Die Lust an der Welt - Bramantes Architektur des Lebens

Die Lust an der Welt – Bramantes Architektur des Lebens

Lectio magistralis zum 500. Geburtstag von Donation Bramante,
gehalten am 2. August 2014  im Palazzo Ducale in Urbino

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Lust durchpulste uns gestern, heute regiert die fitnessgestählte Humorlosigkeit des
Spaßes und des Megaevents. Wahrlich, wir leben in einem pessimistischen Zeitalter.
Pessimismus bedeutet, kein Vertrauen zur Zukunft, letztlich kein wirkliches Vertrauen
zu sich selbst zu besitzen. Um uns darüber hinweg zu täuschen, benötigen wir Events,
Events, Events. Aber kaum will uns in Europa noch etwas glücken, wirkt dieser
Kontinent, der so hypermodern und amerikanisch sein möchte, erstaunlich vorgestrig.
Wir verlieren die Gegenwart, weil wir uns von der Geschichte verabschiedet haben. Wir
werden vormodern, weil wir danach gieren, hypermodern zu sein. Die TV – Shows
werden von C‐Prominenten bevölkert, die unaufhörlich reden, ohne, dass sie etwas
mitzuteilen haben. Im Gegenzug gibt es weniger Interesse an und Geld für unsere Kultur,
verschleudern wir unser eigentliches Kapital.
Welche Haltung soll man also in einem pessimistischen Zeitalter einnehmen? Ich sage es
in einem Wort: eine Optimistische. Das erfordert, Vertrauen in die Zukunft zu setzen und
vor allem in sich selbst. Das setzt voraus, dass wir unsere Geschichte wieder entdecken!
Und dafür haben wir auch allen Grund, denn der Grund, auf dem wir stehen, ist fest. Man
darf sich nur nicht verwirren und auch nicht belügen lassen. Wir leben in einer reichen
Kultur, warum geben wir also Tand für Gold? Wie sagte doch Jesus zu den Jüngern: „Lass
die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.“
Wer kann uns helfen, an wen können wir uns orientieren, wer kann uns lehren, den Weg
weisen? Donato Bramante, zum Beispiel. In der Arbeit an meinem Roman, dessen
Protagonist zunächst der Petersdom war, lernte ich Donato immer bessern kennen.
Dazu muss ich sagen: ich schreibe, um zu verstehen. Schreiben ist mein Erkenntnisweg.
Im Schreiben suche ich nach der Wahrheit. Und meine Damen und Herren, lassen sie
sich nichts von den dreist grinsenden Neunmalklugen, den Geschäftmachern einreden,
dass es viele Wahrheiten gäbe, oder dümmer noch, dass jeder seine eigene Wahrheit
besäße. Die Wahrheit kommt nicht im Plural vor, sie ist nicht verhandelbar, sie ist
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absolut. Allerdings kann man sie nicht wie ein Auto kaufen und zum Eigentum haben,
man kann nur zu ihr unterwegs sein. Das macht aber unsere Menschlichkeit aus, auf
dem Weg zur Wahrheit zu sein. Musik, Dichtung, Kunst, Architektur sind adäquate Pfade
zur ihr, das absolute Kunstwerk wäre ihr vollkommener Ausdruck, aber vor der
Kreation dieses absoluten Kunstwerks versagen unsere beschränkten menschlichen
Kräfte. Dazu bedürfte es Gottes als Schöpfer. Bramante hat das gewusst und weil er
diese letzte Erkenntnis besitzt, ist er ein großer Optimist und ein großer Künstler. Aber
hören wir ihm selbst zu. Vor über 500 Jahren dichtet er:
„Arde il mio petto in si soave foco,
Che sol del suo martir vive contento…“
In diesem schönen Gedicht porträtiert sich unser Donato. Es lohnt sein herrliches
Paradoxon in der ganzen Tiefe zu verstehen und sich nicht von der Eleganz der
Formulierung ablenken zu lassen: In dem Martyrium, einerseits das Unmögliche
erreichen zu wollen, die höchste Kunst, die Perfektion, und anderseits das Leiden, es
trotz Streben allenfalls in der Ferne zu erblicken, findet er, der wahre Künstler, sein
Glück: im Bewusstsein der eigenen Unvollkommenheit, dennoch und immer
wieder und stets aufs Neue das Vollkommene zu suchen. Präziser kann man es nicht
sagen, und vielleicht auch nicht schöner: Ein glückliches Leben bedeutete für ihn, die
Marter, die ihm sein Streben nach Perfektion bereitet.
Warum aber benutzt Donato den Begriff contento und nicht die Worte fortunato oder
felice als Attribute des Lebens? Fortunato böte sich an, denn über keine Göttin wurde in
der Renaissance mehr nachgedacht als über Fortuna, die Göttin des Glücks, die
Unbeständige, deren Sinnbild das Rad ist, das sie pausenlos dreht. Das Rad der Fortuna
als Sinnbild mahnt den Menschen, im Glück nicht zu vergessen, dass es nicht ewig währt,
und im Unglück die Hoffnung nicht zu verlieren, dass sich eines Tages das Schicksal
wendet. Das Heiligtum der Fortuna in Palestrina übrigens mit seinen Terrassen
inspirierte ihn zur Gestaltung des cortile in Rom. Warum also nicht fortunato? Könnte es
sein, dass ihm die Kunst Exil der Ewigkeit ist und er dem Zufälligen, dem
Zerstörerischen der Existenz, der undurchschaubaren Herrschaft der Fortuna durch
Kunst zu entgehen trachtet? Die Kunst vermag die eigene Existenz im Gedächtnis der
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Nachwelt zu verankern und dadurch der Unbeständigkeit Dauer entgegenzusetzen.
Wird ihm Kunst zum Gegenbegriff zur Fortuna? Das Stete zum Dementi des Unsteten?
Aber auch das Adjektiv felice scheint ihm nicht recht zu passen. Das lateinische felicitas
spielt auf das Götterkind, dem mühelos und unreflektiert alles gelingt, auf Felix, auf den
Glücklichen an. Aber dem Glücklichen sind Feuer und Martyrium fremd, das In‐der
Arbeit‐vergehen, weil er Arbeit nicht kennt, ihm glückt alles mühelos. Aber sich Mühen
bedeutet Genuss, wer auf das eine verzichtet, wird das andere nie erleben.
In dem Wort contento steckt nicht nur die Bedeutung des Glücklichseins, sondern auch
des Zufriedenseins mit etwas oder mit jemandem. Das glückliche Leben ist das erfüllte
Leben, das seine Zufriedenheit aus dem niemals abzuschließenden Schaffensprozess,
dem Martyrium des Künstlers bezieht. Hier schließt sich überraschend der Kreis. Der
Legende nach erhält Donato seinen Beinamen, unter dem ihn die Zeitgenossen, die
Geschichte und wir Heutige, also alle Welt kennt, von seinem Großvater
mütterlicherseits. Bramante abgeleitet von bramare. Es ist diese wohlige Glut, dieses
soave foco, dieses süße Feuer, das heftige Begehren nach dem Perfekten, das ihn in das
Martyrium des Schaffens treibt und zugleich macht ihn dieses Martyrium glücklich und
erfüllt ihm mit der Zufriedenheit des Mannes, der sich plagt und dem nichts gut und
gelungen genug sein kann.
Die ersten beiden Zeilen des Sonetts stellen nichts anderes dar als eine Paraphrase von
Donatos Namen: Bramante. So wie er heißt, so ist er auch, so wie er ist, so heißt er auch.
Ich beschreibe diesen Charakterzug, weil er zum einen das Wesen und den Antrieb
Donatos mit großer Klarheit und Schönheit wiedergibt und zum anderen den Grund
ahnen lässt, weshalb ich mich mit Donato beschäftigt habe. Oder muss ich sagen, dass er
sich mit mir beschäftigt hat? Er ist ein grundoptimistischer Charakter!
Auch wenn es Donato an der Kraft mangelt, das Werk zu vollenden, ihm das Ziel, das er
sich steckt, zu hoch ist, kann und will er sich doch nicht bescheiden, denn:
Ma perchè, quanto il ben è più perfetto,
Più si convien naturalmente amare:
Voglio sperar nel cor doglia o diletto
Dunque, se ciò ch´ io amo è singolare,
Degnamente mi sta fisso nel petto:
Che gloria è per virtù sempre stentare.
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Das Sonett wird zur Selbstbiographie des Künstlers, des Schöpfers, des Architekten.
Denn, was Donato auch anpackt, Malerei, Dichtung und Architektur, es ist immer
Donato, der es tut, der Vielfraß, der Nimmersatt, der heftig Begehrende, der Liebende,
der ganze Mensch, der in der Welt nur sein kann, indem er sich ausdrückt, mittels
Farben, Worten, Stein und Mörtel. Ich sage nicht, die Materialien sind sekundär, dazu
schätzt er sie zu sehr, besitzt er eine viel zu körperliche Kenntnis dieser Materialien, die
gleichsam Verlängerungen seines Körpers in die Ewigkeit sind, sein Versuch, nicht zu
sterben, den Skandal der Endlichkeit aus seiner Existenz zu kehren.
Da er aber nur ein Mensch ist, wird ihm, das Vollkommene zu schaffen, versagt bleiben.
Da ihn die Leidenschaft treibt, er heftig begehrt (bramare), wird er sich antreiben, sich
plagen und quälen, um an dem Ziel dennoch festzuhalten. Und um hier einen Punkt zu
setzen und die Leidenschaften zu zügeln, eignet sich das Deutsche ganz gut. Wenn ich
also einen die Saeculi überspannenden Bogen von Fermignano und Urbino nach Weimar
ins 18. Jahrhundert schlagen darf, stoße ich auf die gleichen Gedanken, die gleiche
Konsequenz und Unbedingtheit, wenn auch in kühlerer Diktion. In der dramatischen
Dichtung „Faust. Der Tragödie Zweiter Teil“ spricht Johann Wolfgang von Goethe über
sich, wenn er seinen Renaissance‐Magier Faust sagen lässt:
„ Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
Was er erkennt, lässt sich ergreifen.
Er wandle so den Erdentag entlang;
Wenn Geister spuken, geh‘ er seinen Gang,
Im Weiterschreiten find‘ er Qual und Glück,
Er, unbefriedigt jeden Augenblick!“
„Unbefriedigt jeden Augenblick“ ist auch Donato. Es erstaunt mich, aber vergleicht man
Donatos Verse mit Goethes, dann stößt man sehr schnell auf den zentralen Begriff, bei
Donato virtu, bei Goethe die Tüchtigkeit. Wir wollen uns nicht lange mit Philologie
aufhalten, es sei verkürzt gesagt: Donatos virtu ist Goethes Tüchtigkeit, denn im
Deutschen besitzen die Worte Tugend und Tüchtigkeit verwandte und ähnliche
Etymologien. Wenn Tugend also der Schlüssel für den Künstler ist, für den, der
„unbefriedigt jeden Augenblick“, der stets, auch wenn ihm die Kraft gebricht, das Werk
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vollenden will, erhebt sich die Frage, worin Tugend besteht, was das für ein famoses
Ding denn ist, die Tugend.
Meine Damen und Herren, es trifft sich herrlich, will sagen, es fügt sich geradezu, denn
um Antwort auf diese Frage zu finden, muss ich nicht einmal den Ort verlassen. Hier in
diesem Palast der Paläste wartet sie bereits geduldig auf uns.
Der Schriftsteller und Diplomat, Freund Raphaels und Bewunderer Bramantes,
Baldassare Castiglione ließ im Palazzo Ducale in einem fiktiven Gespräch die Herzogin
Elisabetta Gonzaga, die unvergleichliche Maria Pia mit Männern wie Giuliano de Medici,
Ludovico di Canóssa, Pietro Bembo und Bernardo Bibbiena über die Eigenschaften des
idealen Hofmann im „Libro del Cortegiano“ diskutieren. Für Baldassare Castiglione
gehören zu den Tugenden: Kühnheit und Wagemut, Großmut, Freigiebigkeit,
Gerechtigkeit und Klugheit, aber auch Entschlossenheit, Schnelligkeit und
Erfindungskraft.
Höchste Zeit vom Palazzo Ducale zu sprechen. Vielleicht hat dieser Palast mit dem
Petersdom mehr zu tun, als es auf den ersten, zweiten und auch dritten Blick scheinen
mag. Am 23. Juli 1444, in dem Jahr, in dem im nahen Fermignano (Monte Asdrualdo)
Donato zur Welt kommt, wird Federico da Montefeltro der Herr von Urbino. Seine
Bildung hat Federico am Hofe der Gonzagas in Mantua in der berühmten Casa giocosa
des Vittorino da Feltre erhalten. Vittorino war der wichtigste Erzieher und Lehrer der
Zeit, dessen pädagogischer Stern in Venedig aufgegangen war. Gianfrancesco Gonzaga
suchte nicht nur für seinen Sohn Ludovico einen Erzieher, sondern wollte darüber
hinaus eine Musterlehranstalt gründen. Deshalb lud er Vittorino ein, eine Schule in
Mantua einzurichten und stellte ihm dafür die Casa giocosa zur Verfügung. Vittorino
stimmte nur unter der Bedingung zu, dass er nicht nur adlige, sondern auch bürgerliche
Kinder aufnehmen durfte und formulierte sehr selbstbewusst dem Fürsten gegenüber:
„Wenn Du wirklich von mir nur Dinge verlangst, welche unser beide würdig sind, will
ich mich gern danach richten und bei Dir bleiben, solange man Deine guten Sitten und
Deine Tugenden loben wird.“
Im Alter von 14 Jahren betrat man die Casa, im Alter von 18 oder zwanzig Jahren verließ
man sie wieder, in den Wissenschaften ausgebildet und in den guten Sitten erzogen.
Erziehung und Bildung gehören für Vittorino zusammen, das reicht bis zur Körperpflege
und zur Reinlichkeit der Kleidung, was in dieser Zeit bei weitem nicht so
selbstverständlich ist wie heute. Antonio Pisanello schuf für Vittorino eine
Porträtmedaille. Die Rückseite zeigt einen Pelikan, der mit seinem Blut seine Jungen
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füttert als Sinnbild des aufopferungsvollen Lehrers. Wichtiger aber in diesem
Zusammenhang wird die Umschrift, die lautet nämlich „MATHEMATICUS ET OMNIS
HUMANITATIS PATER“. Ohne die große Besonderheit hier vertiefen zu können, erstaunt
doch der unübliche Bezug auf die Mathematik. Nicht nur die humanistischen Fächer,
nicht nur die römischen Dichter und Rhetoriker, nicht nur die Philosophen, sondern
auch die Mathematik spielte eine herausgehobene Rolle als Sprache der Schöpfung.
Federico verliebt sich in Mantua in die Mathematik und in die Geometrie. Mathematik
und Geometrie werden am Musenhof von Urbino eine große Rolle spielen.
Im Jahr 1448/49 beginnt der Umbau des Alten Palastes im Grunde als schrittweise nicht
nur Erneuerung, sondern Errichtung des neuen Palastes. Ich erwähne das nur, weil
gerade das sukzessive Hervorbrechen des Neuen aus dem Alten, die Entstehung des
modernen Renaissance‐Palastes aus der mittelalterlichen Burg auf den jungen Donato,
der spätestens Ende der fünfziger Jahre diesen Vorgang aus nächster Nähe mit verfolgt,
einen tiefen Eindruck hinterlässt, so nachhaltig, dass ihn dieses Prinzip beim Neubau des
Petersdomes leiten wird.
Donato dürfte um 1458 nach Urbino gekommen sein, um, wie ich vermute, eine
Malerlehre zu beginnen. Gestatten Sie mir, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen.
Suchen wir nach einem Lehremeister für Donato, bietet sich mancher an, vielleicht
bildete ihn auch ein längst vergessener Mann aus, aber was spricht eigentlich dagegen,
dass er beim Hofmaler Federicos, Giovanni Santi, in die Lehre ging. Als Maler eifert
Giovanni Pietro Perugini und Melozzo da Forli nach, als Verfasser einer Reimchronik
sogar Dante. Weder in der Malerei, noch in der Dichtkunst kommt er nur ansatzweise in
die Nähe seiner Vorbilder, doch zeugt er einen Sohn, den er Raffael nennt und der
Kunstgeschichte schreiben sollte. Als der junge Raffael Santi Jahrzehnte später nach
Rom kommt, fördert ihn Donato, der inzwischen der erste Architekt der Ewigen Stadt
ist, nach Kräften und setzt ihn sogar zum Mitbaumeister des Petersdomes ein. Was liegt
also näher, als zu glauben, dass sich Donato des jungen Genies annimmt, wie zuvor sich
Raffaels Vater um ihn gekümmert hat.
In Urbino ergibt sich durch die langwierigen Bauarbeiten am Palast geradezu eine
Symbiose zwischen Malerei, Bildhauerei und Architektur ‐ für einen neugierigen Jungen
wie Donato ein Paradies, zudem genossen Mathematik und Geometrie einen hohen
Stellenwert.
Kurz nach dem jungen Donato trifft in Urbino eine damals zumindest viel wichtigere
Person ein, die so schöne, wie kluge, wie gebildete Battista Sforza, Tochter des Herrn
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von Pesaro, Alessandro Sforza. Battista – und da wir später noch über Michelangelo
sprechen, sei mir die kleine Abschweifung nachgesehen – wird die Großmutter einer der
bedeutendsten Dichterinnen der italienischen Renaissance, nämlich von Vittorio
Colonna, Michelangelos Freundin im Geiste.
Donato gerät sofort in die Eile der Bauarbeiten hinein, denn Federico will als Wohnung
für seine Frau und für sich eine Zimmerflucht ausbauen. Hierbei geht es um den
Nordflügel, den Jole‐Saal, der für Empfänge und Bankette genutzt werden soll und die
drei angrenzenden Räume im piano nobile. Die Anspielung in den Namen Jole ist nun
nicht zu übersehen, denn Jole, die Geliebte des Herkules, steht für Battista, der Braut
Federicos, den Giovan Mario Filelfo als den „neuen Hekrules“ preist.
Die sala degli affreschi, die an den Jole‐Saal grenzt, verbindet sich mit dem Namen des
Baumeisters Luciano Laurana. In Mantua hatte Laurana für Ludovico Gonzaga gebaut,
Federicos Schulfreund aus den Tagen in Vittorinos Casa giocosa. In diesen Tagen
residierte der Papst der Christen in Rom, der Papst der Baumeister und Architekten,
Leon Battista Alberti, aber in Mantua. Mag Begabung Laurana weit gebracht haben, zu
einen der ersten Baumeister seiner Zeit macht ihn die Begegnung und
Auseinadersetzung mit Alberti.
Ob Alberti, Ludovico oder Alessandro Gonzaga, Federicos Schwiegervater, Luciano
Laurana nach Urbino empfohlen haben, wissen wir nicht, aber das letztlich sein
exzellenter Ruf den Ausschlag gibt, steht fest. Wieder mit Blick auf Donato kommt einem
Detail größte Bedeutungen zu: Luciano freundet sich mit dem am Hofe in Urbino tätigen
deutschen Mathematiker und Astrologen Jacob von Speyer an, der zu den bedeutenden
Mathematikern und Astronomen seiner Zeit gehört und mit Regiomontanus im regen
Austausch steht. Mir gefällt die Vorstellung, dass der junge Donato mit großen Ohren
und mit vor Erregung glänzenden Augen dabei sitzt, wenn Jakob und Luciano
komplizierte geometrische und mathematische Probleme besprechen. Diese Vorstellung
wird durch nichts weiter gestützt als durch ein Bild, ein Fresco. Jahrzehnte später sollte
der Sohn des Giovanni Santi in seinem berühmten Fresco „Die Schule von Athen“ Donato
als Euklid porträtieren, der einen Zirkel in den Boden schlagend ein geometrisches
Problem erläutert. Laurana dürfte Donato am nachhaltigsten beeindruckt und, wie ich
vermute, mit der Lust am Bauen infiziert haben. Bauen bedeutet nicht nur abzubilden,
sondern zu bilden. Wer baut, verändert sehr konkret die Welt, greift in das Leben der
Menschen sehr direkt ein, wenn er beispielsweise Häuser niederreißen lässt, um eine
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große Straße zu bauen, die quer durch Rom führt wie die via Giulia, die Donato für Julius
II. anlegen wird.
Als Luciano Laurana 1472 Urbino verlässt, macht sich auch Donato in die große weite
Welt auf. Er ist nun Ende Zwanzig, hat im Grunde ausgelernt. Und will sein Können
anwenden und zeigen. Warum aber verlässt ein junger Maler mit Lust am Bauen den
kunstsinnigen Hof Federicos? Er müsste für ihn doch der Himmel auf Erden sein? Die
nächstliegende Erklärung, dass er Laurana folgt, fällt, weil er es nicht tat, weg. Im
Gegenteil, Donato schlägt sich bis nach Bergamo durch, wo er die Fassade des Palastes
des Podesta freskiert. Er verdingt sich als Maler, er sucht, vielleicht baut er auch kleinere
Sachen.
Donato ist ein Suchender, einer, der weiß, dass ihm etwas anderes bestimmt ist und der
nicht aufhören kann, bevor er es gefunden hat, zumindest, bevor er es sieht. Ende der
siebziger Jahre des Quattrocento ist er dann in Mailand, am Hofe Ludovico Sforzas, lernt
Leonardo da Vinci kennen – aber darüber habe ich im Roman berichtet – und beginnt
jetzt wirklich zu bauen. Er entwirft die Pilgerkirche Santa Maria presso San Satiro,
beteiligt sich an dem Projekt, die Kathedrale von Pavia wiederaufzubauen. Das
entscheidende Erlebnis besteht für ihn dennoch in der Auseinandersetzung mit dem
Mailänder Dom. Brunelleschi hatte die Zentralperspektive gefunden, wodurch alles
Gestaltete aus der Perspektive des Betrachters dargestellt wird. Die Welt ist nun nicht
länger objektives Sein, sondern subjektive Wahrnehmung. Die Welt Gottes wird durch
die Zentralperspektive nun zu der durch den Menschen wahrgenommenen Welt.
Bramante begreift, dass Bauen bedeutet, die Kraft zu beherrschen, die immer aus Kraft
und Gegenkraft, aus Lager und Widerlager besteht. Bauen heißt, den Himmel zu
versuchen und seinen Zorn, der in den waltenden Kräften besteht, durch das Mauerwerk
abzuleiten. Im Angesichts des Mailänder Doms kommt ihm die Erkenntnis, dass eine
Wölbung oder eine Kuppel leicht sein muss. Eine Wölbung oder eine Kuppel hat sich
leicht wie der Himmel über die Welt zu spannen. Die Pfeiler, Mauern oder die Vierung,
auf der das Gewölbe oder die Kuppel ruht, sollen zwei Funktionen erfüllen, erstens
haben sie die Kuppel zu tragen, in dem sie die gewaltigen Kräfte in einem Ensemble von
Lagern und Widerlagern, Pfeilern und Konterpfeilern ableiten, und zweitens sollen sie
dem Licht, die Möglichkeit geben, sich auszubreiten, denn Raum wird niemals durch
Mauerwerk geschaffen, sondern immer durch Licht. Ein Raum ohne Licht ist ein Loch,
eine Höhle, ein Widersinn.
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Immer wieder zog es deutsche Maler nach Italien. Sicher, der antiken Bauwerke wegen,
auch der Gemälde und Bildhauerwerke der Renaissance, aber vor allem wegen des
Lichts. Für einen Menschen des Nordens ist Italiens Lichts etwas besonderes, für Sie
verständlicherweise eine Normalität. Aber das Licht ist die Wirklichkeit, das hat Donato
als Grundprinzip der Architektur begriffen: Nicht mit Mauerwerk, sondern mit Licht
baut man Räume. Für ihn steht fest: Wer die Kuppel des Himmels errichtet, der hat die
Ewigkeit erreicht und die Endlichkeit der eigenen Existenz überwunden, der ist zu
einem Pfeiler der Welt geworden. Dieses Höchste zu verwirklichen, unendlich zu
werden und in der Ewigkeit zu sein, dahin drängt Donatos Sehnsucht. Nicht Architekt
eines Fürsten, sondern Baumeister der Welt zu werden.
Im Roman erzähle ich von dem Prozess, durch den Donato zu dieser Erkenntnis kommt,
von der Auseinandersetzung mit Leonardo und mit Pico della Mirandola, den
Philosophen, den ich liebe: „Wer wünschte nicht, indem er alles Menschliche hintansetzt,
die Gaben des Glücks verschmäht, die seines Körpers missachtet, schon während seines
Erdenlebens ein Gast der Götter zu werden und als sterbliches Lebewesen, vom Nektar
der Ewigkeit trunken, mit der Gabe der Unsterblichkeit beschenkt zu werden? Wer
wollte nicht von jenen sokratischen Verzückungen, die Platon im ‚Phaidros’ preist, so
erfasst werden, dass er von hier, das ist aus der Welt, die auf dem Bösen gegründet ist,
mit den Schwingen seiner geflügelten Füße eilig davonflöhe und in rasendem Flug zum
himmlischen Jerusalem getragen würde?“ (Pico dellae Mirandola: Über die Würde des
Menschen, Hamburg 1990, S. 25)
Nicht das himmlische, aber das alsbald schon von Papst Julius II. als irdisches, als Neues
Jerusalem geplante Rom betritt Donato, um dort Baumeister dieses Neuen Jerusalems zu
werden. Für Donato ist es ein Glück, dass er in Julius einen Papst trifft, der nach dem
Baumeister des Neuen Jerusalems, nach einem wie Donato Bramante sucht. In Rom legt
er Straßen an, baut Kirchen und den cortile del belvedere. In Wahrheit wird dieses Neue
Jerusalem zum Schauplatz des erbarmungslosen Krieges zweier Künstler, einer
Titanenschlacht von antikem Ausmaß und diese Geschichte möchte ich zum Abschluss
meiner lectio skizzieren:
Im Jahr 1505 ruft Papst Julius II. den berühmten Bildhauer, Maler und Architekten
Michelangelo zu sich und bittet ihn, ein Grabmal für sich zu entwerfen. Michelangelos
Entwurf gerät jedoch so imposant, dass sich in der alten Kirche kein Platz dafür findet,
und es wird beschlossen, den Petersdom so zu erweitern, dass er auch Platz für das
eindrucksvolle Mausoleum bietet. Michelangelo begibt sich daraufhin für das nächste
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halbe Jahr in die Steinbrüche von Carrara, um den passenden Marmor auszusuchen. In
der Zwischenzeit beauftragt Julius II. den schnellen und entschlossenen Donato
Bramante, den Ausbau des Petersdomes vorzunehmen. Der Architekt sieht mit einem
Blick, dass er zum Erfüllungsgehilfen eines Bildhauers degradiert werden soll, was sich
weder mit seinem Stolz, noch mit seinen Honorarvorstellungen verträgt. Er liefert einen
Entwurf, der zum einen überzeugend und brillant ist. Zum anderen spricht er damit
Julius II. in seiner Eitelkeit als zweiten Cäsar an und macht ihm den Gedanken
schmackhaft, mehr als nur ein Grabmal zu errichten: Julius II. würde seinen Onkel Sixtus
IV. – den Auftrag‐ und Namensgeber der Sixtinischen Kapelle – als Baumeister Roms und
Förderer der Künste übertreffen und der Neubau von Sankt Peter ihm ewigen Ruhm
einbringen: Die Hauptkirche der Christenheit wäre sein Werk. In Abwesenheit
Michelangelos bringt Bramante den Papst dazu, mit dem Neubau zu beginnen. Nun fehlt
allerdings das Geld für das Grabmahl. Michelangelo kehrt zurück und erhält keine
Audienz beim Papst. Eine Woche lang bemüht sich der Künstler ohne Erfolg. Schließlich
tritt er wieder vor den Wächter, just in jenem Moment, als auch Galeotto Franciotti
Kardinal della Rovere, der Sohn der Schwester des Papstes, im Vatikan eintrifft. Der
Kardinal empört sich und herrscht den Wächter an: „Er hat zu respektieren, wer dieser
Mann ist!“ Unglücklich über die Situation kann der Wächter nur erwidern: „Gewiss weiß
ich, wer der Mann ist, aber ich bin verpflichtet, die Befehle meines Herrn auszuführen.“
Für Michelangelo ist damit die Abweisung eindeutig – wenn nicht einmal der Neffe des
Papstes ihm Zugang zu diesem verschaffen kann, dann ist er in Ungnade gefallen, dann
hat es in seiner Abwesenheit Intrigen gegeben. Sensibel, wie er als Künstler ist, zaubert
die Fantasie sogleich Bedrohungen vor seine Augen. Michelangelo handelt rasch: Er
weist seinen Diener an, das Mobiliar seiner Wohnung zu verkaufen, und zwanzig
Stunden später befindet er sich bereits auf Florentiner Gebiet. Kaum ist Michelangelo in
den frühen Apriltagen des Jahres 1506 in Florenz eingetroffen, da wird seine
empfindliche Niederlage für alle Zeit und unwiderruflich dokumentiert: Am 18. April
legt Julius II. den Grundstein für Neu Sankt Peter, für das größte Bauwerk seiner Zeit,
das sich noch dazu an der Stätte der alten und heiligen Grabeskirche Petri, der
Hauptkirche der Christenheit, erheben soll. Und das alles nach Donatos Ideen. Es ist
Donatos Triumph! Die Widerstände, die sich Julius II. entgegenstellen, zählen Legion.
Schwer vorstellbar, woher der gewiss kühne Papst diesen ungeheuren Mut nimmt, um
ein so monumentales Werk in Angriff zu nehmen. Er muss den nahezu geschlossenen
Widerstand seiner Zeitgenossen teils ignorieren, teils niederzwingen. Von heute aus
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betrachtet, scheint kaum jemand – außer Donato Bramante und die Bauleute – dafür
gewesen zu sein. Der Papst hat also, die Ablehnung der Kardinäle zu überwinden und
das Geld für das beispiellose Projekt zu besorgen. Nicht, dass die Kardinäle den
bejammernswerten Bauzustand der über tausendjährigen Basilika übersehen haben,
auch empfinden sie für den wild gewachsenen, in Stil und Baumaterial völlig
unharmonischen Gebäudekomplex, der sich in den Jahrhunderten um das Petrusgrab
gebildet hat, keinerlei Sympathie. Entscheidend für die Ablehnung der Kardinäle ist die
Tatsache, dass die Basilika aus der Zeit der ersten Christen stammt. Erinnerungen und
Geschichte geraten zur geistigen Statik der Basilika und schließlich auch der Kirche. Hier
ist das Petrusgrab, hier befinden sich aber auch die Gräber vieler Märtyrer und Heiliger.
Manchem Zeitgenossen kommt es so vor, als würde mit dem Abriss von Alt Sankt Peter
das Evangelium selbst zerlegt.
Die Grundsteinlegung selbst erfolgt in größter Eile. Mit zwei Kardinaldiakonen und
einigen Maurern klettert der dreiundsechzigjährige Papst über Leitern zum Grund der
Baugrube hinab, um den Grundstein zu segnen, den man aus weißem Marmor gefertigt
hat und auf dem die Inschrift gemeißelt steht: „Papst Julius II. aus Ligurien hat 1506 im
dritten Jahr seiner Regierung diese sehr verfallene Basilika wiederherstellen lassen.“
Nach dem Segen richtet der Papst den Stein, und die Maurer stellen einen Krug mit
Münzen auf den Marmor, die der berühmte Goldschmied Caradosso geprägt hat. Julius II.
spricht ein Gebet, erklimmt die Leitern und schreitet zügig zurück in den Vatikan, denn
er befindet sich in Kriegsvorbereitungen gegen Bologna.
Dort hat Giovanni II. Bentivoglio als starker Mann die Signoria, die Herrschaft, inne.
Unter Nichteinmischung der Päpste hat er das ehemalige päpstliche Lehen Bologna an
sich gerissen. Julius II., der die Absicht hat, den Kirchenstaat in seinem Bestand zu
festigen, kann und will das nicht hinnehmen. Eigentlich ist der Papst vollauf mit
schwerwiegenden politischen Problemen beschäftigt, als er den Neubau des Petersdoms
beschließt und in die Wege leitet. Am 30. August 1506, einem Sonntag, marschiert Julius
wegen der großen Hitze bereits vor Sonnenaufgang an der Spitze von fünfhundert
Rittern gen Norden. Durch Sondergesandte informiert er den französischen König
darüber, dass er sich auf dem Weg nach Bologna befindet, um Bentivoglio
niederzuwerfen. Vor Bologna erwart er die französischen Hilfstruppen. Die gleiche
Botschaft geht an Venedig mit dem einen Unterschied, dass der Papst vom Dogen
lediglich wünscht, sich in der Angelegenheit neutral zu verhalten.
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Julius hat entschieden, alles auf eine Karte zu setzen und Fakten zu schaffen. Die
Rechnung geht auf: Die französischen Truppen erscheinen pünktlich vor Bologna, um
den Papst zu unterstützen, Venedig bleibt neutral. So kann Julius II. am 1. November
1506 siegreich in Bologna einziehen. Zuvor hat er schon das widerstrebende Perugia
niedergerungen. Als oberster Baumeister des Papstes und Spezialist für
Festungsanlagen muss Donato Bramante seinen Herrn auf den Kriegszügen begleiten –
so dicht liegen Baukunst und Kriegskunst in jenen Tagen beieinander.
Nicht im Krieg, sondern beim Umbau des Petersdoms handelt sich Bramante den
Spottnamen „ruinante“ – der Zerstörende – ein. Um sein Werk unumkehrbar
voranzutreiben, hält er es wie sein päpstlicher Herr: Er schafft Fakten, indem er
schneller, radikaler und mehr von der alten Basilika abreißen lässt, als notwendig, um
den Neubau voranzutreiben. Kühn nimmt er weder auf Kunstschätze, noch auf
Zeugnisse der Geschichte in der nunmehr zwölfhundert Jahre alten Basilika Rücksicht.
Wertvolles stein‐ und bildgewordenes Wissen, das uns wichtige Auskünfte über das
frühe Christentum und die Anfänger der Kirche hätten geben können, fallen bildlich
gesprochen seiner Spitzhacke zum Opfer.
Den Höhepunkt erreicht Bramantes Kühnheit, als er dem Papst vorschlägt, das Grab des
Apostels Petrus zu verlegen, weil er die Achse des Domes drehen will. Der Haupteingang
zum Dom soll nun statt im Osten im Süden liegen, sodass die gewaltige Cäsarsäule auf
den Eingang des Domes hinweisen wird, seines Domes, des Domes des Donato
Bramantes. Dieser Idee folgt sogar Julius nicht mehr. Das beachtliche Überredungstalent
des Baumeisters versagt vor dem Frevel. Julius entgegnet ihm, dass das Heidnische sich
nach dem Christlichen, und nicht das Christliche sich nach dem Heidnischen zu richten
habe. Er soll die Cäsarsäule umstellen.
Schwierigkeiten mit dem komplizierten Baugrund, Geldnöte und Feldzüge brachten die
Bauarbeiten zeitweilig zum Erliegen. Inzwischen hatte der französische König Ludwig
XII. Kardinal d’Amboise ermuntert, 1511 mit den oppositionellen spanischen und
französischen Kardinälen, deren Ziel es ist, den Papst abzusetzen, ein Konzil in Pisa zu
eröffnen. Das bringt den Pontifex in große Bedrängnis, denn auch der deutsche Kaiser
Maximilian, dem die fixe Idee kommt, selbst Papst werden zu wollen, unterstützt
stillschweigend, doch wirkungsvoll das Absetzungskonzil. Julius II. unterläuft diesen
Versuch energisch, indem er noch im gleichen Jahr ein rechtmäßiges Konzil in den
Lateran einberuft und die Pisaner als Schismatiker verurteilt. Denn wie kann es ein
rechtmäßiges Konzil in Pisa geben, wo doch in Rom das Konzil der Kirche stattfindet?
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Damit hat er dem gefährlichen Angriff seiner Feinde von vornherein den Stachel
genommen.
All das beeinträchtigt die Bauarbeiten am Petersdom mittelbar und unmittelbar. Vom
Abriss und, außerhalb der Basilika, den Arbeiten an der Vierung abgesehen, hat sich
noch nicht allzu viel getan, als Julius II. am 20. Januar 1513 das Sterbesakrament erhält.
Er versammelt die Kardinäle um sein Sterbelager und teilt ihnen auf Latein sein
Vermächtnis mit. Er schärft ihnen ein, die Kardinäle des pisanischen Konzils, die er, weil
sie eine Kirchenspaltung provozieren, nur „die schismatischen Kardinäle“ nennt, nach
kanonischem Recht vom nächsten Konklave, von der Papstwahl auszuschließen. In der
Nacht vom 20. zum 21. Januar stirbt Julius II. Die Festlegung aber, die schismatischen
Kardinäle vom Konklave auszuschließen, führt letztendlich zur Wahl des Giovanni de’
Medici zu Papst Leo X.
Knapp anderthalb Jahre später, am 11. April 1514, stirbt Donato Bramante in Rom. Er
soll in Sankt Peter begraben worden sein. Hinterlassen hat er die ruinierte Basilika von
Alt Sankt Peter, die eindrucksvolle Vierung, auf der einst eine noch eindrucksvollere
Kuppel ruhen würde. Doch haben seine Nachfolger die Kühnheit seiner Idee nicht
verstanden, nur einer, welch Ironie der Geschichte, sein Widersacher Michelangelo, der
nun lange nach dem Tod des Meisters Bramantes Kuppel‐Idee verwirklicht.
Michelangelo hasst Donato Bramante aus tiefster Seele, aber vor der Genialität der
Kuppel kann sich Michelangelos Genialität nicht verschließen. Ein Meister erkennt den
anderen.
Donato hat uns scheinbar ein Rätsel hinterlassen, dessen Lösung ewig ein Streit bleiben
wird: hat er ein Langhaus oder einen Zentralbau beabsichtigt, soll sich sein Petersdom
im Grundriss über ein lateinisches oder über ein griechisches Kreuz erheben? Man darf
dabei nicht vergessen, dass 1453 Konstantinopel in die Hände der Osmanen fällt und
Italien von griechischen Exilanten überschwemmt wird. Gern gesehener Gast in Urbino
ist der griechische Kardinal Bessarion, einer der klügsten Männer seiner Zeit, der beinah
sogar Papst geworden wäre. Aber das ist schon eine andere Geschichte.
Ich glaube hingegen, dass der Streit Zentralbau oder Langbau schlicht gegenstandslos
ist, zumindest in Hinblick auf Donato Bramante. Donato weiß nur zu gut, dass die
knappe Zeit, die einem Menschen auf Erden gegeben ist, nicht ausreichen wird, den Bau
zu vollenden. Niemals wird er den vollendeten Dom sehen. Deshalb konzentrierte er
seine ganze Kraft auf die Kuppel des Himmels, sie zu verwirklichen, würde bereits seine
ganze Lebenszeit und Lebenskraft kosten. Nennen Sie es einen Skandal, dass er niemals
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den Petersdom als Ganzes projektiert hat, sondern nur die Kuppel, ich nenne es Einsicht
in die eigene Endlichkeit und Weisheit in dem Wissen, dass andere Baumeister ohnehin
anders weiterbauen würden, als er es geplant hat.
Als Johann Wolfgang von Goethe Faust zur Zentralfigur und zum alter ego seiner
unerfüllten Sehnsüchte machte, da war Europa nur noch ein Traum, da war das wahre
Europa mit seinen Genien bereits versunken. Da es aber nichts schöneres und für uns
Italiener und Deutsche, für die Menschen dieses wunderbaren Europas nichts
existentielleres gibt, als diesen Traum dem Vergessen zu entreißen, habe ich den Roman
über den Bau des Petersdomes, über Michelangelo und vor allem aber über Donato
Bramante geschrieben. Nicht Merkel, nicht Renzi, nicht Hollande und auch nicht Juncker
sind Europa, sondern Johann Wolfgang von Goethe, Donato Bramante und René
Descartes, nicht im politischen Brüssel finden wir Europa, sondern in den Regionen, in
Potsdam wie in Florenz, in Urbino und Fermignano, in der Mark Brandenburg, in den
Marken, in der Emiglia Romana, in Umbrien und Apulien und in der Provence, in La
Mancha und Grenada beispielsweise, und nicht zuletzt in diesem herrlichen Palazzo
Ducale begegnen wir dem eigentlichen Europa. Lassen wir und das nicht abhandeln!
Opfern wir auf den Altar eines Freihandelsabkommens nicht Bramante und Goethe.
Dulden wir nicht die Geldwechsler im Tempel. Lassen wir nicht von amazon unsere
Verlage zerschlagen! Tauschen wir nicht wie Hans im Glück unsere Identität gegen
Gesichtslosigkeit ein. Die besten Erfahrungen haben die Italiener und die Deutschen mit
ihrer facettenreichen Regionalität gemacht. Aus dieser Region ging Donato hervor und
Federico da Montefeltro und auch Raffael. Werden wir wieder Optimisten. Ich bin es
beim Schreiben des Romans geworden. Das verdanke ich der Begegnung mit Donato.
Europa benötigt eine neue Renaissance, einen neuen Donato Bramante, einen neuen
Giovanni Pico della Mirandola, einen neuen Michelangelo, einen neuen Albrecht Dürer
und vielleicht auch einen neuen Martin Luther.

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