, wie gefährlich es ist, den Orden zu beleidigen und zu entheiligen.“ Weishaupt hatte beim Schreiben dieses mar-tialischen Satzes nicht an die Guillotine gedacht. Da sie nun aber ihre mörderisches Werk verrichtete, wurde Weishaupts allgemeine Drohung sehr real mit der „roten Witwe“ in Ver-bindung gebracht.

Verschwörungstheorien. Völlig normale Vorgänge und Ereignisse nahmen für die eifrigen Verschwörungstheoretiker nun ein monströses Aussehen an, so auch die engen Beziehungen zwischen den deutschen und französischen Intellektuellen: Voltaire verbrachte eine Zeit bei Friedrich dem Großen, der Graf Mirabeau, einer der Revolutionäre der ersten Stunde, besuch-te kurz vor Ausbruch der Revolution Berlin und diskutierte in den Salons der Aufklärer und Freimaurer in der preußischen Hauptstadt. Georg Forster, der auch Mitglied der Londoner Freimaurerloge war, wurde in die Pariser Loge Les Neufs Sœurs aufgenommen und empfahl den einflussreichen Wiener Gelehrten Ignaz Edler von Born, der Wiens wichtigster Freimau-rerloge vorstand und Mozarts Vorbild für die Figur des Sarastro in der Freimaurer-Oper „Die auberflöte“ war . J. J. Ch. Bode reiste ebenfalls kurz vor Ausbruch der Revolution nach Paris und unterhielt enge Kontakte zu den Freimaurern – mehr noch, es ging bei den Gesprächen auch um die enge Zusammenarbeit der Illuminaten mit den französischen Freimaurern , so-gar um das Projekt einer Vereinigung. Diese Reise galt später als Hauptindiz für die illumina-tische-freimaurerische Verschwörung in Paris. Verwundert es da wirklich, wenn einige Zeit-genossen die Internationale der Freimaurer am Werke sahen? Dieses allgemeine Gefühl wurde durch die Verschwörungstheorie politisiert und in eine antiaufklärerische Richtung gelenkt. Es gehört zum Wesen der Verschwörungstheorien, dass sie bewusst Stimmungen aufnehmen, um sie zu konkretisieren und zu konzentrieren und in eine beabsichtigte Richtung zu leiten.
Aus diesen Zutaten brauten nicht nur Leute wie der Wiener Professor Leopold Alois Hoffman und der französische Abbé de Barruel ihre Verschwörungsszenarien zusammen. Mit einem Buch des Schotten John Robison kam die Theorie von der freimaurerisch-illuminatorischen Weltverschwörung 1798 nach New York und entfaltete ihre Wirkungsge-schichte in der neuen Welt. Dass der Schotte selbst die harmlosen Lesezirkel zu geheimen und abenteuerlichen Verschwörerhöhlen machte, mag heute kurios erscheinen, belegt aber, welch destruktive Wirkung man damals der Literatur zutraute.
Den Stoff lieferte den Verschwörungstheoretikern die einfache Tatsache, dass die Intellek-tuellen dieser Zeit zum größten Teil Freimaurer waren. Nicht die Freimaurer oder Illuminaten entwarfen eine Verschwörung und führten sie durch, sondern unter denen, die sich aktiv an den revolutionären Ereignissen von Paris beteiligten, befanden sich naturgemäß viele Frei-maurer. Und zwar deshalb, weil es die Mode der Zeit war, diesem Geheimbund anzugehören, nicht aber, weil die Revolution ein Produkt der Verschwörung gewesen wäre. Der in sich zu-sammengebrochene Putsch der Illuminaten zeigte sehr deutlich, dass Revolutionen sich eben nicht herbeiverschwören lassen.
Die Französische Revolution stellte nach dem Dreißigjährigen Krieg die zweite große Er-schütterung der modernen Geschichte dar. Diese Umwälzungen schockierten besonders in ihrem sich rasant radikalisierenden Verlauf die Öffentlichkeit so sehr, dass man nach einer Erklärung dafür suchte. Und die einem breitem Publikum einleuchtende Erklärung bestand in der These einer gigantischen Verschwörung. Mit ihrem Faible für die Geheimnistuerei leiste-ten Freimaurer und Illuminaten dieser These sogar Vorschub. Dass die Geheimnistuerei und die gegenseitige Protektion der Freimaurer untereinander ein Unwohlsein erzeugten, das einen idealen Nährboden für diese Theorie bot, spielte dem ewig menschlichen Empfinden zu, dass es immer die Geheimnisse der anderen sind, die uns erschrecken.

ABSCHLIEßENDE BEMERKUNGEN

Nach der Französischen Revolution war nichts mehr wie zuvor. Die Illuminaten hatten sich nach Bodes Tod im Jahr 1795 mehr oder weniger aufgelöst. Die Freimaurer wurden durch den Hamburger Schauspieler und Theaterdirektor Friedrich Ludwig Schröder reformiert, das heißt im Grunde wieder zur englischen „blauen“ Freimaurerei oder Drei-Grade-Freimaurerei zu-rückgeführt, während der Bund der Gold- und Rosenkreuzer mit dem Tod des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. seine Kraft verlor. Das politische Ziel geriet in den Bünden zu-nehmend in den Hintergrund. Genauer, die politischen Parteien bildeten sich im 19. Jahrhun-dert allmählich aus den Resten der Geheimbünde oder spalteten sich aus den in anderer Rich-tung sich betätigenden Bünden ab.

Diese kurze Skizze konnte nur die wichtigsten Bünde der Neuzeit in ihrer Entwicklung und in ihrem Wesen in der Geschichte fassen. Nicht erwähnt wurden die außereuropäischen Bünde und die häretischen Vereinigungen. Auch konnte hier nicht auf die am Hof Katharinas der Großen entstehende Freimaurerei und Rosenkreuzerei eingegangen werden , die als europäi-sche Institutionen den russischen Sekten wie den Skopzen entgegenstanden, und die schließ-lich durch die Fermentation des Vaterländischen Krieges im Dekabristenaufstand mündeten.
Eine große Geschichte der geheimen Vereinigungen würde eine Weltgeschichte der Öf-fentlichkeit in der Neuzeit bedeuten, denn ein erheblicher Teil gesellschaftlichen Diskurses fand in den geheimen Vereinigungen statt. Eine wirkliche Geschichte dieser Art ist mehr als überfällig. Sie kann allerdings nur gelingen, wenn sie mit hieb- und stichfesten Definitionen arbeitet, Vorurteile über Bord wirft und das große Gebiet der esoterischen Bünde nicht länger meidet. Letztlich lässt sich das Wirken der Geheimbünde in der Geschichte nur verstehen, indem man Leopold von Rankes Diktum von der Gottunmittelbarkeit eben auch auf die be-treffenden Bünde anwendet.

Folge meinen Beiträgen via: