Dankesrede zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Fermignano

Dankesrede zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Fermignano

Dankesrede, gehalten zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde des Geburtsortes von Donato Bramante in Fermignano am 1. August 2014

Sehr geehrter Herr Cancellieri, sehr geehrte Damen und Herren,

Zuallererst muss ich Ihnen leider eine Niederlage eingestehen, denn ohne diese Niederlage erlitten zu haben, würde ich heute nicht vor Ihnen stehen: Es ist wohl so, dass man den Beruf des Schriftstellers nicht ergreift, sondern, das man von ihm ergriffen wird. Was mich betrifft, habe ich mich sehr lange aber letztlich erfolglos dagegen gewehrt. Die Sehnsucht und die Leidenschaft, den Menschen etwas mitzuteilen, Geschichten zu erzählen, weil sie erzählt werden müssen und die vielleicht naive Vermessenheit, anzunehmen, dass kein anderer diese Geschichten so erzählen wird, wie sie erzählt werden wollen, sind letztlich größer als alle Vernunft. Im Falle des Autors Historischer Romane kommt hinzu, dass er an etwas erinnern möchte, weil es nicht vergessen werden darf. So wie der Mensch Nahrung und Liebe benötigt, so kommt er auch nicht ohne Geschichten aus.
Für zwei beglückende Momente erträgt der Autor jeden Unbill. Zum einen ist das die Zeit der Arbeit. Anfangs allerdings nehmen die Figuren nur quälend und langsam Gestalt an. Sie müssen wissen, Figuren in einem Roman sind das faulste, was man sich vorstellen kann. Stets und ständig erwarten sie, dass der Autor etwas mit ihnen anstellt. Jeden Tag denkt man sich etwas für sie aus, von dem man hofft, dass es wenigstens eine Seite lang anhält, doch schon nach einem Absatz verlangen sie nach neuem und Gähnen dann einen auch noch an. Das ist vielleicht der schlimmste Moment, den man erleben kann: in das gähnende Antlitz der Figuren zu schauen. Man schleicht dann geprügelt vom Schreibtisch fort, geht spazieren, fragt sich, ob man nicht die falschen Figuren oder das falsche Thema gewählt hat. Jede andere Figur, jedes andere Thema ist spannender. Neue Figuren, neue Themen schwirren durch den Kopf. Und glauben Sie mir, eine verlockender als die andere. Man hält durch – was soll man auch anderes tun. Doch dann, bei mir etwa um die Seite 50 herum bewegen sich meine Figuren, beginnen sie zu leben und ich stenographiere nur noch atemlos ihre Handlungen, Gedanken, Pläne, Hoffungen und Ängste mit. Ich bin jetzt nicht mehr der Autor, sondern nur noch der faszinierte Protokollant, der vom Leben der Figuren überrascht wird. Die ersten fünfzig Seiten wandern für gewöhnlich in den Papierkorb, dem Grabmahl meiner quälenden anfänglichen Bemühungen. Jetzt erst lerne ich meine Figuren wirklich kennen. Ich schreibe also, nicht nur um etwas mitzuteilen, sondern auch um zu erkennen. Schreiben ist meine Art, die Welt zu begreifen. So ist jedes Buch eine Einladung an den Leser, an diesem Prozeß, die Welt zu verstehen und zu erfahren, teilzunehmen und dabei – wie ich hoffe – gut unterhalten zu werden. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass der Leser die gleiche Spannung, die gleiche Freude, die gleiche Überraschung, die gleichen Gefühle empfindet wie ich beim Schreiben.
Damit bin ich beim zweiten glücklichen Moment und dem Grund für das Schreiben angelangt: dem Leser. Da ich gegen meinen Willen Schriftsteller wurde, weil ich Geschichten erforschen und erzählen muss, möchte ich natürlich, dass sie gehört oder gelesen werden. Den zweiten glücklichen Moment erlebt der Schriftsteller, wenn er erfährt, dass die Geschichte, die Flaschenpost, seinen Adressaten erreicht hat.
Schöner und beeindruckender als durch Ihre Ehrung habe ich die Erfahrung, gelesen zu werden, noch niemals gemacht. Dafür danke ich Ihnen von ganzen Herzen! Diese Ehrung bedeutet mir sehr viel, macht sie mich doch zu Ihrem Mitbürger und zum Mitbürger Donatos. Das ist mehr als man erhoffen darf. Ein Bürger Ihrer Stadt zu sein, ist eine hohe Auszeichnung und eine hohe Verpflichtung, mich Donatos und Ihrer stets würdig zu erweisen.
Allerdings existiert noch ein dritter Grund, warum mich diese Auszeichnung glücklich macht – und sie hängt damit zusammen, dass sie aus Italien kommt. Um das zu verstehen muss ich Ihnen – wie könnte es anders sein – eine kleine Geschichte erzählen. Keine Angst, es wird kein 600 Seiten Roman, es bleibt eine Kurzgeschichte, auch wenn sie etwas zurückreicht in eine Zeit, die unserem Gedächtnis zu entschwinden droht.
Sehr spät erst kam ich nach Italien. Als Kind trennte mich eine unüberwindliche Mauer von der Welt und von ihrem schönen Land, da ich in der DDR geboren worden bin. Natürlich lernte ich Pinocchio kennen, Boccaccio, Dante und Petrarca, Literatur überwindet bekanntlich alle Grenzen und bin ich auch mit den Filmen von Federico Fellini groß geworden. Doch bleiben wir in Fermignano, bleiben wir in Urbino. Das erste Mal, dass mich Kunst zutiefst beeindruckte, erschütterte und ich eine Ahnung von dem bekam, was Donato in einem Sonett das soave foco nennt, war, als ich wohl mit zwölf oder dreizehn Jahren in Dresden in der Gemäldegalerie Alte Meister vor Raffaels „Sixtinischer Madonna“ stand. Kunst lernt man nur an den Originalen kennen. Raffaels „Sixtinische Madonna“ war zu mir gekommen. Sie hatte die Mauer überwunden und eine Bresche geschlagen.
Aber Italien gelangte noch in einer anderen Gestalt und bei weitem früher zu mir. In bin in einer Stadt geboren worden, die in der Größe mit Fermignano vergleichbar ist. Jedes Jahr im Frühjahr kam ein Eismann in unsere Stadt, ein Eismann aus Italien, der bis zum Herbst blieb, bevor er wieder in seine Heimat zurückkehrte. Und jedes Jahr, wenn der Schnee zu schmelzen begann, bangten wir Kinder, dass der Eismann in diesem Jahr nicht ausbliebe und hofften, dass er wiederkäme. Und er kam. Sobald es warm zu werden begann, wurde die italienische Eisdiele zu unserer unbeschreiblichen Freude wieder eröffnet. Er brachte die Zutaten aus Italien mit. Und es war das beste Eis, was ich je in meinem Leben gegessen habe. Dabei wird es wohl bleiben. Die Erinnerung hat dieses Eis in eine Qualität befördert, die kein anderes Eis mehr erreichen wird.
Raffaels „Sixtinische Madonna“ in ihrer irdisch-überirdischen Schönheit und der beherzte Italiener mit seinem Eis, das nach einer großen und schönen Welt schmeckte, die uns damals unerreichbar schien, haben bereits mein Kinderherz für Italien eingenommen. Drei meiner Romane spielen in Italien, das Sachbuch über die Geschichte des Vatikans hauptsächlich und das Sachbuch über die Geheimbünde zumindest teilweise. In meiner Schublade liegt eine halbvollendete Boccaccio-Biographie, die ich eines Tages zu beenden gedenke. Und in der vor kurzem erschienenen Biographie der Bach-Familie folgte ich Johann Christian Bach, also Giovanni Christiano Backh nur allzu gern nach Mailand und nach Neapel, wo er mit seinen Opern Furore machte. Vielleicht ist es ja die alte und zuweilen verhängnisvolle Liebe der Deutschen zu Italien, die mich gedanklich, erzählerisch und hin und wieder auch als Reisender nach Italien führt.
Vor Jahren, als ich einen Dokumentarfilm im Vatikan drehte und als erster im Archiv der Glaubenskongregation filmen durfte – nach langen Verhandlungen mit dem damaligen Kardinal Ratzinger und noch längeren Verhandlungen mit der Vatikanbürokratie hinsichtlich der Filmrechte -, hörte ich den Satz: Die Deutschen lieben die Italiener, schätzen sie aber nicht, während die Italiener die Deutschen schätzen, aber sie nicht lieben. Ich fand schon damals, dass der törichte Satz viel klüger klang, als er tatsächlich war. Ich hatte meine „Sixtinische Madonna“ geliebt und ihren Schöpfer Raffael sehr geschätzt und achtete ihn hoch. Und den Eismann, dessen Eis ich als Kind geliebt hatte, den brachte ich Achtung und Bewunderung entgegen, weil er jedesmal von neuem die Mauer überwand und uns diese Köstlichkeit brachte, die nach einer anderen Welt schmeckte. Und natürlich hoffe ich, dass der eine oder andere meiner italienischen Leser den Roman oder zumindest ein paar seiner Figuren beim Lesen auch liebgewonnen hat.

Nach alldem, was ich Ihnen erzählt habe, muss ich nicht mehr betonen, dass ich den Roman mit Liebe und mit Leidenschaft geschrieben habe. So ist es eine große Freude und Ehre für mich, dass sie Ihren Donato wiedererkannten und dass aus Ihrem Donato unser Donato geworden ist.
Und dass, meine Damen und Herren, ist für mich Europa, ist für mich die Grundlage des Lebens der Menschen, auf diesem alten, schönen Kontinent, dass aus ihrem Donato unser Donato wird und aus meinem Albrecht Dürer unser Albrecht Dürer. Johann Wolfgang von Goethe floh nach Italien, um seine Seele gesunden zu lassen. In Urbino hielt sich der Dichter Torquato Tasso auf und Johann Wolfgang von Goethe hat in dem Drama „Torquato Tasso“ seine eigene Not als Dichter, der zugleich Hofmann war, verarbeitet. Der Deutsche hat sich in dem Italiener gefunden. Es ist also nicht schwierig. Es benötigt nur etwas Kultur, die wir so reichlich geerbt haben und die wir uns nur anzueignen brauchen. Dazu ist sie doch da. Und das schöne ist, Kultur wird nicht weniger, je mehr Menschen sie sich aneignen, im Gegenteil, sie wird dadurch mehr.
Aus alle diesen Gründen und aus all diesen Gefühlen, die ich versuchte in Worte zu fassen, danken ich Ihnen von Herzen, dass sie meinen Roman angenommen haben, danke Ihnen dafür, dass sie Donato Bramante mit einem so großartigen Pogramm ehren und weiß uns einig in der Verehrung Donatos. Immer noch bringt er Menschen zusammen – und das vermag nur weit über seinen Tod hinaus das Genie!

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