Die Weihe der Mystiker - Ursprüngliche Motive jüdischer Mystik

Die Weihe der Mystiker – Ursprüngliche Motive jüdischer Mystik

Essay veröffentlicht unter den Titel „Het meest verborgene in het hart. Mootieven in de vroeg-joodse mystiek“ in: BRES. Magazine voor religie, wetenschap en gnosis, Heft 279, Utrecht Mai, Juni 2013

Von Klaus-Rüdiger Mai

Alle Mystik beginnt mit dem Ezechiel-Buch des Alten Testaments. Von den vielen Apokalypsen, die nicht in den Kanon der Heiligen Schriften aufgenommen wurden, haben das 4. Buch Esra und das Buch Henoch den größten Ruhm erworben. Diese Bücher, die mehr oder weniger um das 3. Oder 2. vorchristliche Jahrhundert herum entstanden, waren von anonymen Autoren verfasst worden. Um ihren Schriften eine hohe Autorität zu verleihen, gaben die Autoren als wahre Verfasser biblische Patriarchen wie Henoch, Adam, Abraham, Moses, Esra, Baruch oder Daniel an.
Die Bücher beinhalten die Großen Mysterien, die Offenbarungen von Gottes Geheimnissen, deren Existenz in den offiziellen Religionen, den Kleinen Mysterien verschwiegen wurden. Diese Mysterien wurden entweder von Gott dem Propheten mitgeteilt wie im Ezechiel-Buch, oder der Prophet unternahm wie bei Henoch eine Himmelsreise und wurde Gottes in seiner Thronhalle und damit aller göttlichen Mysterien ansichtig.
Der im wahrsten Sinne grundlegende Text ist das erste Kapitel des Buches Ezechiel, in dem der nach Babylon verschleppte Prophet Mitteilungen von Gott in der gebräuchlichen Form der Vision und Audition erhielt. Ezechiel schaut die Herrlichkeit Gottes, seinen Thronwagen (merkaba) und seine Thronhalle (hechalot). Diese Vision ist großartig und befreiend, denn sie überwindet den Abstand zu Gott und erhebt den Menschen, weil sie ihm an den Geheimnissen Gottes teilhaben lässt. Ezechiel wurde auserwählt, weil Gott wusste, dass er die Begegnung in der Vision überstehen würde. Gott ist die ganze Wahrheit. Kein Mensch kann die ganze Wahrheit ertragen. Deshalb gelangen die meisten Menschen nicht über die Kleinen Mysterien (die offizielle Kirche, Lehre etc.) hinaus zu den Großen Mysterien, die nur wenigen Auserwählten vorbehalten sind. Deshalb beginnt jede Mystik, mag sie jüdisch, christlich oder muslimisch sein, mit der Abkehr von der Welt, mit der Reinigung bzw. mit Reinigungsritualen. Für den Mystiker stellte sich die Problematik der Beziehung des Menschen zu Gott so dar: Wenn zwischen Mensch und Gott ein Abstand klafft, dann ist da auch eine Ferne. Das heißt, dass der Mensch in Gottesferne lebt wie im Exil. Ist ihm aber die Welt Exil, in der er lebt wie Ezechiel in Babylon, so kann er wie jener diese Entfernung auch überwinden. Er kann zu Gott vordringen und seinen Thronwagen schauen. Ezechiel sieht zunächst den Thronwagen, dann die Engel, schließlich eine äußere Form Gottes, eine Verkleidung, die er gerade noch auszuhalten vermag. Die Anschauung der Thronwelt eröffnet dem Mystiker den Blick in die Fülle, die von den Gnostikern später das pleroma genannt werden wird, nämlich die Lichtwelt Gottes mit all seinen Kräften, Möglichkeiten und Schöpfungen.
Im Geheimnis Gottes steckt ein unlösbares Problem der Wahrnehmung, die Notwendigkeit wahrzunehmen, ohne wahrzunehmen. Der Mensch nimmt wahr, indem er unterscheidet, beispielsweise hell und dunkel. Die Erkenntnis Gottes mit all seinen Kräften, Möglichkeiten und Schöpfungen als großes Ganzes, als Eins bedeutet aber, etwas nicht Unterschiedenes zu schauen, in dem man außerdem selbst ist und zu dem man gehört. Es bedeutet, Licht und Schatten nicht als Licht und Schatten, sondern als eine Einheit oder besser Licht und Schatten Ineins ohne Unterschied, weder das Helle noch das Dunkle zu sehen. Deshalb unterzogen die Mystiker sich großer Anstrengungen, um ihre Wahrnehmung zu verändern.
Eine weitere Quelle der Inspiration für die Mystiker auf ihrem Weg zu Gott waren die apokryphen Henoch-Bücher. Immer stärker bildeten sie die Vorstellung von den sieben Himmeln aus. Im obersten Himmel befindet sich Gottes Palast (Hechaloth), der wiederum aus sieben Hallen oder Kammern besteht. In der letzten Halle, in der Kammer der Größe, aber befindet sich Gott oder eine Hypostase von ihm. Dem jüdischen Mystiker geht es vor allem um die Schau nicht des Wesens, das er nicht ertragen könnte, weil es über sein Fassungsvermögen geht, sondern vor allem um die Schau der Herrlichkeit Gottes.
Praktisch stellt sich nun die Frage, wie der Gottessucher in die siebente Kammer gelangt – und zwar vor seinem Tod. Darin nämlich besteht die ungemeine Verlockung der Mystik: Sie verheißt dem suchenden Menschen, dass er nicht erst nach dem Tod, sondern bereits im Leben die Himmelsreise antreten kann und von dem unvorstellbaren Glück kosten, Gott schmecken darf. Will er Gottes Herrlichkeit schauen, muss er sieben Sphären durchqueren, über die uns nichts bekannt ist, und anschließend die sieben Kammern oder Hallen, was uns dafür umso detaillierter beschrieben wurde.
Die Tätigkeit des Mystikers umfasst drei Aspekte, einen realen, einen symbolischen und einen allegorischen:
1. Jede Übung oder Handlung, die er auf seinem langen Weg zu Gott ausführt, führt er wirklich, in der Realität aus.
2. Er führt sie jedoch gewissermaßen auch im Himmel, bei Gott aus, denn was auf der Erde geschieht, geschieht gleichzeitig im Himmel geradezu in Parallelverschiebung. Darin besteht der symbolische Aspekt der Handlung des Mystikers.
3. Darüber hinaus vollzieht der Mystiker die Heilsgeschichte vollkommen individualisiert nach. Die Dramaturgie der mystischen Reise als Ganzes betrachtet ist eine Allegorie, ein Nachspielen der Schöpfung.
Jede mystische Reise begann mit einer umfangreichen seelischen und körperlichen Reinigung. Dazu gehörten Bäder, vielleicht sogar Taufbäder, aber auch sexuelle Enthaltsamkeit und Fasten. Die Zeit der Reinigung umfasste zwölf oder vierzig Tage. Die Zahl Zwölf ist ein Symbol für die zwölf Stämme Israels, findet sich aber auch in der Anzahl der Sternkreiszeichen und der Monate im Jahr, später im Jüngerkreis Jesu. Die Zahl Vierzig steht für die große Reise der Juden unter Führung des Moses durch die Wüste ins Gelobte Land.
Die Zeit der Reinigung war eine Zeit der Bewährung und der Initiation. So wie Moses starb, starb der alte Mensch in dem Mystiker. Gereinigt, als neuer Mensch konnte er dann den mystischen Aufstieg zu Gottes Thronhallen wagen. Das Fasten wurde begleitet von Andachtsübungen, bei denen der Mystiker die gleiche Haltung einnahm wie der Prophet Elias am Berg Karmel. (1 Kön 18,42). „Ihr wisst vielleicht, dass viele Weise der Ansicht sind, dass ein Mann, wenn er würdig und mit bestimmten Eigenschaften gesegnet ist und die Himmelswagen und die Hallen der Engel hoch oben schauen möchte, bestimmte Übungen machen muss. Er muss eine gewisse Zahl von Tagen fasten, er muss den Kopf zwischen die Knie legen, während er die ganze Zeit über bestimmte Lobpreisungen Gottes vor sich hinflüstert, während er das Gesicht zum Boden gewandt hat. Als eine Folge davon blickt er in die verborgensten Winkel seines Herzens, und es wird ihm scheinen, als sehe er die sieben Hallen mit eigenen Augen, während er von einem Saal zum anderen geht, um zu sehen, was sich darin befindet.” Mit diesen Worten fasste Rabbi Akiba den mystischen Weg zusammen.
Es mag zunächst überraschen, aber die Litaneien, die der Mystiker zu singen hatte, waren, verglichen mit dem hohen Ziel, das er zu erreichen suchte, recht eintönig, bewirkten aber durch das beständige Rezitieren in Zusammenhang mit der Körperhaltung einen Zustand der Autosuggestion, die in eine Trance führten. Einer dieser Text beginnt so:

„Die Allmacht und Treue beim Ewig-Lebenden
Die Einsicht und der Segen beim Ewig-Lebenden
Die Hoheit und die Größe beim Ewig-Lebenden…“

Die ununterbrochene Anrufung Gottes mit verschiedenen Attributen oder die Aneinanderreihung verschiedener Namen Gottes (Doxologie) ist eine uralte religiöse Technik, die sich schon bei den Ägyptern findet. Nicht das Komplizierte ist es, was zum Erreichen eines anderen Seinszustandes, in dem das Denken von Gedanken gereinigt wird, sondern Einfachheit, Eingängigkeit und ein prägnanter, geradezu eintöniger Rhythmus. In der Mystik ist es dieser andere Seinszustand, in dem sich der innere Mensch, die Seele, das pneuma vom Leib trennt und die Reise antritt. Der Moment, in dem die Seele den Körper verlässt, ist außerordentlich riskant. Die Reise selbst gilt als lebens- und heilsgefährlich, nämlich für Leib und Seele.
Die Torwächter, in der Vorstellung der jüdischen Mystiker feindliche oder gefallene Engel, die den Aufstieg der Seele zu Gott verhindern wollen, können nur mit magischen Mitteln besiegt werden. Jedes Passwort für eine Pforte bestand aus einem geheimen Namen. Die Mystiker verbrachten viel Zeit in der Vorbereitung, um diese geheimen Namen aus der Tora zu ermitteln, denn der Name galt nicht für alle Seelen, sondern nur für die betreffende Seele, und auch nur für eine der sieben Pforten. Für das nächste Tor benötigte man bereits ein neues Codewort, das wiederum nur für die Seele dieses speziellen Mystikers galt. Mit anderen Worten: jeder Mystiker musste seine persönlichen sieben Passwörter herausfinden. Ohne sie würde die Seele in namenlose Qual stürzen, Flammen würden sie auffressen, Stürme sie prügeln. Auf dieser Reise vollzieht sich eine mystische Umwandlung der Seele, des eigentlichen Menschen, denn je näher er Gott kommt, desto stärker ist er ja auch Gottes Wirken ausgesetzt. Gottes Kraft verwandelt ihn. Dass der Prozess schmerzhaft und vollständig ist, belegt ein Fragment, in dem es heißt, dass der Mystiker, dem die Hände und Füße in der Schau verbrannt sind, „ohne Hände beten und ohne Füße stehen muss“. Dieses Bild finden wir erstaunlicherweise über tausend Jahre später bei dem muslimischen Mystiker all-Halladsch wieder.
Im Buch Hechaloth der Münchener Handschrift wird eine Prüfung am sechsten Tor geschildert: „Wer aber nicht würdig war, den König (Gott – d. Verf.) in seiner Schönheit zu sehen, dem verwirrten die Engel an den Toren den Sinn. Und sobald sie zu ihm sagten: tritt ein, so trat er wirklich ein. Sofort pressten sie ihn und warfen ihn in den feurigen Lavastrom. Und am Tor des sechsten Palastes erschien es, als ob Hunderttausende und Millionen Wasserfluten gegen ihn anstürmten, während doch nicht ein einziger Tropfen Wassers da war, sondern nur ein strahlender Äther und klare Steine aus lauterem Marmor, mit denen der Palast ausgelegt war. Die Engel aber stehen vor ihm. Wenn er nun sagte: was bedeuten diese Wasser?, so begannen sie ihn zu steinigen und riefen: Du Unwürdiger, siehst du es denn nicht mit deinen eigenen Augen? Bist du etwa einer der Kinder derer, die das Goldene Kalb geküsst, und nicht würdig, den König in seiner Schönheit zu sehen?! … Und er geht nicht von dannen, bis sie sein Haupt mit eisernen Stangen verletzen.“ Unwürdig ist derjenige, der sich auf die Reise begeben hat, ohne zuvor die Fähigkeit zur Gottesschau erlangt zu haben. Mit anderen Worten: Es ist ihm nicht gelungen, seine Wahrnehmung zu verändern. Er sieht etwas Fließendes und hält es für Wasser, das er vom festen Stein unterscheidet, aber erkennt nicht das worauf es ankommt, nämlich das Feste im Fließen. Fließen ist Veränderung, Ewigkeit ist Unveränderlichkeit, ewiges Fließen damit die Unveränderlichkeit des Veränderlichen. So wird Sein zum Werden und Werden ist Sein. Der „ätherische Stein“ aber fließt und ist gleichzeitig fest, sein Wesen ist ununterschieden, er ist Fließen und Starre zugleich. Mystisches Schauen ist Wahrnehmen ohne Unterscheidung. Die Vorstellungen vom ätherischen Stein und vom Thronwagen werden später in den geheimen Zirkeln der Alchemisten eine beeindruckende Karriere machen. Bis auf den heutigen Tag verbringen Menschen ihr Leben mit dem Versuch, diesen ätherischen Stein herzustellen, den sie den Stein der Weisen nennen.
Interessant ist die Verfluchung, die den Irrenden zum Kind derer macht, die das Goldene Kalb geküsst hatten. Diejenigen, die den Kleinen Mysterien verhaftet waren, würden die Großen nicht schauen. Es führte kein Weg von den Kleinen zu den Großen Mysterien. Die Kritik richtete sich eindeutig gegen die Tempelpriester, die Sadduzäer, die Meister der Kleinen Mysterien – sie waren die Kinder derer, die das Goldene Kalb geküsst hatten, denn in ihrem Tempel fanden Opferungen statt, und die Wechsler im Vorhof verkauften Opfergeld für die Anbetung des Goldenen Kalbes. Jesus sollte sie bald schon aus dem Tempel jagen. Die Mystiker kümmerten sich nicht um sie, denn wer zu den Meistern der Kleinen Mysterien gehörte, wurde ohnehin von Gottes Türsteher mit eisernen Stangen geschlagen und vertrieben, weil er den Ätherglanz des Steines mit Wasser verwechselte. Der mystische Weg zu Gott, wie er im Buch Ezechiel und im Buch Henoch dargestellt wurde, führte nicht über den Tempel, denn für die Mystiker wohnte Gott nicht mehr im Tempel. Sie hatten mit den Hohenpriestern gebrochen.
Wenn der Mystiker nun in den Siebenten Palast hinabgestiegen war, erblickte er den Thronwagen, auf dem Gott durch die 995 Himmel hinabgestiegen war und sich in seiner Herrlichkeit wie in einem Krönungsmantel niedergelassen hat. Diese Erscheinung des Weltenschöpfers war das Geheimnis Gottes, das sich nicht benennen, sondern nur schauen ließ.
Seit ihren frühen Tagen ist das wichtigste Werk für die Mystiker das apokryphe Buch Henoch, betitelt nach dem Patriarchen Henoch, der sich auch der „Schreiber der Gerechtigkeit“ nannte. Es erzählt davon, wie die Welt, wie die Riesen und die Menschen, schließlich das Gute und das Böse entstanden ist, kurz darüber „Wer wir waren, was wir wurden; wo wir waren, wohinein wir geworfen wurden; wohin wir eilen, woraus wir erlöst werden; was Geburt ist, was Wiedergeburt“, wie es Klemens von Alexandria formulierte. Henoch, der angebliche Verfasser, war ein Patriarch, der vor der Sintflut lebte. Was ihn für die Mystiker interessant machte, war die Tatsache, dass er vor seinem Tod bereits von Gott entrückt, das heißt, zu sich genommen wurde. An dieser Tatsache und den Beschreibungen der Entrückung entzündete sich immer wieder das leidenschaftliche Interesse jüdischer, christlicher und muslimischer Mystiker. Nachdem Henoch die Himmel durchquert hatte, trat er in den Palast Gottes. Henoch erhielt von Gott einen Auftrag: Er sollte den Riesen, die die göttlichen Geheimnisse verraten und sich mit den Menschenfrauen gepaart hatten, und den Menschen die Botschaft überbringen, dass ihr Frevel bestraft würde. Dadurch wurde der „Schreiber der Gerechtigkeit“ – gleich dem qumranischen „Lehrer der Gerechtigkeit“ – zum Bußprediger, der die Menschen zu Einsicht und zur Umkehr bewegen wollte. Wegen seiner Verdienste, wegen seiner Gerechtigkeit wurde Henoch zu Gottes Thronwagen geführt. Dort würde von nun an sein Platz sein, denn der Menschensohn wurde zum Engel Metatron, der Gott am nächsten steht. Für den jüdischen Mystiker musste der Mensch Henoch, der als Metatron zum Fürsten der Engel erhoben wurde, ein Vorbild ohnegleichen abgeben. Seine Schriften luden zum gründlichen Studium ein, denn genau wie in der Tora waren darin versteckte Botschaften über die göttlichen Geheimnisse zu entdecken, darüber, wie man zu Gott gelangen und sich auf dem gefährlichen Weg schützen und wie das Mysterium von Gottes Herrlichkeit, das sich in seiner Schöpfung offenbart, entschlüsselt werden konnte.
Diese Decodierung erschöpfte sich nicht in der Auslegung, sondern wurde durchaus streng mathematisch gedacht. Zwei Eigenarten des hebräischen Alphabets boten hierfür unendliche Möglichkeiten. Zum einen besitzt jeder Buchstabe auch einen Zahlenwert. Auf dieser Grundlage konnten die Buchstaben auch als Verschlüsselungen gelesen werden. Zum anderen war die hebräische Schrift in dieser Zeit eine Konsonantenschrift, das heißt, die Vokale wurden nicht geschrieben. So steckt in jedem semitischen Wort eine Wurzel, die zu anderen Worten führt.
Im babylonischen Talmud wird der Name Metatron mit dem Engel in Verbindung gebracht, über den es im Exodus heißt: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.“ In der Apokalypse des Abrahams wird dieser Engel mit dem Engel Jahoel in Verbindung gebracht. Und Jahoel enthält wiederum den Namen Gottes: Jao.
Da jedoch keine einzige plausible Deutung bereitsteht, bleibt der Name des Engels, zu dem Henoch wurde, ein Geheimnis, ein Geheimname, der mit Sicherheit das innerste Wesen enthüllen würde. Aber genau dies wollten die Eingeweihten verhindern: dass Ungeweihte diesen Namen lesen und verstehen könnten, denn in ihm lebt „eine Kraft, dank dem unaussprechlichen Namen, der in mir wohnt“ .
In einem mystischen Text berichtete Metatron dem Rabbi Ismael von einem Schleier, hinter dem Gott auf seinem Thron saß. Dieser Schleier trennte die Herrlichkeit Gottes von den Engeln. Er war aber nicht nur eine Trennung und verhüllte nicht nur, er enthüllte auch, denn in ihm waren alle Schöpfungen eingewebt, wie sie präexistent bei Gott sind. Wie wir es von dem ägyptischen Gott des Uranfangs kennen, waren in dem Schleier alle Schöpfungen Gottes zu entdecken, bevor Gott sie erschuf – nicht in ihrer kosmischen Realität, sondern in ihrer göttlichen Möglichkeit. Alle Menschen, die sein werden und ihre Meinungen und Taten waren in dem Schleier zu sehen, der Lauf der Geschichte, der Kampf um die Erlösung als Geheimnis des menschlichen Lebens. Die Schau Gottes bedeutet, alles wahrzunehmen, das Vergangene, das Gegenwärtige, das Zukünftige gleichzeitig und ohne Unterscheidung.
Über den Aufstieg zu Gott gibt es einen sehr schönen mystischen Text: „Als ich in den ersten Palast aufstieg, war ich ein Frommer (Chassid), im zweiten Palast war ich ein Reiner (Tabor), im dritten Palast war ich ein Redlicher (Jaschar), im vierten Palast war ich ganz mit Gott (Tamim), im fünften Palast brachte ich Heiligkeit vor Gott dar, im sechsten Palast sprach ich die Keduscha (das Trishagion in Jesaja 6, 3: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt – d. Verf.) von dem, der sprach und die Welt erschuf, damit mich die Engel des Dienstes nicht verdürben, im siebenten Palast stand ich mit aller meiner Kraft, erzitterte und erbebte an allen meinen Gliedern und sprach folgendes Gebet: …, gelobt seist Du, der Du erhaben bist, Lob sei dem Erhabenen in der Kammer der Größe.“

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