Fuldaer Zeitung vom 18.04.2016: Martin Luther - moderner als die EKD erlaubt. Ein Gastkommentar

Fuldaer Zeitung vom 18.04.2016: Martin Luther – moderner als die EKD erlaubt. Ein Gastkommentar

 

Martin Luther – moderner als die EKD erlaubt

KLAUS – RÜDIGER MAI unterstreicht die Aktualität von Martin Luthers Denken in Zeiten der Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten.

Angesichts des nahenden Reformationsjubiläums stellt sich für unsere Gesellschaft die Frage nach Luthers Aktualität viel dringlicher, als es in der EKD, die sich lieber mit den „dunklen Seiten des Reformators beschäftigt, wahrgenommen wird. Zu bedenken ist, dass vor 500 Jahren Religion noch nicht als Privatsache galt, sondern die Grundlage der Gesellschaft bildete. Deshalb geht man fehl, wenn man Martin Luther nur als Theologen begreift. Nach heutigen Maßstäben wäre er Philosoph, Reformer und Politiker, und er hat über alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft geschrieben, Verhaltensnormen definiert und mit geholfen, neue Strukturen zu schaffen.

Von provozierender Aktualität sind seine drei Prinzipien: Freiheit, Verantwortung, Gewissen. Sie resultieren aus der welthistorischen Entdeckung des Sub-
jekts, gefunden als Martin Luther in höchster Not dem ICH im Glauben begegnete. Auf dem Prinzip des Individuums beruhen die Menschen- und
Bürgerrechte und unsere moderne Gesellschaft. Allerdings hat es den Anschein, dass der zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Martin Luther entdeckte Mensch zu Beginn des 21. Jahrhunderts als „Datenabgase“ verpufft. Spuren, die Menschen im Internet hinterlassen, werden so genannt. Datenabgase ermöglichen die Erstellung von Denk-, Bewegungs-, Angst- und Hoffnungsprofilen – der Mensch wird ausrechenbar. Orwells 1984 ist gegen unser 2016 eine fast wünschenswerte Utopie.

Die Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff warnt vor dem Überwachungskapitalismus, der auch von Firmen wie Amazon, Facebook und Google ins Werk gesetzt wird. Der Mensch interessiert nur noch als Datenschürfplatz. Mit Luther ist hingegen nach dem Individuum zu fragen, das in der Digitalisierung droht, verloren zu gehen – und mit ihm die Freiheit. Martin Luther besteht darauf, dass es auf den Menschen ankommt, der Gottes Ebenbild ist und deshalb frei, dass alles, Politik, Wirtschaft und Kultur, wozu die Bildung zählt, vom Menschen auszugehen hat.

Martin Luthers Erfolg beruht auf der Erkenntnis, dass die politische Form Europas für den freien Menschen die regionale ist. Europas Größe und Kultur resultieren aus dem Reichtum und der Vielfalt der Regionen. Nicht Angela Merkel, nicht Matteo Renzi, nicht François Hollande und auch nicht Jean-Claude Juncker sind Europa, sondern Dante Alighieri, Martin Luther, René Descartes, Miguel Cervantes und Isaac Newton, nicht im politischen Brüssel findet man Europa, sondern in den Regionen. Luther würde davor warnen, wie Hans im Glück unsere Identität gegen Gesichtslosigkeit einzutauschen. Die besten Erfahrungen haben die Menschen Europas mit ihrer facettenreichen Regionalität gemacht. Das neue Europa benötigt starke und weitgehend autonome Regionen, es bedarf der demokratischen Teilhabe der Bürger und nicht der Entmachtung des Souveräns durch Institutionen. Dafür stand der Mönch in Worms wider den Zentralismus, der damals ein römischer war.

Gern wird das Argument bemüht, dass die Globalisierung uns nötige, einen europäischen Zentralstaat zu errichten, sie lasse uns keine andere Wahl, als ein Frei- handelsabkommen abzuschließen. Die Globalisierung führe dazu, dass sich prekäre Arbeitsverhältnisse bilden, Banken gerettet und dem Mittelstand das Rück- grat gebrochen wird, die Globalisierung hat zur Folge, dass Sozialität, Freiheit, summa summarum unsere Werte über Bord geworfen werden, um leichter gewor- den wettbewerbsfähig zu bleiben. Aber, würde Martin Luther fragen, welchen Götzen beten wir da an? Wo bleibt der Mensch und seine Freiheit? Wir benötigen eine neue Reformation. Und einen neuen Martin Luther. Einen? Nein viele, die sein Erbe annehmen und nutzen