Frühneuzeitliche Geheimbünde als Kryptoradikalität?

Frühneuzeitliche Geheimbünde als Kryptoradikalität?

Geschrieben für: Kryptoradikalität in der Frühneuzeit, Günter Mühlpfordt und Ulmen Weiß (Hg.), Stuttgart 2009

I. Notwendige Vorbemerkung

Auf dem ersten und zweiten Blick mutet ein Geheimbund notwendigerweise kryptoradikal an, weil er per se kryptisch ist, so sehr, daß es an Tautologie zu grenzen scheint, von Geheimbundtätigkeit als kryptoradikales Verhalten zu sprechen. Jedoch bedeutet kryptisches Verhalten nicht zugleich radikales Verhalten. Will man die Tauglichkeit des Begriffes der Kryptoradikalität für die frühe Neuzeit am Phänomen der Geheimbünde untersuchen, dann bedarf es angesichts des allzu schillernden Phänomens Geheimbund genauer Begriffsbestimmungen, denn wohl nirgendwo sonst vermengen sich Begrifflichkeit und Metaphorik undurchschaubarer als bei der Problematik der diskreten Vereinigungen. Erschwerend kommt hinzu, daß dem Ausgangsbegriff der Kryptoradikalität selbst eine gewisse Unschärfe eigen ist. Denn verstehen wir unter Radikalität nur extremes Verhalten oder eine Welthaltung, die unbedingt zum Grund der Dinge, zur Wurzel (lat. radix) zurück will? Um die an sich schon recht schwierige Problemlage nicht noch komplizierter zu gestalten, soll unter radikalem Verhalten rücksichtsloses, bis an die Grenzen gehendes, kompromissloses Denken und Handeln begriffen werden. Die Begriffsherkunft wollen wir aus pragmatischen Gründern ignorieren, obwohl die Spannung zwischen Herkunft und Gebrauch des Wortes in nuce die Veränderung unseres Denkens aufbewahrt, das im Verlust der Wurzel bestehen könnte.
Eine kryptoradikale Haltung verbirgt also die eigene Rigorosität hinter einer Maske der Unauffälligkeit, der Allgemeinheit, wenn wir so wollen der Norm. Kryptoradikales Verhalten bedeutet also eine normative Existenz zum Schutz der kryptoradikalen Insistenz. Wir werden später noch sehen, wie geradezu von selbst das Geheimnis, das Geheime mit dem Heim, dem Ort der Un-Öffentlichkeit zusammenhängt. Doch versuchen wir uns zunächst, dem Phänomen Geheimbund zu nähern, den wir nur aus der Kombination von Synchronität und Diachronität zu verstehen vermögen.

II. Notwendige Definition

Auf den ersten Blick scheinen die Geheimbünde der frühen Neuzeit, ein ausschließlich theologisches oder philosophisches vom Thema her und von der Überlieferung her ein völlig literarisches Phänomen zu sein. Und tatsächlich konzentriert sich die Forschung auf das Finden und die Auswertung literarischer Quellen. Aus dem oberflächlichen Befund ergeben sich aber zwei Fragen:

1. Existierten die Geheimbünde der frühen Neuzeit nur in der Literatur als literarische Fiktion, als sozialtherapeutische Utopie oder gab es sie wirklich?
2. Sind das reale oder fiktionale Wirken der geheimen Vereinigungen, als kryptoradikales Verhalten in der Frühen Neuzeit zu bewerten?

Aus der Beantwortung beider Fragen ergibt sich zwingend die Anwendbarkeit des Begriffes der Kryptoradikalität zur Beschreibung menschlicher Aktivitäten in der Form der Geheimbundtätigkeit.

Um eine Schneise in die Überwucherungen der Legenden und Mythen zu schlagen, bedarf es vorab einiger Begriffsbestimmungen, um der Gefahr zu entgehen, über alles und nichts zu reden. Genau genommen ist Geheimbund kein Begriff, sondern eine Metapher. Unter Geheimbund wird von Scientology über die Bilderberger bis hin zu den Rotariern und dem Lions Club inzwischen alles rubriziert, was eine wie auch immer geartete Exklusivität beziehungsweise Totalität besitzt.
Meinem Buch über die „Geheimbünde“ habe ich deshalb eine Definition des Geheimbundes zu Grunde gelegt:
– Geheimbünde sind Vereinigungen von Menschen innerhalb einer Gesellschaft, die diachron eine erstaunliche Konstanz über die Veränderung der Gesellschaftsformen hinweg aufweisen können. Als Beispiele seien hier nur die Freimaurer, die Rosenkreuzer oder die über 2000 Jahre alten chinesischen Geheimbünde genannt.
– Dabei ist es nicht erforderlich, daß die Existenz des Bundes oder die Mitgliedschaft geheim bleiben. Das grundlegende Kriterium besteht darin: Im Zentrum des Bundes gibt es ein Geheimnis, das den Bund im Innersten zusammenhält und das keinesfalls an Außenstehende verraten werden darf. Dieses Geheimnis im Inneren der Vereinigung bedeutet Anfang und Ende derselben. In der Regel gehören auch die Initiationsriten als niedere Formen des Arkanums zum Bundesgeheimnis. Die Initiationsriten führen durch Einweihung den Neophyten zum großen Arkanum hin. Das Geheimnis ist nicht für den Bund da, sondern der Bund existiert für den Schutz des Geheimnisses. Man wird Mitglied des Bundes, um durch die Teilhabe am Geheimnis erhöht zu werden.
– Die Entscheidung, einer geheimen Vereinigung beizutreten, wird für das ganze Leben getroffen. Der Austritt eines Mitgliedes ist nicht gewünscht und ruft Restriktionen hervor. Da es zu den wesentlichen Funktionen des Bundes gehört, das Geheimnis zu kontrollieren, würde bei einem Austritt die wirksame Kontrolle über das geheime Wissen des Abtrünnigen enden. Die Freimaurer haben im 18. Jahrhundert durch die Flut der Veröffentlichungen von Abtrünnigen, den sogenannten Verräterschriften , leidvolle Erfahrung damit gemacht.
– Das Geheimnis wird dem Neophyten nach der Initiation nicht vollständig mitgeteilt. In der Regel beginnt mit der Initiation die Reise ins Innere des Bundes, zum Ort des Mysteriums oder Arkanums. Das geheime Wissen wird oft hierarchisiert und auf Grade verteilt. Der Neophyt stellt sich dem Bund zur Verfügung im vollkommenen Sinn, den das Wort in der Anwendung auf unser Leben hat: Er muß sich bewähren und als Belohnung und Anerkennung wird er in immer höhere Grade, in immer tiefere Geheimnisse eingeweiht. Das Erreichen eines weiteren Grades kann Jahre dauern und stellt besondere Anforderungen an das Geheimbundmitglied.
– Nicht der Eintrittswillige bestimmt über seinen Eintritt, sondern der Bund muß den Neophyten für würdig befinden, am Geheimnis teilhaben zu dürfen.
– Der Geheimbund verlangt eine totale Loyalität und nimmt einen wichtigen, wenn nicht in gewissen Fällen beherrschenden Teil im Leben des Mitgliedes ein.
Der Geheimbund heißt nicht in erster Linie Geheimbund, weil seine Existenz geheim wäre, sondern weil im Bund das große Arkanum, das große Geheimnis oder Geheimwissen bewahrt wird oder ein großes Ziel im Verborgenen verfolgt wird, ein Ziel, das für die Mitglieder wichtiger als ihr Leben ist. Man gehört einer Elite, einem Kreis von Auserwählten an, die sich über die gemeine Menschheit erheben.
Nicht der Bund ist interessant, sondern das konkrete Wirken von Menschen im Bund, nur von dort aus kann er betrachtet werden, nur von diesem Punkt aus lassen sich Urteile, Wertungen und Aussagen treffen. Deshalb muß ein strukturanalytischer Ansatz für die Betrachtung des Geheimbund-Phänomens von vorneherein methodisch ausgeschlossen und dafür die biographische Recherche mit der ideengeschichtlichen Analyse kombiniert werden. Die Strukturen ergeben sich aus der bewußten Strukturierung des Geheimnisses durch die Gründerpersönlichkeiten.

III. Geheime Bünde

In der frühen Neuzeit haben wir es vor allem mit alchemistischen, pansophischen Vereinigungen, mit Handwerkerorganisationen wie bspw. die Werkmaurer und vor allem den Rosenkreuzern zu tun. Unter all diesen Vereinigungen nehmen die Rosenkreuzer wegen ihrer langen und bis heute wirkenden Geschichte eine Sonderstellung ein.
Am Beginn der Geschichte des großen abendländischen Geheimbundes der Neuzeit steht das Rosenkreuzer-Paradoxon. So gut inzwischen die literarische Seite des Phänomens dank der bahnbrechenden Arbeiten von Carlos Gilly und Roland Edighoffer erforscht ist, so wenig weiß man hingegen über die Anfänge der Organisationsgeschichte des Bundes. Das hängt vor allem damit zusammen, daß es noch keine Aufarbeitung der Esoterik der frühen Neuzeit gibt. Denn zwei Aspekte sind evident: erstens finden wir noch keine politischen Geheimbünde, sondern die Bünde und Vereinigungen sind ausschließlich esoterisch. Das hängt mit ihrem Herkommen aus der mittelalterlichen Welt zusammen, in der es etwas überspitzt formuliert zwar Herrschaft aber keine Politik gab. Mystische, alchimistische, später pansophische Bestrebungen manifestierten sich in den sehr sporadischen und zeitlich instabilen Vereinigungen. Deshalb läßt sich eher ahnen, wie alchemistische Gruppen sich zu Rosenkreuzern wandelten.
Unter Esoterik darf in diesem Fall nicht das heutige Sammelsurium seltsamer Vorstellungen für müde Großstädter, eine Art Seelenwellness verstanden werden, sondern Esoterik meint die zumeist verborgene Innenseite der großen geschichtsbildenden Religionen und Ideologien, die im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit sich zu einem Weltganzheitsdenken aufschwangen, in deren Zusammenhang medizinische oder alchemistische Vorstellungen beispielsweise Funktionen innerhalb des (geheimen) gesellschaftlichen Diskurses darstellten, die heute eindeutig dem Bereich der Politik zugeordnet werden würden. Alchemie war auch Gesellschaftstheorie und die Astrologie so etwas wie eine „Theorie des kommunikativen Handelns“ der frühen Neuzeit. Es hieße, Eulen nach Athen zu tragen, die aber immer wieder nach Athen getragen werden müssen, darauf hinzuweisen, daß wir es im 16. und beginnenden 17.Jahrhundert mit einer vollkommen andersartigen und uns fremden Gesellschaft zu tun haben.

Im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts hatte sich in Tübingen ein Freundeskreis außerordentlicher Männer gebildet. Mittelpunkt war der Pansoph, Arzt und Alchemist Tobias Hess. Der in Nürnberg geborene Wissenschaftler beschäftigte sich zunächst mit der Theologie, dann mit der Rechtskunde, schließlich mit der Medizin und Alchemie. Um sich herum versammelte er die hellsten protestantischen Köpfe der Universität. Dazu gehörten der Theologe und Philosoph Christoph Besold und der Student der Theologie Johann Valentin Andreae, der uns auf Tobias Hess hinwies, wenn er im Rückblick festhielt:
„Wir glaubten an den paradoxen Geist von Tobias Hess und an ich weiß nicht was für ein goldenes Zeitalter und an was für eine neugierige Berechnung des Jüngste Gerichts.“
Diese Bemerkung des alten Andreae ist in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich. Als der junge Andreae Hess kennen lernte, wahrscheinlich sogar im Elternhaus, war Hess bereits ein gestandener Mann Ende vierzig. Mit Andreaes Vater führte er gemeinsam alchemistische Experimente durch. Denn den größten Teil seines Lebens hatte er nach den Mitteln gesucht, mit denen diese elende und verstockte Welt zu verbessern wäre. Man muß sich Tobias Hess ein wenig wie Goethes Doktor Faust in der Studierzimmerszene vorstellen.
Hess gründete kleine Freunde- und Musenbünde, um dem Niedergang des Protestantismus entgegenzuwirken. Unter den lutherischen Theologen und Philosophen, aber auch unter einer großen Zahl von Gläubigen aus den gebildeten Ständen wuchs und wucherte die Sehnsucht nach einer neuen Reformation. Der versandete Impuls mußte erneuert werden. Zunehmend konzentrierte sich das Denken im Freundeskreis auf diese Aufgabe.
Hinzu kam das deutliche Gefühl einer Zeitenwende. Neben den magischen und mystischen Lehren wirkte die Idee der Dreireichelehre des Abtes von Fiore sehr stark auch auf den Tübinger Kreis. Man wähnte sich unmittelbar am Beginn des Dritten Reiches, des Reiches des Heiligen Geistes, das nach dem Reich des Vaters und das des Sohnes nun endlich anbrechen mußte, deuteten doch alle Berechnungen darauf hin. Dieses neue Zeitalter wurde astronomisch angekündigt. Zeitgleich berichtete Johannes Kepler von der Supernova von 1604, die im Feurigen Dreieck erschien.

IV. Vom Geheimnis

Es können hier nur kurz und eher kursorisch die wichtigsten geistigen Strömungen benannt werden, die zu den Rosenkreuzer-Manifesten, die in diesem Freundeskreis etwa zwischen 1606 und 1610 entstanden, führten und die teilweise zum „klassischen“ Geheimwissen zählen:

1. Der mystische Weg zu Gott als Rettung des Menschen vor Hölle und Vergänglichkeit und Ankunft im Ewigen Leben, der – von Meister Eckhart beschrieben, über viele Vermittlungen von Martin Luther aufgenommen und schließlich über Kaspar von Schwenckfeldts „Confession und Erclerung vom Erkandtnus Christi und seiner göttlichen Herrlichkeit“ , über Valentin Weigels „Dialogus de Christianismo“ zu den Rosenkreuzern führte.

2. Die eschatologischen Vorstellungen, die im überlieferten Werk des Origenes bis Joachim di Fiore reichen und in der Dreireichelehre gipfeln, gaben das Gesellschaftsmodell vor. Für den Freundeskreis stellte sich das Weltenende als Restitutio ad integrum dar. Als Voraussetzung dafür sahen sie den Fortgang der Reformation oder besser eine neue Reformation, die sie zu entwerfen gedachten.

3. Die hermetischen Schriften, denen für die Diskussion der Renaissance und des beginnenden Barock eine kaum zu überschätzende Bedeutung zukam, besonders die Asclepios-Manuskripte, der Corpus hermeticum und die Tabula Smaragdina. Während Letzteres das grundlegende Werk der Alchemie darstellt und im Mittelalter aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt wurde, sorgte die Corpus-Übersetzung des Marsilius Ficinus aus den Achtzigerjahren des 15. Jahrhunderts als starker Impulsgeber der magischen und pansophischen Diskussion der beiden folgenden Säkula.
Der zentrale Lehrsatz der hermetischen Schriften lautete: So wie oben, so auch unten. Der Makrokosmos entspricht dem Mikrokosmos und wurde mithin der Grundsatz der Pansophie, die über Paracelsus zu Tobias Hess kam, und besonders in der Medizin, der sogenannten paracelsischen Medizin wirkte. Das Interesse an der Medizin resultierte aus der ganzheitlichen Vorstellung von Heil und Heilung. Wir müssen davon ausgehen, daß es im medizinischen wie alchemistischen Bereich eine Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Lehre gab, und daß die Handwerks-Geheimnisse der Alchemisten und Mediziner nur einem kleinen Kreis von Ausgewählten vermittelt wurden. Die Heilung des Menschen schloß die Herstellung des Seelen-Heils ein, bzw. war ohne dies unmöglich. Daß keiner gesund werden konnte, der an seiner Seele krankte, war den Pansophen gewiss.
Die Rezeption der hermetischen Schriften brachte auch die Vorstellung des Geheimen als Geheimwissen mit sich und inspirierte die Adepten aus verschiedenen Gründen zur Geheimbündelei. Zunächst wurde mit den hermetischen Schriften die Vorstellung transportiert , daß die altägyptischen Priester, die das geheime Wissen im Heiligtum von Hermopolis von Gott Thot-Hermes selbst empfangen haben sollten, dieses Wissen nun ihrerseits geheim gehalten haben und diese Heimlichkeit göttlich sanktioniert war, das heißt, dem Verräter drohten Qual, Tod und ewige Verdammnis. Immer war es zuerst ein Geheimnis, um das sich Menschen versammelten: verbündeten. Bis ins Zeitalter der Frühaufklärung wußte man noch vom Zusammenhang von Heiligkeit und Geheimnis, wie er in den Mysterien zum Ausdruck kam. Die Kirche in der geheimen Zusammenkunft der Gemeinde als Realisation des mystischen Leibs Christi wurde von den frühen Christen noch ganz wörtlich verstanden . Hinzu kam, daß alchemistisches oder gnostisches Denken, teilweise auch mystische Vorstellungen als häretisches Denken von kirchlicher Seite behandelt wurde und sich für deren Exponenten wie Raimundus Lullus oder Arnaldus Villanovanus beispielsweise eine bestimmte Diskretion ganz einfach aus Sicherheitsgründen ergab.
Die Geheimhaltung erwuchs aus der Tradition, aus dem Zusammenhang mit dem Heiligen zum einen und aus konkreten gesellschaftlichen Gründen der Verfolgung und Restriktion zum anderen.
Schließlich entstand in der Renaissance ein staatsrechtliches Denken als utopisches Entwerfen von Gesellschaftsmodellen mit ausgesprochen regulativer und normativer Ausrichtung in sozialtherapeutischer Absicht.
Die Werke des christlichen Fundamentalisten Girolamo Savonarola „De simplicitate Christianae vita“ , das Christoph Besold 1616 herausgeben sollte, und „Oraculo della renovatione della chiesa“ wurden im Kreis um Tobias Hess diskutiert. Thomas Morus’ „Utopia“ erschien bereits 1516, Campanellas „Città del Sole“ schließlich kam 1602 heraus und löste ein heftige Diskussion aus.
Suchen wir also die frühen Rosenkreuzer in ihren Schriften: Das erste Rosenkreuzer-Manifest, die „Fama fraternitatis, die nichts Geringeres anstrebte als eine Allgemeine und General REFORMATION der gantzen weiten Welt. Beneben der FAMA FRATERNITATIS Deß Löblichen Ordens des Rosenkreutzes/an alle Gelehrte und Häupter Europae geschrieben“, erschien als zweiter Teil, wenn man so will, als eine Art Anhang zu einer Übersetzung der Staatssatire „Ragguagli di Parnasso“ des italienischen Spötters Trajano Boccalini.
Die drei Rosenkreuzer-Schriften – die „Fama fraternitatis“, die „Confessio Fraternitatis Oder Bekanntnuß der löblichen Bruderschaft deß hochgeehrten Rosen Creutzes an die Gelehrten Europae geschrieben“ und schließlich die „Chymische Hochzeit“ entstanden im Kreis um Tobias Hess in der Zusammenarbeit von Hess, Besold und Andreae. Bevor sie 1614, 1615 und 1616 gedruckt erschienen, machten die Manifeste als Handschriften bereits die Runde und elektrisierten die Öffentlichkeit. Ein Geheimbund, der angetreten war, die Welt zu reformieren und die edelsten Ziele propagierte, erschien den einen als Retter und den anderen als Teufel. Von Anfang an wurden die Rosenkreuzer heftig bekämpft, mit einem Wort, sie saßen zwischen allen Stühlen. Die lutherische Orthodoxie denunzierte sie als verkappte Calvinisten, die die lutherische Kirche zu unterwandern gedachten. Die Calvinisten wiederum sahen in den Rosenkreuzern Jesuiten und die Katholiken schließlich die Fünfte Kolonne der Protestanten. In der Folgezeit erschienen über 200 Schriften, die den Rosenkreuzern applaudierten, sie angriffen oder verteidigten – und sie schlicht und ergreifend suchten.
Denn nun geschah das Merkwürdige, das ganz und gar Paradoxe: Auch nach Erscheinen der gedruckten Manifeste fand man keinen Anhaltspunkt, wo dieser Bund anzutreffen war. Die Bekennerschreiben waren greifbar, aber es fehlten die Bekenner – ein seltsames Kuriosum, das in der Geschichte seinesgleichen sucht. Immer hektischer fragte sich die Öffentlichkeit, wer denn nun die Rosenkreuzer waren. Wo befanden sie sich? Welche Persönlichkeiten standen dahinter? Doch der Geheimbund blieb geheim. Er hatte zwar zur Mitarbeit aufgerufen, aber die vielen, die gerne mittun wollten, wußten nicht, wo sie sich melden sollten. Schon tauchten überall, vornehmlich auf der Buchmesse zu Frankfurt, Betrüger auf, die behaupteten, Rosenkreuzer zu sein.
Fürst August von Anhalt interessierte sich lebhaft für den neuen Geheimbund und bezahlte Spitzel und Mittelsmänner, die herausfinden sollten, wo diese rätselhaften Brüder vom Rosenkreuz anzutreffen wären. Doch vergebens.
Waren sie am Ende nur ein Phantom?
Im frühen 17. Jahrhundert bestand kein Mangel an geheimen Zirkeln, Bünden und Gesellschaften, die sich vornehmlich mit Pansophie und mit Alchemie beschäftigten. Überhaupt kann das 17. Jahrhundert als das Zeitalter der Alchemie bezeichnet werden, das noch weit ins 18. Jahrhundert hineinstrahlte. Nicht nur August von Anhalt interessierte sich für diese geheimnisvolle Wissenschaft, auch Kurfürst Joachim von Brandenburg, der Kasseler Landesherr Philip von Hessen-Butzbach, der sich im Hintergrund hielt und seinen Leibarzt Daniel Mögling in seinem Auftrag agieren ließ. Unter Philipps Ägide erschien auch die „Fama“ der Rosenkreuzer, in Kassel bei seinem Hofdrucker.
Ein Mittelpunkt der Künste und Wissenschaften, besonders aber der Astrologie, Alchemie und der Geheimlehren war damals die Stadt Prag. Einer der berühmtesten Alchemisten der Zeit, Michael Sendivogius, verkehrte am Hof Rudolphs II.. Eigens aus England reiste Sir John Dee an, der berühmte Mathematiker, Astrologe, Alchemist und Okkultist, der aus einer einzigen Hieroglyphe, der sogenannten Monas-Hieroglyphe, die komplexe Welt erklärte. Seine Königin, Elizabeth I., vertraute ihm so sehr, daß sie nach seinen Berechnungen der Sternkonstellationen den Tag der Krönung festlegen ließ. Aber nicht nur Dee versuchte die Welt, aus dem Einen zu erklären, sondern auch der Dominikaner Giordano Bruno, der im Heiligen Jahr 1600 auf dem Campo dei Fiori in Rom als Ketzer verbrannt worden war, nicht weil er die kopernikanische Lehre propagierte, wie immer mal wieder behauptet wird, sondern weil seine metaphysischen Vorstellungen die Trinitätstheologie in Frage stellten. Für diese „Häresie“ hätten auch Protestanten einen Scheiterhaufen errichtet.
Es bestand also in diesen Jahren weder einen Mangel an radikalen Ideen und Lebenskonzepten, noch eine Zurückhaltung zur Anwendung drakonischer Maßnahmen zur Verfolgung derselben. Zwischen der Suche nach der protestantischen und der katholischen Orthodoxie (Tridentinum), nach der gültigen Fassung und verbindlichen Durchsetzung der reinen protestantischen oder katholischen Lehre existierte eine kaum fassbare Breite von Theorien, Theologien und Gedanken. Und die meisten dieser Theorien, Theologien und Gedanken waren radikal und mußten durch Heimlichkeit geschützt werden. In der gewaltsamen, hitzigen Welt des Umbruchs des 17. Jahrhunderts wurde Kryptoradikalität zu einer existentiellen Notwendigkeit. Vergessen wir nicht: die Toleranz wurde erst ein Jahrhundert später erfunden. Auch Giordano Bruno erklärte Papst Clemens VIII. zum Ketzer. Ob er ihn verbrannt hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte, bleibt auf ewig offen, zumindest forderte er den Papst auf, seine Irrlehren zu widerrufen.

Trotz all dieses gesellschaftlich erzwungenen geheimnisvollen Wirkens war die Nachricht von der Existenz des neuen Ordens der Rosenkreuzer im Jahrzehnt vor dem Dreißigjährigen Krieg eine Sensation. Daran wird deutlich, wie groß die allgemeine Ratlosigkeit war, wie sehr man auf eine geheime Gesellschaft der trefflichsten Männer gewartet hatte, die jene aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung bringen würde. Sie ahnten nicht, daß diese aus „den Fugen“ seiende Welt, wie Shakespeare zu jener Zeit treffend dichtete, sich nicht mehr ordnen ließ, denn sie veränderte sich so gründlich und umfassend, wie niemals zuvor.
Der Orden war als Projektionsfläche wie geschaffen für diese starke Hoffnung, denn er hatte eine Legende, und vor allem einen idealtypischen, legendären Gründer, nämlich Christian Rosenkreuz, nach dem die Bruderschaft hieß. Für die Zeitgenossen bestand kein Zweifel an der Existenz dieser geheimnisvollen Persönlichkeit – zu viel paßte einfach zu gut zusammen: Sein Grabmal war angeblich 1604 entdeckt und geöffnet worden, ein Jahr, das sich durch astrologische Gründe auszeichnete: Im feurigen Dreieck der drei Tierkreiszeichen Widder, Löwe und Schütze entdeckte Johannes Kepler einen neuen Stern, der als Zeichen für den Beginn einer neuen Reformation verstanden wurde. Außerdem galt die Vorstellung, daß 120 Jahre der Buße und des Gerichts bestimmt worden waren. Setzt man nun, wie die Zeitgenossen es taten, als Beginn der Zeit der Buße und des Gerichts Luthers Geburtsjahr an, so paßte das Jahr 1604 perfekt. Es muß gewirkt haben, als hätte Luther den Stafettenstab zur Vollendung der Reformation an die Rosenkreuzer weitergegeben. Nach der 1614 erschienenen „Fama Fraternitatis“ wurde Christian Rosenkreutz 1483 begraben. An der Tür zu seinem Grabmal stand: nach 120 Jahren zu öffnen – also befand man sich wiederum im Jahr 1604.
Die Gründer des Ordens allerdings waren zu diesem Zeitpunkt entweder verstorben wie Tobias Hess, oder sie wollten nicht mehr an ihre Jugendsünden erinnert werden wie Christoph Besold, der in der Folgezeit zum Katholizismus konvertieren sollte, und Johann Valentin Andreae, der zeitlebens seine Verfasserschaft abstritt. Das intellektuelle Spiel der Ordensgründer schlug um in einen zu Taten drängenden Ernst. Die Jünger warteten auf ihre Führer, ihre Tribunen, doch da war niemand, kein Christan Rosenkreuz, der wie wenige Jahre später Oliver Cromwell die Sache in die Eisenhand zu nehmen gedachte.
Die Idee einer Rosenkreuzerbruderschaft hatte sich bereits verselbständigt. Zur idealen Projektionsfläche für den neuen Bund wurde der legendäre Gründer, Christian Rosenkreuz, hinter dem die Öffentlichkeit eine historische Persönlichkeit vermutete. Die einen verwiesen auf Martin Luther, der nicht nur mit Andreaes Großvater bekannt gewesen war, sondern auch das Kreuz aus Rosen als Wappen führte. Andere wollten in dem Ordensgründer Johann Valentin Andreae selbst sehen, denn der Christian Rosenkreuz der „Chymischen Hochzeit“ wird von Andreae als hinkend beschrieben, so wie er selbst mit einer Gehbehinderung zu kämpfen hatte. Zudem führte auch die Familie Andreae in ihrem Wappen Rose und Kreuz.
Textanalysen der „Fama“ und der „Chymischen Hochzeit“, verbunden mit der Befragung der Ergebnisse der historischen Forschung, legen die Annahme nahe, daß die drei „Erfinder“ der Rosenkreuzerbruderschaft Christian Rosenkreuz als Kunstfigur kreierten. Wenn man von einem Vorbild für die Figur sprechen möchte, so bieten sich Martin Luther oder aber Paracelsus an. Für mich schaut hinter dieser Figur auch Meister Eckhart sehr deutlich hervor.
Auf vielen Wegen verbreiteten sich die Vorstellungen der Rosenkreuzer in ganz Europa. In den Niederlanden hatte Descartes seinen Teil dazu beigetragen. Ein zweiter berühmter Mann sollte eine noch größere Rolle spielen: der tschechische Theologe und Pädagoge Johann Amos Comenius, der enge Kontakte zu Johann Valentin Andreae unterhielt. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Haus des Gelehrten und Oberhauptes der Böhmischen Brüder von Katholiken verwüstet und seine wertvolle Bibliothek vernichtet. Comenius konnte sich mit knapper Not retten und ließ sich schließlich in Amsterdam nieder, wo er im Kreis von Freunden pansophische Ideen vertiefte.
Die seltsame Verbindung von Alchemie und Weltverbesserung, von Medizin und Religion, die dem Geheimbund der Rosenkreuzer seine bis heute zwar vibrierende, aber stabile innere Spannung gibt, macht es unmöglich festzustellen, wann die ersten geheimen Zirkel dieser Vereinigung ihre Arbeit aufnahmen. Geheim waren die Rosenkreuzer immer, denn zu allen Zeiten sahen sie sich verfolgt. Seit dem 13. Jahrhundert hat es alchemistische Zirkel und hermetische Gruppen gegeben, bei denen man nie sicher sein kann, ob man es vielleicht mit Rosenkreuzern zu tun hat. Der große spanische Mystiker und Hermetiker Raimundus Lullus veröffentlichte um 1270 den „Doctor Illuminatus“, Roger Bacon den „Doctor admirabilis“, und um 1250 hatte bereits Arnaldus Villanovanus mit seinem „Rosarium“ für Aufsehen gesorgt. Man könnte die Reihe über Basilius Valentinus, Albertus Magnus, Johannes Trithemius und Paracelsus bis zum „Parlamentum hermeticum“ in Frankreich beliebig ausführlich fortsetzen – es läßt sich bis jetzt kaum entscheiden, ob es lediglich Alchemisten oder vielleicht schon Rosenkreuzer waren, die sich um die Meister versammelten.
Im 17. Jahrhundert interessierte sich der englische Arzt, Alchemist, Paracelsist und Naturphilosoph Sir Robert Fludd nicht nur außerordentlich für die Rosenkreuzer, sondern verfaßte 1616/17 auch Schriften zu ihrer Verteidigung. Seit Jahrzehnten hatten die pansophischen und paracelsischen Ideen vom Kontinent aus auf der Insel in einer kleinen, sehr elitären und tonangebenden intellektuellen Schicht Fuß gefaßt. So fielen die Vorstellungen des Geheimbundes hier auf gut vorbereiteten Boden. Im Jahr 1646 gründete Elias Ashmole mit dem Astrologen William Lilly, dem Arzt Thomas Warton und anderen das Haus Salomonis, das deutlich von den Rosenkreuzern inspiriert worden war und deren Gedanken weiterentwickelte.
Besonders in Frankreich und Deutschland wurde im 18. Jahrhundert das Erbe der Rosenkreuzer angenommen und den Bedürfnissen des Jahrhunderts angepaßt.

V. Resümee

Will man also die Anwendbarkeit des Begriffs Kryptoradikalität auf die frühe Neuzeit untersuchen, bietet sich der Geheimbund der Rosenkreuzer als eine facettenreiche, historische Konstante an. Gleichwohl ist immer eine gewisse Tautologie, bei der Anwendung des Begriffs der Kryptoradikalität auf die Geheimbünde zu bedenken, denn jeder Geheimbund besitzt eine eigene Radikalität, denn sonst müsste er nicht geheim sein und stellte einen Verein dar. Und in der Tat erwuchsen die Vereine und Parteien des 19. Jahrhunderts aus den diskreten Vereinigungen des 18. Jahrhunderts, wie ich es in meinem Geheimbundbuch gezeigt habe.
Eine genaue Untersuchung des Rosenkreuzerphänomens, das sowohl Geheimbundtätigkeit als auch geheimes kommunikatives Verhalten einschließt, zeigt die verschiedenen Facetten von Kryptoradikalität, die von diskreter Korrespondenz bis hin zu bündischer Tätigkeit reichen. Das Geheimnis besteht zum einen in den alten mystischen Inhalten, die nur den Adepten vorbehalten waren, und zum anderen in der Geheimhaltung der gefährdeten Akteure selbst.
Vergröbert läßt sich sogar sagen, daß das Rosenkreuzertum ein Vehicle für Kryptoradikalität in der Neuzeit darstellt. Freilich finden sich die Anfänge der Rosenkreuzer im Mittelalter und sie haben die Zeiten bis heute überdauert, aber die Neuzeit in ihrer geradezu paradoxen Erschaffung einer Öffentlichkeit, die einer Kultur der Heimlichkeit bedurfte, stellte die Epoche des Rosenkreuzertums als Geheimbund dar, der wiederum dem einzelnen den realen Aktionsrahmen kryptoradikaler Verwirklichung bot. Denn es ist der Mensch, der aus historisch klar benennbaren Gründen im Geheimnis Schutz und Befreiung sucht.
Nach dem Etymologischen Wörterbuch ist die Herkunft des Wortes Geheimnis „entsprechend zuerst zum Haus, zum Heim gehörig“ . Über die Heimlichkeit findet die Vorstellung der Heimat zum Geheimnis. Und im Bund will der Mensch die längst verlorene Heimat finden, die abseits der Öffentlichkeit existiert, eben in der Heimlichkeit, im Geheimen. Die Heimat wird als Pendant zur Öffentlichkeit begriffen. Wo Öffentlichkeit ist, ist keine Heimat und wo Heimat ist, ist keine Öffentlichkeit. Nur in der Nicht-Öffentlichkeit entsteht Heimat, und diese Heimat verwirklicht sich als Geheimnis im Bund, das durch die Heimlichkeit, eben die Abgeschlossenheit und Verborgenheit des Heims geschützt wird.
Die Radikalität beschreibt die Distanz eigener Lebenshaltung zur herrschaftlich vorgegebenen Norm. Aus dem Zwang der gesellschaftlichen Norm aber entsteht die Kryptizität der Form. Kryptoradikales Verhalten ist also gelebte Normabweichung, der ein Geheimbund als institutionelle Form dienen kann, sozusagen als eine Gegenwelt. In dem der Geheimbund jedoch eine Gegenwelt bildet, in der das eigentliche, das wirkliche Leben stattfindet, wird er zur konsequenten Form der Kryptoradikalität: kryptischer und radikaler geht es nicht mehr. Daß die Mitglieder der diskreten Vereinigungen sich häufig eigene Bundesnamen gaben, stellt für die Vollständigkeit der Gegenwelt ein beredtes Indiz dar.

Die von mir angesprochene leicht tautologische Tendenz in dem Begriff Kryptoradikalität in Anwendung auf die Geheimbünde stellt logisch nur eine Bestätigung der Beschreibungsqualität des Begriff Kryptoradikalität für das Geheimbundwesen der frühen Neuzeit dar, denn in der Tautologie wird die Logik bekanntlich nur besonders zwingend.

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